Zeitschrift für Fach- und Führungskräfte APRIL 2026 Spurensuche mit Köpfchen VERGANGENHEIT ENTSCHLÜSSELT RECHT Tarifvertrag für Akademiker EUROPA Fornika führt FECCIA UMFRAGE Standort unter Druck
1 2 3 Präsentationsplattform aufrufen Einmalige Registrierung unter der URL https://vaa.rahmenvereinbarungen.de mittels Firmen E-Mail-Adresse Sofort attraktive Angebote wahrnehmen 20% Registrieren und sparen. Exklusiv für VAA-Mitglieder Erhalten Sie besondere Rabatte auf Reisen, Mode, Technik und vieles mehr bei über 230 Top-Anbietern!
Stephan Gilow Hauptgeschäftsführer des VAA Foto: Friederike Schaab – VAA Unsere Branche bleibt in einer äußerst kritischen Lage. Und der Iran‑Krieg hat die geopolitische Unsicherheit weiter verschärft – er trifft eine Industrie, die ohnehin unter enormem Druck steht. Energie- und Rohstoffmärkte reagieren nervös, Fracht‑ routen geraten ins Wanken – zusätzliche Risiken, die laut dem Chemieverband VCI die angespannte Situation belasten: Bereits vor dem neuen Krieg sind Produktion, Preise und Umsatz im letzten Quartal 2025 weiter zurückgegangen; die Kapazitäts‑ auslastung vieler Anlagen verharrt unter der Rentabilitäts‑ schwelle. Der VCI spricht von einer „unterirdischen Jahres‑ bilanz“ und warnt vor einem möglichen Strukturbruch, wenn Deutschland nicht endlich Tempo bei Reformen aufnimmt. Das ist die Realität, in der unsere Mitglieder arbeiten – und in der sie gute Führung einfordern. Umso aufschlussreicher sind die Ergebnisse der aktuellen Standortumfrage von VAA und DECHEMA, die in der Rubrik Branche auf Seite 19 vorgestellt werden. Sie zeigen noch deutlicher, und zwar direkt aus der Perspektive der Fach- und Führungskräfte, wofür die Zahlen stehen: Fehlende Verlässlichkeit, politische Unentschlossenheit und steigender Kostendruck gefährden nicht nur Wertschöp‑ fung und Innovation, sondern auch die Zukunft ganzer Stand‑ orte. Die Stimmen aus den Betrieben senden ein klares Signal. Vor diesem Hintergrund ist es ein wichtiges Zeichen, dass VAA‑Vorstandsmitglied Dr. Roland Fornika im Rahmen der JustTransLEAD‑Konferenz in Málaga zum Präsidenten des Dachverbands der Europäischen Chemie-Führungskräfte FEC‑ CIA gewählt wurde. Die ULA Nachrichten berichten darüber auf Seite 32. Damit vertritt Fornika die Interessen von über 100.000 Fach- und Führungskräften in Europa – ein Mandat, das ge‑ rade jetzt Gewicht hat. Gemeinsam mit unseren europäischen Partnern werden wir die Standortpolitik aktiv mitgestalten und den strategischen Blick über Deutschland hinaus schärfen. In einer Welt, die ständig Krisen produziert, gehört Wissen‑ schaft zu den Dingen, die wirklich Bestand haben. Deshalb sei an dieser Stelle ein Blick auf das eher ungewöhnliche Spezial auf den Seiten sechs bis 15 empfohlen. Es widmet sich der Rolle von Naturwissenschaften in der Archäologie und zeigt, wie zeitlos Wissenschaft ist – und wie sehr sie dem oft atemlosen Nachrichtentempo widerspricht. Im Krisenstrudel mit einem ständig abnehmenden Aufmerksamkeitshorizont bietet dies eine Gelegenheit zum Innehalten – um neue Kraft für die Her‑ ausforderungen unserer Gegenwart zu tanken. Branche unter Druck braucht gute Führung 3 EDITORIAL VAA MAGAZIN APRIL 2026
VAA MAGAZIN – April 2026 6 SPEZIAL Coverfoto: Atthapon Niyom – iStock Foto: Evgeniy Shkolenko – iStock Auf den Spuren der Vergangenheit: Hightech trifft Geschichte 4 VAA MAGAZIN APRIL 2026 INHALT
Inhalt – VAA 16 Mitglieder werben Mitglieder: Wechsel an der Spitze des Rankings 18 Einkommensumfrage: Interview mit Prof. Christian Grund BRANCHE 19 Umfrage zum Standort: Zukunft der Branche in Gefahr 20 European Chemistry Partnering: Innovationen für Start-ups und Industrie POLITIK 22 Verantwortung von Führungskräften: Gestaltung statt Verwaltung MELDUNGEN 25 Effizientere Methanolsynthese Frühjahrssymposium des JCF Gestiegene Teilzeitquote Start der Befindlichkeitsumfrage 26 Veranstaltungsreihe zum Ehrenamt Batterieoptimierung durch Design Kohlenstoffsenke im Ozean Vereinbarkeit durch Vertrauensarbeitszeit 27 Energienutzung durch Copolymer Neues aus den Communitys Personalia aus der Chemie 28 Sensorfolie für Arzneimittel Wachstum durch Bildung Steuerung von Proteinen Rotation von Molekülen ULA NACHRICHTEN 29 Kommentar: Rahmenbedingungen für Führungskräfte 29 ULA intern: Austausch mit VAA und DGB 30 Wirtschaft: Perspektiven für Wachstum schaffen 32 Europa: Konferenz zur Transformation 34 Pro und contra: Debatte um Arbeitszeitflexibilisierung 35 Notizen aus Berlin: Dialoge mit Politik und Wissenschaft 36 Weiterbildung: Aktuelle Seminare des Führungskräfte Instituts 36 Terminvorschau: ULA-Veranstaltungen im Überblick MANAGEMENT 38 Gleichstellung: Equal-Pay-Day-Veranstaltung in Berlin RECHT 40 I nterview mit Ilga Möllenbrink: Akademiker-Manteltarifvertrag im Fokus 43 Urteil: Für wen gilt die freiwillige Lohnerhöhung? 60PLUS 44 Pensionärsreise des VAA: Schwerin ist Reiseziel für 2026 LEHMANNS DESTILLAT 45 Satirische Kolumne: 85 Sekunden vor der Apokalypse VERMISCHTES 46 ChemieGeschichte(n): Museumseröffnung in London 47 Glückwünsche 48 Sudoku, Kreuzworträtsel 49 Leserbriefe 50 Feedback, Termine, Vorschau, Impressum 5 INHALT VAA MAGAZIN APRIL 2026
Von Holzsammlungen und Massenspektrometern Archäologie und Naturwissenschaften Rotbraun sind sie, an den Enden spitz zulaufend. 20 Eisenbarren, die Ende Februar 2026 als „neueste Ausstellungsstücke im ‚Schaufenster der Generaldirektion Kulturelles Erbe GDKE‘ im Landesmuseum Mainz“ präsentiert wurden. Die unscheinbar wirkenden Exponate haben es in sich. „Die 20 Barren erweisen sich bei genauer Betrachtung als Schlüssel zu Wirtschafts- und Technikgeschichte von vor über 2.000 Jahren“, sagte die für das kulturelle Erbe zuständige Staatssekretärin Simone Schneider. „Die auffällige Einheitlichkeit von Form, Größe und Gewicht zeigt, dass wir es mit standardisierten Handelsprodukten zu tun haben.“ Beispiel für frühe Handelsnetze Damit eröffne der Fund „Einblicke in eine bereits erstaunlich organisierte Welt von Rohstoffgewinnung, Weiterverarbeitung und überregionalem Handel“, so Schneider weiter. „Die Eisenbarren sind also weit mehr als nur Metall – sie belegen frühe Wirtschaftsstrukturen in einer Region, die schon in der vorrömischen Eisenzeit Teil weitreichender europäischer Austauschnetze war.