Zeitschrift für Fach- und Führungskräfte JUNI 2026 Neustart für den Standort? CHEMIE UND PHARMA ARBEITSRECHT Versetzung im Fokus EINKOMMEN Auswertung der VAA-Studie VERBAND Delegiertentagung in Köln
1 2 3 Präsentationsplattform aufrufen Einmalige Registrierung unter der URL https://vaa.rahmenvereinbarungen.de mittels Firmen E-Mail-Adresse Sofort attraktive Angebote wahrnehmen 20% Registrieren und sparen. Exklusiv für VAA-Mitglieder Erhalten Sie besondere Rabatte auf Reisen, Mode, Technik und vieles mehr bei über 230 Top-Anbietern!
Dr. Birgit Schwab 1. Vorsitzende des Vorstands VAA Foto: Silke Steinraths Photography – VAA Zur Jahresmitte fällt die Zwischenbilanz ernüchternd aus. Die Lage der Chemie- und Pharmaindustrie hat eine neue Qualität erreicht: Längst geht es nicht mehr nur um konjunkturelle Trends und vorübergehende Unsicherheiten. Vielmehr stellen sich Grundsatzfragen: Bleibt Deutschland ein wettbewerbsfähiger Industriestandort? Ist der weitere Substanzverlust überhaupt aufzuhalten? Zunehmende geopolitische Spannungen, strukturelle Belastungen und ein komplett aus den Fugen geratener globaler Wettbewerb ohne verlässliche Rahmenbedingungen bringen immer mehr Druck in den Kessel. Strategische Entscheidungen sind daher unausweichlich. In der Politik, aber auch in den Unternehmen. Getroffen von Menschen, die Verantwortung tragen – hier wie dort. Einen Blick auf diese Gemengelage wirft das Spezial zur Zukunft des Industriestandorts auf den Seiten sechs bis 15. Es zeigt, wie eng Risiken und Entwicklungsmöglichkeiten zurzeit verknüpft sind. Die Bandbreite reicht von einer Erosion industrieller Strukturen bis hin zu einem immer noch möglichen, innovationsgetriebenen Aufschwung. Gelingt es, die zentralen Stellschrauben konsequent neu einzustellen? Von Energie über Regulierung bis hin zum Investitionsbedarf: Die kommenden Jahre werden nicht über einzelne Trends entscheiden, sondern über die Richtung des Standorts insgesamt. Diese Zuspitzung hat FAZ-Herausgeber Gerald Braunberger in seiner Keynote auf der Delegiertentagung des VAA Anfang Mai in Köln aufgezeigt. Die Diskussionen auf der Tagung, einen Bericht dazu gibt es auf den Seiten 16 bis 19, haben auch verdeutlicht, wie klar die Situation inzwischen wahrgenommen wird und wie hoch die Erwartungen an entschlossenes Handeln sind. Gleichzeitig wurde die Rolle einer starken Interessenvertretung durch den VAA sichtbar: Es liegt an uns, die Entwicklungen einzuordnen und Orientierung zu geben. Gerade in volatilen Zeiten gewinnt die Perspektive der Fach- und Führungskräfte an Gewicht. Was bleibt, sind die Herausforderungen. Sie sind enorm, aber immer noch gestaltbar. Mehr denn je bleibt die Chemie eine Schlüsselbranche für Innovation und Transformation, und zwar für die gesamte Industrie hierzulande. Wenn es den Verantwortlichen in der Politik gelingt, Klarheit in Entscheidungen zu übersetzen, dann können auch wir als Fach- und Führungskräfte in den Unternehmen unsere Verantwortung konsequent wahrnehmen. Branche zwischen Erosion und Aufbruch 3 EDITORIAL VAA MAGAZIN JUNI 2026
VAA MAGAZIN – Juni 2026 6 SPEZIAL Coverfoto: spawns – iStock Foto: Lanxess Innovation, Industrie, Zukunft: Chemie und Pharma in Deutschland 4 VAA MAGAZIN JUNI 2026 INHALT
