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AUS WIRTSCHAFT UND GESELLSCHAFT

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aktuell Nr. 137 «

Ökonomen in der Krise?

Die Frustration gegenüber den Wirtschaftswissenschaften, gegenüber

den Studien und Grundlagen der Ökonomen scheint in den vergange-

nen Jahren permanent gewachsen zu sein. Und diese Frustration

reicht bis in die Hörsäle der Universitäten: Im November 2011 verlie-

ßen an der Harvard University siebzig Studenten demonstrativ eine

Vorlesung des Ökonomen Prof. Greg Mankiw. Dabei zählte diese Vorle-

sung bis dahin zu denen mit der höchsten Einschreibungsquote in Har-

vard. Ihr Vorwurf: Trotz des Desasters der Finanzkrise würden die gän-

gigen ökonomischen Lehren unverändert weiterverbreitet. Und das,

obwohl die meisten Ökonomen die Finanzkatastrophe damit nicht vor-

hergesehen hatten.

Diese Kluft sah zuvor schon Joseph E. Stiglitz, der einmal sagte: „Die

Ökonomie ist die einzige Wissenschaft, in der sich zwei Menschen ei-

nen Nobelpreis teilen können, weil ihre Theorien sich gegenseitig wi-

derlegen.“ Und damit bringt er die Problematik auf den Punkt: Es gibt

kein schlüssiges Modell, um die Finanzmärkte im Spannungsfeld glo-

baler Risiken widerspruchsfrei vorherzusagen.

Risiken mit Nebenwirkungen

Diese Risiken zu ermitteln – darin ist die Börsenwelt ganz groß.

Nicht umsonst treffen sich in Davos jährlich die klügsten Köpfe der

Ökonomie zum Weltwirtschaftsforum, diskutieren Risiken, ermitteln

eine Risikomatrix und schlagen sich Argumente für eine Inflation oder

Deflation um die Ohren wie in einer Talkshow. Finanzkrisen, Spekulati-

onsblasen, Energiepreisschocks – die Liste der drohenden Gefahren ist

lang. Wie Anleger jedoch reagieren sollten bzw. was die globalen Ri-

siken für ihre Investments bedeuten, das benennt am Ende doch nie-

mand.

Widerspruchsfreie Methoden und Prognosen: Fehlanzeige!

Ein harter Vorwurf gegen die Ökonomen. Und genau hier möchte ich

dazwischengrätschen: Wer von den Ökonomen in Davos und weltweit

erwartet, dass sie anhand ihrer Modelle eine Finanzkrise vorhersagen

oder die nächste Schwankung am Markt prognostizieren, verkennt die

Aufgabe der Wirtschaftswissenschaften.

Wo stünden wir ohne die Wirtschaftswissenschaften?

Der Ursprung der Ökonomie ist in der Forschung angesiedelt. Die Be-

triebswirtschaftslehre beantwortet, wie es einem Unternehmen geht,

ob es zu hohe Kosten hat, ob es Personal einstellen sollte oder wie gut

das Marketing läuft. Die Volkswirtschaftslehre hat im Blick, wie sich

die Wirtschaft insgesamt entwickelt, ob der Staat investieren sollte,

wann Zinsen angehoben werden müssen etc. Und es ist dieses profun-

de Wissen der Wirtschaftswissenschaften, das uns hilft, Krisen zu

verstehen und zu überwinden.

So geschehen beispielsweise unter Ben Shalom Bernanke, der über

Geldmarktpolitik und unter anderem über die große Depression der

1930er Jahre forschte. Damals stürzten die Aktienmärkte rasant ein,

Rechnungen wurden nicht beglichen und die amerikanische Noten-

bank befürchtete eine so wahnsinnig hohe Inflationsrate wie nach dem

Ersten Weltkrieg, würde sie weiter Geld drucken. Bernanke und auch

andere Ökonomen erkannten, dass es eben diese falsche Inflations-

angst war, aufgrund derer die Geldhähne zugedreht und der Wirtschaft

künstlich die Liquidität entzogen wurde. Es war nicht zu viel, sondern

zu wenig Geld im Umlauf.

Als Notenbank-Chef hat Bernanke diese Erkenntnisse genutzt und

durch konsequente Anwendung den USA geholfen, sich aus ihrer Krise

zu befreien. Auch die Europäische Zentralbank hat diesen Kurs, insbe-

sondere unter Mario Draghi, fortgesetzt.

Zwischen Wahrsagerei und Scheitern

Es sind diese ökonomischen Ratschläge und Steuerungsmöglichkeiten,

die uns heute einen wesentlichen Vorteil verschaffen. Denn die Er-

kenntnisse der Wirtschaftswissenschaften helfen, das Gesamtbild

WENN PROGNOSEN

LÜGEN

Wie Sie in ungewissen Zeiten geschickt anlegen

Seit acht Jahren steigen weltweit die Aktien. An der Technologiebörse Nasdaq haben sich die

Kurse durchschnittlich sogar mehr als vervierfacht. Wann droht der Absturz? Die Unsicherheit

ist groß, denn vor allem auf traditionelle Erkenntnisse der Ökonomie scheint an den Finanz-

märkten kaum noch Verlass. Sie benötigen also weitere Orientierungspunkte, um die Wende-

marken an den Börsen frühzeitig zu erkennen.

Foto: © JensHN/Fotolia.com

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