“ Die Fundstücke ähneln einander überdies auffallend in Form und Größe. Das deute darauf hin, dass sie aus einer einzigen Schmiedewerkstatt stammen könnten. Die Barren, die nicht nur die Staatssekretärin jubilieren lassen, wurden den Angaben zufolge 2020 von einer erfahrenen Sondengängerin in einem Wald bei Speyer entdeckt. Als diese erkannte, wie tief die Funde lagen, informierte sie umgehend die Landesarchäologie in Speyer, die zur GDKE gehört. So hätten die Objekte nach gültigen archäologischen Standards geborgen werden können – inklusive Informationen zu Lage und Befundsituation. Das wiederum werten die Verantwortlichen als echten Glücksfall. Zwar seien rund 1.300 Eisenbarren dieser Art aus Mitteleuropa bekannt. Doch nur wenige stammten aus einem gesicherten archäologischen Kontext. Hinzu kam laut GDKE, dass die Speyerer Funde restauratorisch unbehandelt waren – ein entscheidender Vorteil für die naturwissenschaftliche Auswertung. Die lag in den Händen der Spezialisten vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim, kurz CEZA. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des europaweit renommierten Labors konnten nachweisen, dass 19 der 20 Barren die gleiche chemische Signatur aufweisen. Eine 14C-Analyse – allgemein auch mit der Schreibweise C-14-Analyse bekannt – bestätigte die typologische Datierung in die vorrömische Eisenzeit. „Naturwissenschaften und Archäologie sind wie zwei gute Partner, die eine Ehe eingehen sollten“, lautet das Credo von CEZA-Geschäftsführer Dr. Ronny Friedrich. Wenn er von seiner Arbeit erzählt, gerät er schnell ins Schwärmen. Das liegt, wie er sagt, an der Bandbreite an Methoden und Disziplinen, die bei den Analysen zum Einsatz komme. Und an den Erkenntnissen, die sich daraus gewinnen ließen. von Joachim Heinz Interesse an einer Reise in die Vergangenheit – mit Mitteln der modernen Forschung? Archäologie und Naturwissenschaften machen es möglich. Der Mix aus beidem trägt dazu bei, die Welt von gestern zu erkunden. Egal, ob es sich um Nilpferde am Oberrhein handelt, eine rätselhafte Seuche oder einen merkwürdigen Fund in einem Wald bei Speyer. Foto: Bonewitz – GDKE 6 VAA MAGAZIN APRIL 2026 SPEZIAL
Flusspferde und Mammuts am Oberrhein Ein anderes Beispiel aus der Arbeit des Labors: Untersuchungen von uralten Flusspferdknochen aus dem Oberrheingraben. Ein internationales Forschungsprojekt unter Leitung des CEZA, der Universität Potsdam und der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim konnte mittels paläogenetischer Methoden und Radiokarbon/14C-Datierungen nachweisen, dass Flusspferde noch vor etwa 47.000 bis 31.000 Jahren in dieser Region lebten. Die Spezialisten stellten damit bisherige Annahmen zum Aussterben der Tiere in Europa in Frage. „An vielen Skelettresten konnten wir aussagekräftige Proben entnehmen – nach dieser langen Zeit keine Selbstverständlichkeit“, sagt CEZA-Geschäftsführer Friedrich. Eine genomweite Analyse zeigte eine sehr geringe genetische u Wenn Fundstücke unter die Lupe genommen werden, sind auch Naturwissenschaftler und Naturwissenschaftlerinnen gefragt. Foto: Santabibia – Wikimedia Commons 7 SPEZIAL VAA MAGAZIN APRIL 2026
Vielfalt, was auf eine kleine, isolierte Population im Oberrheingraben hindeutet. Auch wenn es also nur wenige Vertreter der Spezies gab: Die wärmeliebenden Flusspferde lebten zur selben Zeit wie kälteangepasste Arten, zu denen etwa Mammuts und Wollnashörner gehören. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Flusspferde am Ende der letzten Warmzeit nicht aus Mitteleuropa verschwunden sind wie bisher angenommen“, bilanziert der Erstautor der Studie Dr. Patrick Arnold. „Daher sollten weitere Flusspferdfossilien, die traditionell der letzten Warmzeit zugeordnet wurden, erneut untersucht werden.“ Merke: Erfolgreiche Untersuchungen können neue Fragen aufwerfen – für die wiederum eine ganze Reihe an naturwissenschaftlichen Methoden zur Verfügung stehen. Jost Mergen, Archäologe und Leiter der Sammlungen im Rheinischen Landesmuseum Trier nennt geochemische und -physikalische Sedimentanalysen zur Landschafts- und Umweltrekonstruktion als Beispiele. Aber auch Röntgenfluoreszenzanalysen, um mineralische Produkte wie Töpfereierzeugnisse zu untersuchen. Und dann gibt es im Museum ein Labor für Dendrochronologie, 1970 gegründet und eines der ältesten seiner Art in Deutschland. Dendrochronologie eröffnet neue Perspektiven Bei dieser Methode geht es um die Jahresringkurven bei Bäumen. Die Breite eiAufnahme aus dem Dendrochronologischen Labor, Messtischanlage mit Probe. Foto: Rheinisches Landesmuseum Trier 8 VAA MAGAZIN APRIL 2026 SPEZIAL
Die Jahresringe von Bäumen können bei der Datierung von Funden eine wichtige Rolle spielen. Foto: U.S. Army Corps of Engineers Norfolk District – Wikimedia Commons nes Jahresrings wird neben den allgemeinen Standortbedingungen wie etwa Bodengüte und Hangneigung vor allem durch klimatische Gegebenheiten bestimmt. Die Bedeutung der Jahresringabfolgen für die Datierung von Holzproben wurde erst vor einigen Jahrzehnten erkannt, wie Laborleiter Andreas Rzepecki erläutert. Den Grundstein legte Anfang des 20. Jahrhunderts der US-amerikanische Astronom Andrew Ellicot Douglass, der Zusammenhänge zwischen Sonnenfleckenzyklen und Jahrringen nachweisen wollte. „Im Rahmen seiner Untersuchungen sammelte Douglass zahlreiche archäologische Holzfunde aus Siedlungen amerikanischer Ureinwohner im Südwesten der USA“, so Rzepecki. Der US-Wissenschaftler stellte demnach fest, dass sich die Jahrringkurven durch überlappende Bereiche zu längeren Kurven verbinden lassen. Im Rahmen mehrerer Expeditionen sei es Douglass 1929 gelungen, eine zusammenhängende Chronologie bis circa 700 nach Christus aufzubauen. „Mit dieser Referenzkurve konnte er erstmalig die Siedlungen zeitlich genau einordnen – eine Sensation für die historische Forschung in den USA, was Douglass zum Begründer der modernen Dendrochronologie machte“, fasst Rzepecki zusammen. In Trier entwickelte der erste Laborleiter Ernst Hollstein eine fortlaufende und überregionale „Eichenchronologie“ für Westdeutschland einschließlich u Eichenholzscheibe eines Pfahls einer der Trierer Römerbrücken (Pfahljochbrücke). Es handelt sich um den sogenannten Gründungspfahl, der das Alter der Stadt Trier definiert (17 v. Chr.). Foto: Rheinisches Landesmuseum Trier 9 SPEZIAL VAA MAGAZIN APRIL 2026