Inhalt – VAA 16 Delegiertentagung in Köln: Verbandsarbeit zwischen Krise und Neustart 19 Interview mit Dr. Monika Brink: „VAA community“ geht an den Start 20 Einkommensumfrage: Anstiege bei Boni und Fixgehältern BRANCHE 22 Unternehmensmitbestimmung: Aufsichtsrätetagung in Göttingen POLITIK 24 Debatte um Sozialreformen: Standort braucht mehr als Stabilisierung MELDUNGEN 27 Reaktionsverfolgung am Rechner Signatur gegen Deepfakes Steuerung des Wächterproteins Kurzschlüsse in Festkörperbatterien 28 Ergebnisse der Betriebsratswahlen Engagement im Ehrenamt Erzeugung von Wasserstoff Mikroplastik und Klimawandel 29 Eisen im Ozean Neues aus den Communitys Personalia aus der Chemie 30 Bausteine für Quantencomputer Ordnung in der Nanowelt Wasser aus der Luft KI-Nutzung in Unternehmen ULA NACHRICHTEN 31 Kommentar: ULA-Jubiläum als Standortbestimmung 31 ULA intern: Netzwerken mit der Politik 32 Deutscher Führungskräftetag: Führung für die Zukunft 36 Corporate Governance: Gastbeitrag von Prof. Manuela Rousseau und Prof. Julia Duwe 38 Weiterbildung: Aktuelle Seminare des Führungskräfte Instituts 38 Terminvorschau: ULA-Veranstaltungen im Überblick RECHT 39 Interview mit Dr. Torsten Glinke: Versetzung und Vertragsanpassung bei Restrukturierung 42 Urteil: BAG lehnt pauschale Freistellungsklauseln ab MANAGEMENT 43 Kräftedreieck für Führungskräfte: Gastbeitrag von VAA-connect-Referentin Walburga Ludwig LEHMANNS DESTILLAT 45 Satirische Kolumne: Potpourri der guten Laune VERMISCHTES 46 ChemieGeschichte(n): Chemiker als Gründervater 47 Sudoku, Kreuzworträtsel 48 Glückwünsche 50 P ersonalia, Feedback, Termine, Vorschau, Impressum 5 INHALT VAA MAGAZIN JUNI 2026
Mut zur konsequenten Innovation: VAA startet neue Veranstaltungsreihe Zukunft von Chemie und Pharma in Deutschland Von Klaus Bernhard Hofmann und Simone Leuschner Aktuell prägen hohe Energiepreise, zunehmender globaler Wettbewerbsdruck, tiefgreifende Transformationsanforderungen sowie geopolitische Unsicherheiten die Lage der Chemie- und Pharmaindustrie. In einer Phase erheblicher Belastung und struktureller Umbrüche steht die Branche vor einem entscheidenden Wendepunkt. Gleichzeitig eröffnen sich neue strategische Entwicklungsspielräume – vor allem durch Nachhaltigkeitsinnovationen, dem Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft, der fortschreitenden Digitalisierung sowie durch potenziell neue globale Handelsabkommen. Welche strategischen Perspektiven ergeben sich bis 2030? Vor diesem Hintergrund lassen sich aus heutiger Sicht drei plausible Entwicklungsszenarien skizzieren. Im Risikoszenario einer „Erosion des Standorts“ bleiben Energiepreise dauerhaft hoch und regulatorische Rahmenbedingungen komplex. Investitionen würden verstärkt ins Ausland abwandern, was zu einer schrumpfenden Basischemie, zu Standortverlagerungen und zu erheblichen Beschäftigungsverlusten führen könnte. Das zweite, derzeit wahrscheinlichste Szenario beschreibt eine „selektive Erholung“. Während die Basischemie weiter unter hohem Druck bleibt und restrukturiert wird, verzeichnet die Spezialchemie – etwa in den Bereichen Pharma, Feinchemie oder Batteriematerialien – ein stabiles Wachstum. Digitalisierung trägt hier zur Effizienzsteigerung bei, die Erholung verläuft jedoch ungleichmäßig. Das dritte Szenario schließlich eröffnet ein Chancenfenster für einen innovationsgetriebenen Aufschwung: Voraussetzungen wären ein erfolgreicher Markthochlauf von grünem Wasserstoff, eine breit skalierte Kreislaufwirtschaft sowie wirksame Investitionsimpulse. In diesem Fall könnte Deutschland seine Rolle als Technologieführer einer nachhaltigen Chemie zurückgewinnen – eingebettet in die Energiewende und neue industrielle Wertschöpfungsketten. Wo