Luxemburg, Belgien, den südlichen Niederlanden und Lothringen in Frankreich. Diese „Mitteleuropäische Eichenchronologie“ umfasste schließlich einen Zeitraum von 690 vor Christus bis 1975 und gilt heute als eine der wenigen frei verfügbaren Langzeitchronologien im mitteleuropäischen Raum. In jüngere Zeit beschäftigen sich Rzepecki und sein Team vermehrt auch mit der historischen Pandemieforschung. „Im Rahmen eines kleineren internationalen Forschungsprojekts haben wir eine Studie zur Bewertung der Antoninischen Pest in römischer Zeit anhand absolut datierter Holzfunde durchgeführt“, sagt der Spezialist aus Trier. Insgesamt nahmen die Experten 2099 Holzfunde unter die Lupe aus der Zeit zwischen 100 bis 300 nach Christus. Die Fundzahlen im Kernzeitraum der „Antoninischen Pest“ in den Jahren 165 bis 180 deuteten zwar auf regionale Einbrüche hin. Insgesamt aber liege daher die Annahme nahe, „dass es sich bei der ‚Antoninischen Pest‘ weniger um eine das ganze Reich gleichermaßen umfassende Pandemie handelte, sondern möglicherweise eher um eine räumliche und zeitliche Abfolge von einzelnen epidemischen Clustern unterschiedlicher Ausprägung des vermutlich selben Erregers“, so das Fazit der Forscher. Möglicherweise handelte es sich dabei um Pockenviren – mit teilwiese verheerenden Konsequenzen. Dennoch weckten die Ergebnisse der Untersuchung Zweifel an der Theorie, wonach eine großflächige Seuche den Untergang des Römischen Reiches einläutete. Weltgeschichte konserviert in uralten Hölzern. Rzepecki und sein Team wollen der Sache weiter nachgehen. „Weitere Veröffentlichungen in diesem Kontext sind in Vorbereitung.“ Untersuchungen zur Mobilität unserer Vorfahren Dendrochronologie Untersuchungen nimmt auch das Forschungslabor CEZA in Mannheim vor. Eine weitere „Spezialität“ sind Isotopenanalysen. In der Bioarchäologie gehen sie Fragen zu Ernährung und Mobilität von Menschen und Tieren nach und tragen zu Klimastudien bei. Dafür kommt modernste Technik zum Einsatz, wie der CEZA-Website zu entnehmen ist: „Für die Bestimmung von Blei-, Strontium-, Zinn-, Silber-, Antimon-, Kupfer- und Lithiumisotopenzusammensetzungen stehen der CEZA ein hochauflösendes Multikollektor-Massenspektrometer mit induktiv gekoppelter Plasmaionisation – Thermo Neptune Plus – zur Verfügung.“ Mit einem Thermionen-Massenspektrometer für negative Ionen können Osmium- und Rheniumisotopenverhältnisse u AMS-Beschleuniger im CEZA. Foto: T. Schwerdt – Curt-EngelhornZentrum Archäometrie gGmbH 10 VAA MAGAZIN APRIL 2026 SPEZIAL
„Für die Bestimmung von Blei-, Strontium-, Zinn-, Silber-, Antimon-, Kupfer- und Lithiumisotopenzusammensetzungen stehen der CEZA ein hochauflösendes MultikollektorMassenspektrometer mit induktiv gekoppelter Plasmaionisation – Thermo Neptune Plus – zur Verfügung.“ Dr. Ronny Friedrich, Geschäftsführer der Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH (CEZA) in Mannheim. Seit Kurzem ist der promovierte Physiker Dr. Ronny Friedrich Geschäftsführer des Forschungslabors CEZA in Mannheim. Das Kürzel steht für „CurtEngelhorn-Zentrum Archäometrie“. Im Gespräch mit dem VAA Magazin erläutert der 49-Jährige, womit genau sich die rund 30 Mitarbeitenden des Labors beschäftigen. Und welche Merkmale das CEZA zu einer europaweit ziemlich einzigartigen Einrichtung machen. VAA Magazin: Was steckt hinter dem Begriff „Archäometrie“, den das Labor im Namen trägt? Friedrich: Ganz allgemein geht es um die großen Fragen: Was haben wir Menschen in der Vergangenheit getan, wie haben wir das getan, warum und wann? Und konkret? Die Ursprünge der Archäometrie reichen bis ins späte 18. und frühe 19. Jahrhundert zurück, als man versuchte, Metalle chemisch zu klassifizieren. Nehmen wir zum Beispiel einen eisenzeitlichen Dolch, der in Dänemark gefunden wird. Für dessen Herstellung brauchte es Eisenerz. Mit modernen archäometrischen Methoden lassen sich heute die chemischen „Fingerabdrücke“ des Metalls untersuchen. Vergleicht man diese mit bekannten Erzvorkommen, kann man Hinweise darauf erhalten, aus welcher Region der Rohstoff ursprünglich stammt – möglicherweise sogar aus weit entfernten Bergbauregionen Mitteleuropas. Warum ist es interessant, das zu ergründen? Wir können durch solche Untersuchungen viel über Handelsbeziehungen erfahren. Oder über die Rolle von Eliten in früheren Zeiten. Wer über Rohstoffe verfügte, hatte Macht. Das sieht man etwa bei den eisernen Barren, die 2020 in einem Wald bei Speyer gefunden wurden und die wir für die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz ausgewertet haben. Die unscheinbar aussehenden Barren erlauben einen Einblick in Wirtschaft und Gesellschaft vor 2000 Jahren. Welche Methoden und Disziplinen außer der Archäometrie wenden Sie bei Ihren Untersuchungen an? Das Spektrum reicht von der Materialuntersuchung, Bioarchäologie über Dendrochronologie bis hin zur 14C- und Lumineszenzdatierung. Als technologisches Institut sind wir für all das entsprechend ausgestattet. Sie finden bei uns zwei Teilchenbeschleuniger, Massenspektrometer, aber auch eine der weltweit größten Baumringsammlungen – deren älteste Exemplare 12.000 Jahre alt sind. Mein eigenes Spezialgebiet ist beispielsweise die C-14-Methode, die eine absolute Datierung von Fundstücken erlaubt. Und die über den Kohlestoffkreislauf auch Auskünfte geben kann zum Klimawandel der Gegenwart. Wer nimmt die Dienste von CEZA in Anspruch? Natürlich Archäologen aus Universitäten und Behörden. Aber zu uns kommt auch mal der Kriminalkommissar mit einem Knochenfund, der wissen will, ob es sich um einen aktuellen Fall handelt. Wir hatten hier aber auch schon Reste von Textilien, Mumien – wir analysieren aber auch Gemälde oder Antiquitäten auf Echtheit beziehungsweise Alter. Gibt es ein Projekt, das Sie persönlich besonders fasziniert? Mir fällt schwer, ein konkretes Projekt zu nennen. Warum? Mich fasziniert die Vielfalt unserer Arbeit und der daraus resultierenden Erkenntnisse. Wenn wir ein Gräberfeld untersuchen und anhand der Isotopanalysen den Gehalt von Strontium oder Sauerstoff in Knochen und Zähnen unter die Lupe nehmen, können wir daraus Aussagen über die Essgewohnheiten, aber auch die Herkunft der Menschen ableiten. Es ist mitunter erstaunlich, wie mobil schon frühere Generationen waren – und welche Innovationen etwa im Ackerbau sich dadurch verbreitet haben. Zuwanderung muss nicht notwendigerweise negativ sein. Das vergessen wir manchmal in den Debatten, die wir aktuell führen. Meine Schlussfolgerung lautet: Was wir von gestern wissen, hat Relevanz für die Gegenwart! https://ceza.de/ Interview mit Dr. Ronny Friedrich: Vergangenheit hinterlässt chemische Fingerabdrücke Verkohlte Pflanzenreste werden mikroskopisch untersucht. Foto: Cmhenkel – Wikimedia Commons Foto: T. Schwerdt – Curt-EngelhornZentrum Archäometrie gGmbH 11 SPEZIAL VAA MAGAZIN APRIL 2026
Foto: Elmar Gubisch – iStock ermittelt werden. Zwei Massenspektrometer für leichte stabile Isotope (IRMS isoprime) dienen zur Analyse von Kohlenstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff- und Schwefelisotopenverhältnissen. So lassen sich laut CEZA-Geschäftsführer Ronny Friedrich konkrete Aussagen über die Essgewohnheiten, aber auch die Herkunft der Menschen ableiten. „Es ist mitunter erstaunlich, wie mobil schon frühere Generationen waren – und welche Innovationen etwa im Ackerbau sich dadurch verbreitet haben“ sagt er. „Zuwanderung muss nicht notwendigerweise negativ sein. Das vergessen wir manchmal in den Debatten, die wir aktuell führen.“ 14C-Analyse Mit der 14C-Analyse werden organische Funde über den Zerfall des radioaktiven Kohlenstoffisotops 14C datiert. Dieses entsteht in der Atmosphäre, wenn kosmische Strahlung Stickstoff umwandelt. Pflanzen nehmen 14C als CO2 auf, Tiere über die Nahrungskette. Zu Lebzeiten bleibt das Verhältnis von 14C zu stabilen Isotopen konstant. Mit dem Tod endet die Aufnahme und der 14C‑Gehalt sinkt gemäß einer Halbwertszeit von rund 5.730 Jahren. Je geringer der Anteil, desto älter die Probe. Moderne Labore bestimmen den verbliebenen 14C‑Gehalt mithilfe der Massenspektrometrie. So lässt sich das Alter von Holz, Knochen oder Pflanzenresten bis etwa 60.000 Jahre zurück berechnen. Grundlage ist der radioaktive Zerfall von 14C zu Stickstoff, der nach dem Tod eines Organismus ohne Nachschub abläuft. Die Methode eignet sich besonders für Holz, Knochen, Torf und andere organische Materialien. Sie liefert Zeitangaben, die sich mit unabhängigen Vergleichskurven kalibrieren lassen und damit eine hohe Genauigkeit erreichen. 12 VAA MAGAZIN APRIL 2026 SPEZIAL
Im Baden-Württembergischen Eberdingen befindet sich das Keltenmuseum Hochdorf/ Enz. Dort sind vor allem Repliken der Funde aus dem 1978 ausgegrabenen hallstattzeitlichen Hügelgrab am Rande des Orts zu sehen. Das Museum und der Großgrabhügel geben einen anschaulichen und erlebbaren Überblick über die Lebensweise der Kelten. Fotos: Wikimedia Commons Einflussreiche Frauen und frühe Führungskräfte Zurück in die Vergangenheit, genauer zu familiären und gesellschaftlichen Strukturen der Kelten. Hier wirkte CEZA-Mitarbeiterin Dr. Corina Knipper an einem Forschungsprojekt des Landesamtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg und des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie mit. Im Zentrum standen die Grabhügel von Eberdingen-Hochdorf und Asperg-Grafenbühl. Wegen ihrer elitären Ausstattung mit Gold- und Bronzeobjekten, Wagen, Mobiliar, Speise- und Trinkgeschirr sowie Importgütern aus Griechenland und Etrurien gehören sie nach Ansicht von Experten zu den imposantesten Bestattungen der deutschen Ur- und Frühgeschichte. Die Forscher des Max-Planck-Instituts sequenzierten mithilfe modernster Technik die Genome von 31 Individuen anhand von Zähnen und Schädelknochen aus dem Innenohr. Außerdem führte das CEZA Strontium– und Sauerstoff-Isotopenanalysen am Zahnschmelz von 17 Individuen durch, die bei vorherigen Forschungsprojekten nicht untersucht wurden. Die Anteile verschiedener Isotope beider Elemente zeigen den Angaben zufolge, ob eine Person in der Nähe ihres Bestattungsortes aufwuchs oder aus der Fremde zugewandert war. „Die Studie bezeugt ein Netzwerk von Verbindungen unter den Kelten in Baden-Württemberg, wobei politische Macht durch biologische Verwandtschaft gestärkt und möglicherweise ähnlich einer Dynastie vererbt wurde“, lautet die Bilanz des CEZA. die Macht unter den keltischen Eliten wurde dabei offenbar vorzugsweise über die mütterliche Linie vererbt. Darauf deuteten auch reiche Bestattungen von Frauen hin, die in diesen Verbänden von frühen Führungskräften offenbar eine wichtige Rolle spielten. 13 SPEZIAL VAA MAGAZIN APRIL 2026
Der Römerkanal – Erlebnis Technikgeschichte Rund 95 Kilometer war die Wasserleitung lang, welche die Römer einst von der Eifel bis nach Köln legten. Sie ist ein Bauwerk der Superlative. Gemessen an der Länge nahm diese Fernwasserleitung im gesamten Römischen Weltreich den dritten Platz und gilt heute als größter römischen Technikbau nördlich der Alpen. Bei einer Tagesleistung von 20 Millionen Liter Wasser standen jedem Römer in Köln rund 1.200 Liter Trinkwasser am Tag zur Verfügung. Staunen lässt auch die Bauzeit von schätzungsweise fünf Jahren. Einige weitere Daten: Für den Bau wurden schätzungsweise 350.000 Kubikmeter Erde bewegt. Größtes Einzelbauwerk war eine Aquäduktbrücke, die das Eifelwasser über eine Länge von 1.400 Metern über das Swisttal leitete. Eine weitere, rund 550 Meter lange Brücke, führte über die Erft. Den Umfang des verbauten Materials beziffern Experten auf bis zu 180.000 Kubikmeter. Foto: Joachim Heinz – VAA Weitere Informationen auch beim Freundeskreis Römerkanal unter www.freundeskreis-roemerkanal.de 14 VAA MAGAZIN APRIL 2026 SPEZIAL
Noch heute Von 80/90 nach Christus Ende des 19. Jahrhunderts wurden Teile der Römischen Eifelwasserleitung in Kreuzweingarten bei Euskirchen abgerissen. Vermutlich nutzte man den dort gewonnenen Kalksinter beim Wiederaufbau der Burg Dankwarderode in Braunschweig. Vom Kalksinter zum Schmuckstein, von Grabplatten und Treppenstufen zu bedeutsamen Bauwerken: Der „Aquäduktmarmor“ findet sich beispielsweise in der Stiftskirche St. Chrysanthus und Daria in Bad Münstereifel. Oder im Kloster Maria Laach und im Aachener Dom und Paderborner Dom, aber auch in den Kathedralen von Roskilde in Dänemark und Canterbury in England. an war die Wasserleitung wohl rund 190 Jahre in Betrieb. Weil die Römer kalkhaltiges Wasser bevorzugten, setzte sich in dieser Zeit Kalksinter (CaCO3) im Kanal ab, die stellenweise auf eine Dicke von bis zu 30 Zentimeter heranwuchs. Neben den Steinen und dem Gussbeton (Opus Cementicium) stand dieser Kalksinter bei mittelalterlichen Bauherren hoch im Kurs, weil die Transportwege zu den Marmorbrüchen in Norditalien in jener Zeit nicht mehr nutzbar waren. können Interessierte das imposante Stück Technikgeschichte an vielen Stellen entlang des Römerkanals erleben. Als „Einstiegshilfe“ bietet sich ein Besuch des Römerkanal-Informationszentrums in Rheinbach an. Für Entdeckernaturen mit ein wenig Ausdauer ist der Römerkanal-Wanderweg ein lohnendes Unterfangen. Entlang der einstigen Kanaltrasse führt die 116 Kilometer lange Route auf insgesamt sieben Etappen vorbei an zahlreichen Überresten des Römerkanals. Wer lieber liest, sollte zum Buch „Aquädukte. Wasser für Roms Städte“ von Prof. Klaus Grewe greifen. Der Geodät und Archäologe ist der beste Kenner des Kanals, hat ihn jahrzehntelang erforscht und für die Nachwelt gesichert. Fotos: Wikipedia, Joachim Heinz – VAA 15 SPEZIAL VAA MAGAZIN APRIL 2026