steht die Branche heute? Kurzfristig, in den Jahren 2026 und 2027, bleibt die Lage weiterhin schwierig: Hohe Kosten, rückläufige Produktion und massiver Transformationsdruck bestimmen das Bild. Ab etwa 2028 eröffnen Digitalisierung und Nachhaltigkeit jedoch neue Wachstumsfelder. Langfristig bis 2030 bleibt die Chemieindustrie eine Schlüsselbranche für den Industriestandort Deutschland, allerdings nur unter der Voraussetzung signifikanter Investitionen in grüne Technologien, Energieinfrastruktur und Automatisierung. Neue Veranstaltungsreihe des VAA Vor diesem Hintergrund ruft der VAA eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben. Ziel ist es, Orientierung in einer Phase struktureller Unsicherheit zu bieten und die zentralen wirtschafts-, energie- und u 6 VAA MAGAZIN JUNI 2026 SPEZIAL
Eine Kreislaufwirtschaft kann die Industriebranchen revolutionieren, indem sie die Ansätze in der Lieferkette reformiert. Anstelle des traditionellen linearen Modells wird ein Übergang hin zu einem Umdenken, Wiederverwenden, Aufbereiten, Umnutzen und Recyclen von Materialien stattfinden. Die Vorteile umfassen die Schonung natürlicher Ressourcen, die Verringerung des Risikos von Engpässen und die Sicherstellung des fortlaufenden Zugangs zu Rohstoffquellen. Dies reduziert CO2-Emissionen und senkt langfristig auch die Kosten. „Insgesamt spielen Beschichtungen und Oberflächenbehandlungen eine entscheidende Rolle in der Kreislaufwirtschaft, indem sie Materialien mit Schutz und Dekoration versehen“, betont Dr. Katharina Fechtner, Innovation Manager – Global Sustainability bei der BASF SE. „Dies bewahrt nicht nur ihren Wert, sondern hat auch das Potenzial, die Kreisläufe zu schließen.“ Fotos: BASF Als weltweit größter Chemiekonzern produziert die BASF SE, mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, ein breites Spektrum an Chemikalien, Kunststoffen, Veredelungsprodukten, Pflanzenschutzmitteln und Feinchemikalien. 7 SPEZIAL VAA MAGAZIN JUNI 2026
Ionenaustauscher werden in der Wasseraufbereitung und Flüssigkeitsreinigung eingesetzt. Links: Lanxess produziert am Standort in Leverkusen Farbstoffe zur Einfärbung von Kunststoffen. industriepolitischen Weichenstellungen bis 2030 einzuordnen. Die Reihe will der Frage nachgehen, ob die aktuelle Krise der deutschen Chemie überwiegend zyklischer Natur ist oder auf einen tiefergehenden Strukturbruch hindeutet. Im Mittelpunkt stehen dabei die entscheidenden Standortfaktoren – Energie, Regulierung und Investitionsklima –, die globalen Wettbewerbsdynamiken mit Blick auf die USA, China und den Nahen Osten sowie realistische Szenarien für Produktion, Wertschöpfung und Beschäftigung bis 2030. Adressaten der Veranstaltungsreihe sind Fach- und Führungskräfte sowie Entscheidungstragende, die aktuell über Investitionen, Standortstrategien, Portfolioanpassungen und Transformationspfade entscheiden müssen. Erwartet wird keine Detaildiskussion einzelner Technologien, sondern ein klarer, datenbasierter strategischer Rahmen: Was ist gestaltbar – und was nicht? Wo lohnt sich Engagement, und wo sind neue Prioritäten erforderlich? Den Auftakt bildete die VAA-Delegiertentagung am 9. Mai 2026 mit FAZ-Herausgeber Gerald Braunberger zur Zukunft des Industriestandorts Deutschland. In der weiteren Planung stand die Frage im Vordergrund, welches Thema derzeit die größte Orientierung, Entscheidungsrelevanz und den höchsten Diskussionsdruck in unserer Branche erzeugt. Die Antwort ist keine singuläre