Mitglieder werben Mitglieder Neue Spitzenreiterin in schwierigen Zeiten Mit einem großen persönlichen Einsatz schaffen es jedes Jahr engagierte VAA-Mitglieder, ihre Kolleginnen und Kollegen von den Vorteilen einer Mitgliedschaft im VAA zu überzeugen. Im aktuellen Ranking des Programms „Mitglieder werben Mitglieder“ gibt es mit Dr. Kristina Woinaroschy von der VAA‑Werksgruppe Celanese eine neue Spitzenreiterin: 2025 gewann sie 19 ordentliche Vollmitgliedschaften für den Verband. Klar ist allerdings auch: Die Mitgliedergewinnung im VAA bleibt eng mit den Realitäten in den Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie verbunden. Gerade 2025 hat sich besonders deutlich gezeigt, wie stark Veränderungen, Unsicherheiten und Restrukturierungen den Bedarf an Unterstützung durch den VAA prägen. „Gerade in Krisenzeiten ist eine fundierte Beratung über individuelle Optionen und verfügbare Handlungsspielräume von zentraler Bedeutung. Genau hier zeigt sich die besondere Stärke des Verbands.“ Foto: VAA Dr. Kristina Woinaroschy, Vorsitzende der Werksgruppe Celanese Derzeit durchleben die Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie anspruchsvolle Jahre: Standortschließungen, Kostendruck und Umstrukturierungen führen vielerorts zu großer Verunsicherung. Auch für außertarifliche und leitende Angestellte, die den größten Teil der knapp 30.000 Mitglieder im VAA ausmachen, steigen damit die Anforderungen an mehr Orientierung und arbeitsrechtliche Unterstützung. In diesem Umfeld gewinnt das VAA‑Netzwerk besondere Bedeutung: Vor Ort sind es erfahrene Mandatsträgerinnen und Mandatsträger, die Entwicklungen früh wahrnehmen, Fragen aufgreifen und den Beschäftigten helfen. Die aktuelle Rangliste zur Mitgliedergewinnung im vergangenen Jahr zeigt daher weniger einen „Wettbewerb“ als vielmehr die Wirkung dieses Engagements in einer Zeit, in der Unterstützung stark nachgefragt wird. Impulsgeberin bei Celanese Mit 19 geworbenen Vollmitgliedern setzt Dr. Kristina Woinaroschy, Vorsitzende der VAA-Werksgruppe Celanese, ein deutliches Zeichen dafür, welche Rolle kompetente Werksgruppen in Umbruchphasen spielen können: „Das erfreuliche Ergebnis wäre ohne die Unterstützung der erfahrenen Kolleginnen und Kollegen des VAA – allen voran Rechtsanwalt Torsten Glinke, der mit seinen pointierten und hochaktuellen Vorträgen diese Stärken eindrucksvoll vermittelt – nicht zustande gekommen.“ Das sei ein schönes Beispiel, so Woinaroschy weiter, wie durch Zusammenarbeit zwischen dem Verband und den Mandatsträgern alle gewinnen können. VAA-Jurist Dr. Torsten Glinke koordiniert vonseiten der VAA-Geschäftsführung unter anderem die Betreuung der Werksgruppe Celanese. Insgesamt gibt es im VAA 165 Werksgruppen, die jeweils von unterschiedlichen Kolleginnen und Kollegen aus dem Juristischen Service betreut werden. Mit neun neuen Mitgliedern folgt VAAVorstandsmitglied Martin Kubessa von der Werksgruppe Chemiepark Marl. Seine Arbeit als freigestellter Betriebsrat zeigt, wie wichtig persönliche Ansprechbarkeit bleibt, wenn Unternehmen Transformationsprozesse durchlaufen. „Bei uns im Chemiepark Marl zeigt sich gerade in Zeiten krisenbedingter betrieblicher Veränderungen, dass die Nachfrage nach fundierter Beratung steigt. Das zeigt sich bei uns in der Community: Wir haben letztes Jahr eine Menge neuer Mitglieder in unseren Reihen begrüßen dürfen.“ Als engagiertes und langjähriges Betriebsratsmitglied ist Kubessa dabei noch näher am Puls der Veränderungen als viele andere. „Wenn irgendetwas im Unternehmen hier am Standort passiert, dann wissen wir natürlich auch frühzeitig Bescheid und können unsere Kolleginnen und Kollegen entsprechend gut beraten.“ Gerade im Hinblick auf die zurzeit stattfindenden Betriebsratswahlen in der Branche ein wichtiges Argument für eine möglichst hohe Wahlbeteiligung. Den dritten Rang teilen sich zwei engagierte Werberinnen und ein Werber – aus zwei verschiedenen Werksgruppen: Stefanie Auer und Erik Hinze von der Werksgruppe CSL Behring sowie Sandra Schwebke von der Werksgruppe Merck. Mit jeweils acht geworbenen Neumitgliedern stehen sie stellvertretend für die gesamte Breite aktiver Werksgrup16 VAA MAGAZIN APRIL 2026 VAA
penarbeit. Ihre Platzierungen verdeutlichen: Dort, wo Austausch regelmäßig gelebt wird und Fragen kompetent beantwortet werden, wächst auch das Vertrauen in den Verband – gerade dann, wenn Unternehmen wirtschaftlich unter Druck stehen. Kompetenzbedarf im Krisenumfeld „Die Ergebnisse vor Ort in den VAA-Communitys zeigen, dass erfolgreiche Mitgliederwerbung nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern dort funktioniert, wo es starke Netzwerke gibt“, betont VAA-Hauptgeschäftsführer Stephan Gilow. Sie sei eng mit dem wachsenden Bedarf an Beratung zu arbeitsrechtlichen Veränderungen, betrieblicher Mitbestimmung, beruflichen Übergängen und individuellen Perspektiven verbunden. „Und gerade deshalb haben unsere Werksgruppen in den Betrieben genau jetzt eine Schlüsselrolle inne.“ Mitglieder werben Mitglieder – Rangliste 2025 Rang Name Werksgruppe geworbene Mitglieder 1 Dr. Kristina Woinaroschy Celanese 19 2 Martin Kubessa Chemiepark Marl 9 3 Stefanie Auer CSL Behring 8 3 Erik Hinze CSL Behring 8 3 Sandra Schwebke Merck 8 4 Dr. Hans Dieter Gerriets Lanxess 7 5 Dr. Benjamin Kühnemuth CSL Behring 6 5 Dr. Moritz Sebastian Niemiec Merck 6 6 Dr. Jan Glauder Sanofi-Aventis Deutschland 5 6 Arne Klink Tesa 5 6 Jane Ortler BASF Schwarzheide 5 6 Dr. Peter Vogel CSL Behring 5 6 Barbara Wentzel Beiersdorf 5 Illustration: Vecteezy Ob bei Celanese, im Chemiepark Marl oder bei CSL Behring: In fast allen VAACommunitys werden seit Jahren regelmäßige Austausch- und Informationsformate angeboten, um die Beschäftigten an den Standorten zu unterstützen. Stephan Gilow resümiert: „Unsere ehrenamtlich aktiven Vertreterinnen und Vertreter in den Werksgruppen geben gerade in schwierigen Unternehmensphasen Orientierung. Ihre Arbeit macht den Mehrwert des VAA konkret erfahrbar.“ Dies führe am Ende dazu, dass viele Beschäftigte sich bewusst für eine VAA-Mitgliedschaft entscheiden. 17 VAA VAA MAGAZIN APRIL 2026