Fachfrage, sondern eine übergreifende strategische Standort- und Transformationsentscheidung, die Technologie, Ökonomie und Führung miteinander verbindet. Neustart für Deutschland Braunberger ist verantwortlicher Herausgeber für Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung scheute sich bei seinem Vortrag mit dem Titel „Neustart für Deutschland“ nicht vor deutlichen Worten, um die aktuellen Herausforderungen für den Standort und die Gesellschaft Deutschlands klar einzuordnen: „Wir haben drei große Herausforderung: die Weltpolitik, die Technologieentwicklung, die Demografie. Und in dieser Gemengelage müsste Politik mutig sein. Denn das größte Wachstumspotenzial für Europa ist in Europa vorhanden und wir können es schaffen, doch die Zeit wird knapp.“ Prozesse wirtschaftlichen Niedergangs bislang erfolgreicher Länder, deren Entwicklung sich zunächst langsam zu vollziehen scheint, können, so Braunberger eine Dynamik entwickeln, die nicht mehr Mit rund 11.700 Mitarbeitenden in 32 Ländern zählt Lanxess zu den führenden Spezialchemiekonzernen weltweit. Qualität gilt dem Unternehmen mit Hauptsitz in Köln als höchstes Gut: Der eigene Anspruch ist, die Zukunft der chemischen Industrie durch qualitativ hochwertige und innovative Produkte, nachhaltige Lösungen und eine hohe technische Kompetenz zu gestalten sowie Qualität höchste Priorität geben. Diesen Anspruch stellt das Unternehmen an sich selbst, aber auch an seine Lieferanten und Dienstleister. Damit gilt der Lanxess-Qualitätsanspruch für die Entwicklung und Produktion genauso wie für alle angegliederten Prozesse und Abläufe. Fotos: Lanxess 8 VAA MAGAZIN JUNI 2026 SPEZIAL
trifft auf die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands zu. Wenn Wählerinnen und Wähler die Schwäche der demokratischen Parteien zu realistischer Zukunftsplanung spüren, wenden sie sich den Extremen zu, vor denen die demokratischen Parteien sich fürchten. Es entsteht ein Teufelskreis: Aus Angst vor einem Erstarken der Extreme verhindert die politische Mitte gerade jene Reformen, die nötig sind, um Wirtschaft und Gesellschaft so zu empowern, dass die Anziehungskraft der Extreme verschwindet. Es kommt zu einem ständigen „Mit-sich-selbst-beschäftigen“ der demokratischen Parteien und schließlich zu einer tatsächlichen Unfähigkeit zu regieren. Braunberger zitierte Artikel aus der FAZ aus den 1930er Jahren, die man heute beinahe textgleich übernehmen können. Dennoch sei Berlin nicht Weimar. Es gebe Mittel und Wege, den Niedergang aufzuhalten, betonte Braunberger. So dürfe man die Idee des Westens als politischem und wirtschaftlichem Akteur nicht aufgeben. Ein Bündnis wie die NATO habe es noch nie gegeben – und könne vielleicht auch einen Trump aushalten. „Europa ist noch auf Jahre verteidigungspolitisch von den USA abhängig, und dies ist besser, als von den Chinesen abhängig zu sein.“ Des Weiteren gibt es aller Deglobalisierung und allem Protektionismus zum Trotz immer noch eine funktionierende Weltwirtschaft. 70 bis 75 Prozent des Welthandels verlaufen nach den Regeln der WTO. Europa benötige eine Koalition der Willigen auf dem Gebiet des Handels. Daher seien die Abkommen mit Indien und Mercosur von so großer Bedeutung. Selbst wenn es auf dem Gebiert der Landwirtschaft zu Kompromissen kommen muss, so überwiegen die Vorteile. Die EU sollte ihre Hausaufgaben machen und eine Kapitalmarktunion verwirklichen. Sollten alle 27 Mitglieder nicht gemeinsam handeln, so müsse man vielleicht mit sieben Ländern beginnen, so der Vortragende. Der EU-Binnenmarkt sei aufgrund vieler nichttarifärer Hemmnisse, die einem Äquivalent von circa 60 bis 70 Prozent an Zöllen und bis zu 100 Prozent auf dem Gebiet der Dienstleistungen entsprechen, noch lange nicht vollendet. Hier müsse man u Mit 88.078 Mitarbeitenden weltweit in den Sektoren Pharmaceuticals, Consumer Health & Crop Science sieht sich die Bayer AG als ein Life-Science-Unternehmen, das gesellschaftliche und ökologische Bedürfnisse durch bahnbrechende Forschung adressiert. „Wir arbeiten heraus, wie Künstliche Intelligenz das umfangreiche Wissen bei Bayer allen zur Verfügung stellen, Prozesse beschleunigen und die Beschäftigten entlasten kann, damit sie an mehr Kreativität unserer Mission arbeiten können“, sagt der Vorstandsvorsitzende Bill Anderson. „Wir investieren weiter erheblich in unsere IT-Infrastruktur, in die Optimierung unserer Ziele und in die Vereinfachung der Datenaufbereitung, damit die Beschäftigten und unsere Kunden vom Wissen des Unternehmens profitieren können. Dieses Unternehmen versorgt 600 Millionen Verbraucher mit Produkten für die tägliche Gesundheit. Es verarbeitet mehr als 25 Milliarden Datensätze in der Genotypisierung von Saatgut. Wenn uns Dynamic Shared Ownership dabei hilft, die Firma unternehmerischer aufzustellen, kann uns agentenbasierte Künstliche Intelligenz dabei helfen, sie effektiver zu machen.“ Fotos: Bayer AG beherrschbar ist. Dies hängt mit dem wachsenden Einfluss von Partikularinteressen zusammen, auf welche die Politik gerade dann kurzatmig reagiert, wenn eine an einer langfristigen Strategie ausgerichtete Herangehensweise vonnöten wäre. Diese Interessenspirale verhindert einen Bürokratieabbau. Wenn dann noch eine alternde Gesellschaft überproportional viele Erwerbstätige an den Ruhestand verliert, interessiert sich die Politik nicht mehr für Zukunftsprojekten, sondern für eine auf die ältere Bevölkerung ausgerichtete Sozialpolitik. Außerdem verlieren alternde Gesellschaften jedes Gefühl für Risiken. Hinweis dafür ist das Beispiel geringer strategischer Reserven in der Energieversorgung. Auch der Abschied von der Energiesicherheit durch Atom und Kohle zeigt eine mangelnde Realitätswahrnehmung. Gleiches 9 SPEZIAL VAA MAGAZIN JUNI 2026
Foto: Thomas Lohnes – VCI Thilo Höchst ist als Abteilungsleiter im Verband der Chemischen Industrie (VCI) unter anderem zuständig für Umweltschutz, Anlagensicherheit, Verkehr. Zudem ist er Geschäftsführer der VCIFachvereinigung Chemieparks. Er bezeugt, wie hohe Energiepreise, geopolitische Unsicherheiten und ein spürbarer Beschäftigungsabbau die chemische Industrie in Deutschland massiv unter Druck setzen. Dabei zeigt Höchst die Belastungsgrenzen für Chemiestandorte auf, eröffnet aber auch Chancen für die Zukunft. VAA Magazin: Wie schätzen Sie die Lage der heimischen chemischen Industrie derzeit ein? Höchst: Die Situation ist seit fünf bis sechs Jahren schon schwierig und hat sich kontinuierlich verschärft. Besonders betroffen ist die Chemie, da sie am Anfang vieler Wertschöpfungsketten steht. Deutschland verantwortet rund ein Viertel der europäischen Chemieproduktion, weshalb die Auswirkungen hier besonders stark sind. Welche Bedeutung haben Chemieparks in dieser Situation? Rund 60 Prozent der Beschäftigten der chemischen Industrie arbeiten in Chemieparks. Sie sind zentrale Plattformen für Transformation, etwa bei der Nutzung nachwachsender Rohstoffe, der Gewinnung und Rückgewinnung