VAA Magazin: Herr Grund, Sie erforschen seit mehreren Jahren auf Basis der VAA-Einkommensumfragedaten die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen. Zu welchen Erkenntnissen sind Sie dabei bislang gelangt? Grund: Im Durchschnitt lassen sich zwischen weiblichen und männlichen Teilnehmenden in Vollzeit an der VAAUmfrage Einkommensunterschiede in Höhe von 20 Prozent ausmachen. Ein Großteil dieser Unterschiede kann aber durch Unterschiede in der Person – die Männer sind im Durchschnitt beiProf. Christian Grund ist Inhaber des Lehrstuhls für Personal an der RWTH Aachen. Zuvor hatte er Professuren an den Universitäten Würzburg und Duisburg-Essen inne. Die VAA-Einkommensumfrage betreut er seit 2008. Foto: Heike Lachmann – RWTH Interview mit Prof. Christian Grund Genaue Erkenntnisse zum Gender Pay Gap dank detaillierter Daten Noch bis zum 15. April 2026 läuft die aktuelle VAA-Einkommensumfrage. Prof. Christian Grund begleitet die Durchführung und Auswertung der Umfrage seit 2008 von wissenschaftlicher Seite. Im Interview berichtet er über seine aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zum sogenannten Gender Pay Gap, die auf Basis der Umfragedaten entstanden sind, und erläutert, warum jede zurückgesandte Antwort wichtig ist. spielsweise drei Jahre älter – und in den Jobs erklärt werden. Im Gegensatz zu den Fixgehältern sind die nicht erklärten Gender Pay Gaps in den Bonuszahlungen allerdings substanziell. Warum sind die Daten der VAA-Einkommensumfrage für diese Art der Einkommensforschung besonders gut geeignet? Die Daten der VAA-Einkommensumfrage weisen im Vergleich zu anderen Datengrundlagen einen sehr hohen Detailgrad auf. Neben Details zu Einkommenskomponenten sucht man auch Informationen zum Studienfach, zu früheren Erwerbsunterbrechungen, zum Funktionsbereich oder zur Hierarchieebene andernorts vergebens. Dadurch sind viel genauere Aussagen möglich – in diesem Fall zur Erklärung von Gender Pay Gaps. Die aktuelle Einkommensumfrage ist Anfang Februar gestartet und läuft noch bis Mitte April. Warum ist eine möglichst hohe Zahl von zurückgesendeten Fragebögen für die Auswertungen so wichtig? Je mehr Personen an der Umfrage teilnehmen, desto genauer und sicherer sind die statistischen Aussagen. Das betrifft zum Beispiel auch den VAA-Gehalts-Check, den wir von der Universitätsseite erstellen und der durch den VAA im Mitgliederbereich zur Verfügung gestellt wird. Aber auch die Werksgruppenauswertungen werden erst durch einen hinreichend großen Rücklauf überhaupt erst möglich und bilden dann die Grundlage für die Interessenvertretung durch den VAA. Sind die Daten von Mitgliedern, die zwischendurch nicht teilgenommen haben, für den Längsschnitt denn überhaupt noch nutzbar? Es gibt statistische Verfahren, die auch bei einem nicht vollständigen Längsschnitt die Informationen nutzen können. Jede Teilnahme zählt – und auch, wenn man es in einem Jahr mal nicht geschafft hat, ist ein Wiedereinstieg immer sinnvoll. Wir sind allen VAAMitgliedern, die sich an der Umfrage beteiligen, sehr dankbar. 18 VAA MAGAZIN APRIL 2026 VAA
Ausbildungsniveau Produktionsinfrastruktur Verfügbarkeit Fachkräften Rohstoffe Stabilität Industriepolitik Dauer Genehmigungsverfahren Komplexität Genehmigungsverfahren Energiepreise Verwaltungsvorgänge CO2-Zertifikate andere regulatorische Vorgaben chemikalienrechtliche Vorgaben Digitalinfrastruktur positiver Einfluss und hohe Bedeutung positiver Einfluss, aber geringe Bedeutung Nähe zu Wissenschaft Nähe zu Dienstleistern Verkehrsinfrastruktur Start-ups Förder- und Investionsprogramme negativer Einfluss, aber geringe Bedeutung negativer Einfluss und hohe Bedeutung 40 % 45 % 50 % 55% 60 % 65 % 70 % 75% 80 % 85% 90 % Einfluss von 1 (sehr positiv) bis 5 (sehr negativ) 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0 Einflussfaktoren auf Fortbestand der Arbeitsplätze Gewichtung Umfrage von VAA und DECHEMA Fach- und Führungskräfte kritisieren Standortbedingungen Mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland sind die Fach- und Führungskräfte der Chemie- und Pharmaindustrie unzufrieden. Das industriepolitische Umfeld der Branche lässt an vielen Stellen weiterhin zu wünschen übrig, zeigt eine Umfrage des VAA und der DECHEMA. Besonders drastisch: Geht die Energiekrise infolge des Irankriegs weiter, droht der Industrie ein weiteres Jahr ohne Perspektive. Es fehlt ein ausreichender Beitrag zur Sicherung der hochqualifizierten Arbeitsplätze. Der größte Schmerzpunkt der Fach- und Führungskräfte unter 18 abgefragten Standortfaktoren sind die Energiepreise. Direkt dahinter folgt Bürokratie als Hemmnis für Wachstum und Innovation. Brisant: Damit decken sich die aktuellen Ergebnisse mit denen aus dem Jahr 2025. „Industriepolitisch ist ein Jahr verloren gegangen“, sagt der 2. VAA-Vorsitzende Dr. Christoph Gürtler. „Wir laufen Gefahr, hochqualifizierte, für die deutsche Resilienz wichtige Arbeitsplätze in Deutschland nicht mehr sichern zu können“, so das Aufsichtsratsmitglied bei Covestro. „Daher brauchen wir endlich eine Standort- und Wirtschaftspolitik, die nicht weiter kleckert, sondern klotzt.“ Ein Rückschlag für den aufkeimenden Wirtschaftsaufschwung – die Auftragseingänge deutscher Unternehmen stiegen in den vergangenen Monaten – ist der Iran-Krieg, der nach der Erhebung ausbrach. Insbesondere die energieintensive Chemiebranche wird hart getroffen durch die rasant gestiegenen Energiepreisen. Das belastet schon jetzt das Wirtschaftswachstum in Deutschland moderat, wie unter anderem das DIW in Berlin bekanntgab. „Damit die ohnehin gebeutelte Chemieindustrie nicht gänzlich den Boden unter den Füßen verliert, darf es keine industriepolitischen Denkverbote geben“, erklärt VAA-Hauptgeschäftsführer Stephan Gilow. „Wir müssen die Energiepreisbelastung verringern, Halbmaßnahmen reichen nicht mehr! Die Ausweitung der Strompreisbremsen auf 80 Prozent oder steuerliche Sonderabschreibungen wären das dringend benötigte Zeichen für unseren Standort.“ Wenngleich die Lage weiterhin düster erscheint, hat die Umfrage in den Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Branche auch Verbesserungen zutage gefördert. Leicht im Aufwind, verglichen mit dem vergangenen Jahr, sehen die Fach- und Führungskräfte die Verkehrs- und Digitalinfrastruktur sowie die Verfügbarkeit von Fachkräften. Die vorhandene Produktionsinfrastruktur und das Ausbildungsniveau der Fachkräfte wurden erneut als wichtige Standortfaktoren positiv bewertet. MINT-Fächer sind größte Stärke Stärken und Schwächen sehen die Umfrageteilnehmenden bei der Positionierung der deutschen Chemie- und Pharmabranche im internationalen Wettbewerb: Während die Ausbildung im MINT-Bereich von fast 60 Prozent der Befragten als im Vergleich sehr gut oder eher gut bewertet wird, sind es im Hinblick auf die Erneuerungsfähigkeit nur 14 Prozent. „Unsere größte Stärke sind die exzellent ausgebildeten und kreativen Köpfe in unserem Land“, erklärt DECHEMA-Geschäftsführer Dr. Andreas Förster. „In ihnen steckt die Innovationskraft, die wir für die Erneuerung des Standorts brauchen.“ Damit sie sich entfalten könne, müssten jedoch die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. „Die Umfrage ist deshalb kein Grund zur Resignation, sondern ein klarer Auftrag: Jetzt gilt es, die Voraussetzungen zu schaffen, damit technologische Lösungen entstehen, die unsere Wettbewerbsfähigkeit sichern. Darin liegt der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft.“ Durchgeführt wurde die Umfrage zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 unter Mitgliedern des VAA und der DECHEMA, die als Fach- und Führungskräfte in Unternehmen und Forschungseinrichtungen der Chemie- und Pharmabranche tätig sind. Die Langfassung des Artikels gibt es im Webmagazin. 19 BRANCHE VAA MAGAZIN APRIL 2026
Business-Speed-Dating für mehr Innovation European Chemistry Partnering 2026 Bereits zum zehnten Mal hat Anfang Februar 2026 das European Chemistry Partnering (ECP) stattgefunden – diesmal im DECHEMA-Haus in Frankfurt am Main. 2017 begann das damals neue Format als schnelles und fokussiertes Networking. Eine Dekade später gilt es als eine der innovativsten Austauschplattformen für Industrie, Start-ups und Wissenschaft. Jedes Jahr kommen zahlreiche Menschen aus Chemie, Pharma, Biotechnologie und den angrenzenden Branchen zusammen, um neue Ideen voranzutreiben, Kooperationen anzubahnen und sich auszutauschen. Immer mittendrin: ECPInitiator und „Chefnetzwerker“ Dr. Holger Bengs (im Bild), langjähriges VAA-Mitglied und vielen bekannt als „The Man with the Orange Tie“. Foto: BCNP Consultants Zum Jubiläumsjahr haben sich am 4. Februar 2026 insgesamt 360 Teilnehmende im DECHEMA-Haus getroffen. Die Ziele: Kontakte knüpfen, Ideen weiterentwickeln und strategische Partnerschaften ausloten. „Am Ende geht es beim European Chemistry Partnering immer um den Aufbau neuer Wertschöpfungsketten – von der wissenschaftlichen Idee über Start-ups bis hin zur industriellen Umsetzung“, sagte ECP-Initiator Dr. Holger Bengs im Nachgang. Als Geschäftsführer von BCNP Consultants ist das VAA-Mitglied in der Branche bestens vernetzt und kennt sich mit Innovationen aus. Die Zahl der Teilnehmenden ist in diesem Jahr erneut gestiegen – ebenso wie die internationale Reichweite. Aus 24 Ländern kamen Investorinnen und Investoren, Start-ups und Global Player sowie zahlreiche Interessierte nach Frankfurt am Main. Die zunehmende Internationalität liege unter anderem an einer Kooperation mit einem niederländischen Business-Angel-Netzwerk, berichtet Bengs. Die Organisationsstruktur der Teilnehmenden verdeutlicht die Rolle des ECP 20 VAA MAGAZIN APRIL 2026 BRANCHE
als europäische Plattform für chemienahe Innovation. Start‑ups stellten mit 27 Prozent die größte Gruppe, gefolgt von Industrieunternehmen und Beratungen mit jeweils 18 Prozent. Hinzu kommen KMU, Forschungseinrichtungen, Cluster und Investoren, die gemeinsam ein Ökosystem bilden, in dem neue Technologien, Pilotprojekte und Geschäftschancen entstehen. Mit einem C‑Level‑Anteil von 32 Prozent sowie 25 Prozent aus dem Business Development waren vor allem Entscheiderinnen und Entscheider präsent, die Innovations- und Wachstumsthemen aktiv vorantreiben. Ergänzt wird das Bild durch relevante Gruppen aus Forschung und Entwicklung, Marketing und Sales sowie dem Innovationsmanagement – ein breites Kompetenzspektrum, das den partnerschaftlichen Ansatz der Veranstaltung unterstreicht. Bewährte und neue Formate 34 Start-ups und Start-up-Initiativen präsentierten ihre Konzepte in Pitches. Die Themen reichten von Kultiviertem Fleisch über die Möglichkeit, Chemikalien tierversuchsfrei zu testen, hin zu neuen Ansätzen grüner Methanolfermentation. Im Nachgang zu den Pitches wurden jeweils Fragen aus dem Publikum gestellt. Martin Bellof von Chemstars moderierte ebenfalls eine Pitch-Session. Unter anderem in Zusammenarbeit mit Chemstars stellt auch das aktuelle Jahrbuch des VAA insgesamt 14 Startups mit ihren Innovationen und Visionen vor, darunter MechSyn, die beim diesjährigen ECP in Frankfurt einen Pitch hielten. „Die klassischen Start-up-Pitches gehören seit Jahren zu den Höhepunkten des ECP“, so Bengs. „Neu und sehr erfolgreich waren in diesem Jahr die sogenannten Inverse Pitches der großen Unternehmen.“ Bei diesem neuen Format konnten 16 etablierte Unternehmen wie Brenntag, Covestro, Thyssenkrupp, Sartorius, Siemens und Röhm „offen zeigen, woran sie arbeiten und wo sie Kooperationen suchen.