kritischer Rohstoffe, beim chemischen und thermischen Recycling sowie bei hocheffizienter Energieerzeugung. Darüber hinaus stellt die Chemie unverzichtbare Basisprodukte für Windkraft, Batteriesysteme und das Batterierecycling bereit. All das setzt allerdings wirtschaftliche Stärke voraus – und die fehlt derzeit häufig. Wo liegen die größten strukturellen Probleme? Die Energiefrage und die Rohstoffversorgung sind ganz entscheidend – sowohl preislich als auch in Bezug auf Verfügbarkeit. Ohne wettbewerbsfähige Energiepreise und politische Unterstützung ist eine nachhaltige Transformation kaum möglich. Diese Gemengelage wirkt sich unmittelbar auf Beschäftigung und Investitionen aus. Zeigt sich das auch am Arbeitsmarkt der Branche? Sehr deutlich. Ingenieure, etwa aus dem Maschinenbau, waren lange extrem gefragt. Heute finden selbst Absolventen exzellenter Universitäten teilweise keine Anstellung mehr. Mittelständische Unternehmen, die früher händeringend hochqualifizierte Fachkräfte gesucht haben, erhalten plötzlich zahlreiche Bewerbungen, ohne Stellen zu besetzen. Das markiert einen tiefgreifenden Strukturbruch – auch im Selbstverständnis einer Branche, die lange von Stabilität geprägt war. Was leisten Chemieparks für die dort angesiedelten Unternehmen? Wir vertreten im VCI insgesamt 42 Chemieparkstandorte. Chemieparks bündeln die Infrastruktur mit regulatorischem Know‑how. Denn die gesetzliche Komplexität ist enorm, gerade für kleine und mittlere Unternehmen kaum zu bewältigen. Chemieparks stellen Flächen, Energieversorgung, Entsorgungsanlagen und Expertise bereit – ein funktionales „Plug‑and‑Play-Prinzip“. Das macht Standorte grundsätzlich robuster, ersetzt aber keine wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen. Reichen diese Synergien aus, um der Krise entgegenzuwirken? Nein. Sie mildern Belastungen etwas ab, können die Wucht der Krise aber überhaupt nicht kompensieren. Die politischen Versäumnisse reichen ja sechs bis zehn Jahre zurück – und es tut sich zu wenig und viel zu spät. Ohne schnelle und wirksame Maßnahmen geraten immer mehr Standorte unter existenziellen Druck. Gibt es denn Positivbeispiele? Ein bisher einmaliger Fall ist Leuna. Dort konnte für eine Anlage, deren Stilllegung vorgesehen war, ein Gemeinschaftsunternehmen zwischen Standortbetreiber und einem am Standort angesiedelten Unternehmen gegründet werden. Dieses führt jetzt den Betrieb der Anlage fort. Das ist in Deutschland bislang einzigartig. Man muss auch hierbei berücksichtigen, dass kleine Chemieparks mit nur wenigen Großbetrieben deutlich anfälliger sind als große Standorte mit bis zu 80 Unternehmen oder mehr. Eine allgemeingültige Lösung gibt es eben nicht. Welche Innovationspotenziale bieten Chemieparks? Viele arbeiten eng mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen zusammen, bieten Hightech‑Labore an den Standorten an und fördern Standortcluster, etwa im Bereich Kunststoffe oder Recycling. Auch Start-ups spielen eine Rolle – allerdings nur, wenn Geschäftsmodell und Pilotfähigkeit stimmen. Chemieparks können es sich nicht leisten, Projekte ohne Perspektive zu tragen – das sind maßgeschneiderte Kooperationen, die passen müssen. Welche Bedeutung hat die Kreislaufwirtschaft für Chemieparks? Sie ist zentral. Deutschland ist im chemischen und thermischen Recycling technologisch führend, entsprechend groß ist die Nachfrage für das Betreiben solcher Anlagen in den Chemieparks – etwa bei Kunststoffen, Batterien und der