“ Partnerings als Herzstück Auch 2026 bildeten die Eins-zu-einsMeetings beim zehnten ECP im Kern der Veranstaltung: 905 „Partnerings“ kamen in diesem Jahr zustande. Über eine Matching-Plattform konnten sich die Teilnehmenden vorab Gesprächspartner auswählen und in kurzen Gesprächen – ähnlich wie beim SpeedDating – Kooperationsmöglichkeiten prüfen. Ob junge Gründerin, Spezialchemie-Mittelständler, globaler Konzern oder Investor: Das ECP lebt davon, unterschiedliche Perspektiven bewusst zusammenzuführen und interdisziplinäre Innovationen anzustoßen. Ein Best-Practice-Beispiel für erfolgreiche Transformation präsentierte der Mitbegründer und CEO von Ineratec Tim Bölken. In seiner Keynote zeigte er den Weg des Karlsruher Unternehmens von der Idee bis zum Bau modularer Anlagen für E‑Fuels und grüne Chemikalien. Diese Technologien können helfen, fossile Rohstoffe zu ersetzen, und leisten einen Beitrag zur Verringerung von CO2‑Emissionen – ein konkreter Beleg für die Innovationskraft junger Unternehmen in der chemischen Wertschöpfungskette. „Das ECP lebt von seiner besonderen Dynamik: ein intensiver Tag mit hunderten Gesprächen, kurzen Pitches und spontanen Begegnungen zwischen Start-ups, Investoren und Industrie“, fasst Bengs das Event zusammen. Auch die Jubiläumsauflage der Eventreihe bestätigte, wie unverzichtbar ein gutes Netzwerk und persönlicher Austausch für die Zukunftsfähigkeit der chemischen Industrie sind. Die Mischung aus bewährten Dialogideen, neuen Vortragsmöglichkeiten und einem internationalen Publikum, machte das ECP zu einem starken und innovationsorientierten Netzwerktreffen. Innovation lebt vom Miteinander Mit dem Fokus auf Wissensaustausch, Zusammenarbeit und interdisziplinärer Innovation bleibt das ECP auch in Zukunft ein Ort für Austausch, Vernetzung und Ideenfindung. Bengs bringt es auf den Punkt: „Innovation entsteht nicht an einem Tag im Jahr. Deshalb haben wir mit dem ECP Community Club eine Plattform geschaffen, die inzwischen über 500 internationale Mitglieder verbindet und den Austausch das ganze Jahr über ermöglicht.“ Die Vielfalt zeigt: Das ECP bleibt ein zentraler Treffpunkt, an dem Innovationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammengebracht werden. Der Termin fürs nächste European Chemistry Partnering steht schon fest: Am 3. Februar 2027 treffen sich innovative Gründerinnen und Gründer mit Partnern aus der Industrie und Investmentspezialisten erneut in Frankfurt am Main. Foto: Steffen Buchert – BCNP Consultants 21 BRANCHE VAA MAGAZIN APRIL 2026
Fach- und Führungskräfte als Gestalter Wer nur verwaltet, verspielt die Industrie-DNA Von Patrick Herrmann Führungskräfte sind vieles im Konstrukt der modernen Industrie: Führungsfiguren, Stabilitätsanker oder Demotivator, Ideengeber und Wissensträger. Sie bringen vor allem die Fähigkeiten mit, die der deutsche Wirtschaftsstandort jetzt braucht. Man lasse sie machen. Seit Jahren befindet sich die VAA-Branche Chemie und Pharma unter starkem Druck. Die Kapazitätsauslastung fiel im dritten Quartal 2025 auf rund 70 Prozent – den niedrigsten Wert seit 35 Jahren. Damit lag sie weit unter der Rentabilitätsschwelle. Die Krise spiegelt sich auch in Meldungen über Beschäftigungsabbau und im Arbeitsaufwand der VAA-Geschäftsstelle wider. Anlagenschließungen und Produktionsverlagerungen führen zu einem dauerhaften Verlust von Industriearbeitsplätzen. VCI-Präsident Markus Steilemann brachte es vorausschauend schon 2024 auf den Punkt: „Was weg ist, bleibt weg.“ Gesellschaftliche Zahlen, nicht weniger erschreckend: Das „Edelman Trust Barometer“, eine Erhebung der internationalen New Yorker Kommunikationsberatung, zeigt, dass in Deutschland ein generelles, gesellschaftliches Misstrauen herrscht. Mit einem Trust-Index von lediglich 44 Punkten bleibt Deutschland wie in den Vorjahren im unteren Bereich des institutionellen Vertrauens. Gleichzeitig sinkt der Zukunftsoptimismus weiter. Nur acht Prozent der Menschen in Deutschland glauben, dass es der nächsten Generation besser gehen wird als heute. Wirtschaftlich bedeuten die Zahlen: Anlagen werden heruntergefahren, Laboratorien schließen, Ingenieurkarrieren entwickeln sich ins Ausland – jahrzehntelang aufgebautes chemisches Know-how, das unwiederbringlich verloren geht. Gesellschaftlich bedeutet das: Hochbezahlte und hochgebildete Arbeitsplätze verschwinden, politische und gesellschaftliche Blasen verstärken sich. Wenn Deutschland seinen industriellen Kern verliert, verliert es auch seine gesellschaftliche Mitte. Führungskräfte, Sozialpartner, Erfolge Die Deutschland AG war kein Selbstläufer. Entscheidend für sie war nicht nur technisches Können, sondern ein Verständnis von Führung als gesellschaftliche Verantwortung, in der die leitenden Angestellten als verbindender Sozialpartner eine gewichtige Rolle spielen. Die Europäische Kommission kam schon 1998 in einem Bericht zu dem Schluss: „Das Konzept der Mitbestimmung hat sich als wirksames Instrument zur Regulierung der Arbeitsbeziehungen auf Unternehmensebene, zur Sicherung der sozialen Integration der Belegschaft und zur Schaffung einer besonderen Unternehmenskultur des gegenseitigen Vertrauens und der Zusammenarbeit bewährt.“ Die soziale Marktwirtschaft war immer mehr als eine reine Wirtschaftsordnung. Sie war eine Idee der Zusammenarbeit, die ohne tief verwurzeltes Wissen von Fach- und Führungskräften unmöglich gewesen wäre. Sie verband betriebliche Mitbestimmung mit hoher Qualifikation und internationaler Wettbewerbsfähigkeit. „Der Prozess der Wissensgenerierung [ermöglicht] technologischen Fortschritt“, schreibt der Wirtschaftsdienst des Leibnitz-Informationszentrums Wirtschaft und bezieht sich dabei auf Ideen, die unter anderem die beiden Nobelpreisträger Paul Romer (Nobelpreis 2018) und Joel Mokyr (Nobelpreis 2025) geprägt haben. Ihre Erkenntnis: Anwendungswissen führt nur zu Fortschritt, also wirtschaftlichem Wachstum, wenn das Warum und Wie geklärt ist. Insbesondere in der forschungsintensiven Chemie- und Pharmaindustrie kommen hier die Fach- und Führungskräfte ins Spiel. Sie haben den breiten Horizont, oftmals langjährige Erfahrung in ihren Unternehmen. Das Leibniz-Informationszentrum schreibt: „Um Wissen wirtschaftlich nutzbar zu machen, brauchte es technisch kompetente Arbeitskräfte.“ Die unterschätzte Kraft der Führungsebene Eine aktuelle Gallup-Erhebung zeigt, dass nur zehn Prozent zur Gruppe der Mitarbeitenden mit „hoher emotionaler Bindung“ Bindung gegenüber ihrem Unternehmen gehören. Ganze 77 Prozent haben eine geringe emotionale Bindung. Legt man diese Werte über Erkenntnisse aus dem Trust Barometer, gibt das Aufschluss über die Bedeutung von Führungskräften: 45 Prozent der Beschäftigten geben an, sie würden lieber die Abteilung wechseln, als für eine Führungskraft mit stark abweichenden Werten zu arbeiten. 32 Prozent würden ihr EngageDr. Christoph Gürtler (Covestro) ist 2. Vorsitzender des VAA. Foto: VAA 22 VAA MAGAZIN APRIL 2026 POLITIK
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