Rohstoffrückgewinnung. Viele Projekte starten als Pilotanlagen und werden bei erprobten und erfolgreichen Verfahren anschließend in Produktionsanlagen realisiert, teils modular. Beispiele sind eine Bioraffinerie, wiederum in Leuna, die ausschließlich mit Buchenholz arbeitet und künftig 220.000 Tonnen Biochemikalien pro Jahr produzieren soll, oder Projekte zur Wärmegewinnung aus Sole mit gleichzeitiger Lithiumextraktion für die Batterieproduktion. Das zeigt, welches strategische Potenzial Chemieparks haben – jedoch nur dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Interview mit Thilo Höchst: Chemieparks im Stresstest der Transformation Foto: IMG 10 VAA MAGAZIN JUNI 2026 SPEZIAL
Fotos: Covestro entscheidend vorankommen. Technologie und Produktivität müssten steigen, Regulierungen zum Beispiel auf dem Gebiet der KI abgebaut werden. Braunberger schloss seinen Vortrag mit einem optimistisch klingenden Ergebnis. „Europa hat die Köpfe und das Wissen.“ Seine Bürgerinnen und Bürger können alles. Sie machen Fehler und haben kein öffentliches Bewusstsein von ihrer Aufgabe. Diesen Bewusstseinswandel zu ermöglichen, sei die wichtigste Aufgabe der demokratischen Politik. Folgeveranstaltungen auch für Teilbranchen Eine lebendige Diskussion folgte in Köln den Ausführungen des FAZ-Herausgebers und lieferte die Blaupause für die nächste Veranstaltung, der ebenfalls ein dialogisches Muster zugrunde liegt. Sie soll in Berlin stattfinden. Unter dem Titel „Zukunft der Chemie in Deutschland 2030: Transformieren oder Verlagern? u Standort Burghausen: Die Wacker Chemie AG ist ein weltweit führender Spezialchemiekonzern, der sich auf silicon- und ethylenbasierte Produkte sowie Polysilizium konzentriert. Foto: Wacker Auf dem Weg zum Grünen Silizium: Am Standort Holla in Norwegen beginnt Wacker, bei der Erzeugung von Silizium fossile Steinkohle durch biogenen Kohlenstoff zu ersetzen. So entstehen bei der Reduktion von Quarz zu metallurgischem Silizium prozessbedingt CO2-Emissionen. Durch den Einsatz von biogenem Kohlenstoff vermeidet Wacker fossile CO2-Emissionen und kommt damit der Produktion von „grünem Silizium“ einen deutlichen Schritt näher. Covestro ist ein weltweit führender Hersteller von hochwertigen Polymerwerkstoffen und hochperformanten Kunststoffen für verschiedene Industrien. Themen wie Kreislaufwirtschaft und Klimaneutralität sind dem Unternehmen wichtiger denn je. Das Unternehmen ist bestrebt, immer mehr erneuerbare Energien für ihre Produktionsprozesse nutzbar zu machen. Beispiel hierfür ist die Rondo-Wärmebatterie, die elektrische Energie mithilfe von Ziegelsteinen speichert, die seit Jahrhunderten in Stahlwerken zur Wärmespeicherung eingesetzt werden. Bereits Ende 2026 soll die „100 MWh Rondo Heat Battery (RHB)“ in Betrieb gehen. Die Stiftung Breakthrough Energy Catalyst und die Europäische Investitionsbank (EIB) fördern das Projekt. Die Batterie wird zehn Prozent des benötigten Dampfes am Standort produzieren, was bis zu 13.000 Tonnen CO2Emissionen pro Jahr einspart. Foto: Wacker 11 SPEZIAL VAA MAGAZIN JUNI 2026
Klinische Forschung lebt vom Dialog: Der persönliche Austausch sowie verständliche Beratung und Information sind entscheidend, um Vertrauen zu schaffen und fundierte gemeinsame Entscheidungen zu ermöglichen. Strategische Entscheidungen unter Energie-, Kosten- und Klimadruck“ soll für die kommende Veranstaltung eine Fragestellung adressiert werden, die alle Teilbranchen betrifft, von der Basischemie über Spezial- und Pharmachemie bis hin zur Werkstoffchemie. Sie zwingt zur Priorisierung von Investitionen, Portfolios und Standorten, verbindet ökonomische Realität mit Transformationsambition und ist hoch anschlussfähig für weiterführende Diskussionen. Genau diese Fragen beschäftigen Führungskräfte derzeit unmittelbar. Der VAA befindet sich im Gespräch mit potenziellen Referenten zu diesem Thema. In den Folgeveranstaltungen rücken technologische und strukturelle Transformationsthemen in den Fokus, etwa die Frage „Dekarbonisierung der Chemie: Was ist bis 2030 realistisch – und was Wunschdenken?“. Ergänzt wird dies durch eine Auseinandersetzung mit der globalen Konkurrenz unter dem Titel „China, USA, Nahost: Warum Standortpolitik allein nicht reicht“. Eine weitere Veranstaltung gibt schließlich der Branche selbst eine Stimme: „Was bleibt vom Chemiestandort Deutschland?“ Die Veranstaltungen werden abwechselnd analog und digital durchgeführt. Nach Auftaktformaten in Köln ist auch eine Verlagerung nach Berlin geplant, um den direkten Dialog mit der Politik zu suchen. Ziel der Berliner Veranstaltung ist keine abstrakte Debatte, sondern die Konfrontation analytischer Befunde mit politischer Umsetzbarkeit: Was folgt konkret aus der Diagnose? Teilnehmen werden Führungskräfte der Chemieindustrie auf Vorstand- und Geschäftsführungsebene, Vertreterinnen und Vertreter der Bundes- und Landespolitik, Spitzenverbände sowie Wissenschaft. Unter dem Leitthema „Industriepolitik für die Chemie 2026 – 2030: Prioritäten statt Wunschlisten“ werden energie- und steuerpolitische Entlastungen, Netzausbau, Planungsbeschleunigung, Beihilfepfade, Carbon Contracts for Difference und Handelsabkommen diskutiert – ebenso wie Zielkonflikte zwischen Klimaschutz, Kosten, Wettbewerbsrecht und Beihilferecht. Auch Fragen des Arbeitsmarkts und der Fachkräfteentwicklung bis 2030 sowie die Kooperationen zwischen Hochschulen und Industrie werden eine zentrale Rolle spielen. Konkrete Felder der Transformation Auf dieser Grundlage widmet sich die Reihe anschließend den konkreten Transformationsfeldern der Chemie: der Dekarbonisierung, Digitalisierung und Prozessinnovation, der Rohstoffwende hin zu Kreislaufchemie und Recycling sowie den Wachstums- und Zukunftsfeldern der Spezialchemie, etwa in der Batterie- und Energiechemie. Selbstverständlich werden auch die Pharmaindustrie, Biotechnologie und Life Sciences ebenso berücksichtigt wie Halbleiter- und Elektronikchemikalien. All diese Themen sind ureigene Anliegen des VAA. Nur wer sie fachlich fundiert transportiert und klar kommuniziert, schafft die Grundlagen für eine mögliche Renaissance der deutschen Chemie- und Pharmabranche. Wie diese Renaissance konkret aussehen kann, wird nicht vorweggenommen. Das wird erarbeitet. Dennoch lassen sich klare Prämissen benennen: wettbewerbsfähige Energiepreise, beschleunigte Genehmigungen, massive Investitionen und eine klare Spezialisierungsstrategie. Mögliche Ergebnisse wären eine Auslastung von über 80 Prozent der Produktionsanlagen, Wachstum in der Spezialchemie, grüne industrielle Leuchttürme, klimaneutrale Prozesse, robuste Exportpositionen und eine positive Beschäftigungsdynamik in hochqualifizierten Profilen – und damit eine gestärkte internationale Wettbewerbsfähigkeit. Diese Schlussfolgerungen sollen abschließend mit namhaften Persönlichkeiten diskutiert und in ein Thesenpaper gegossen werden. Im Zentrum steht dabei die Frage: Welche Zukunft wollen wir – und was ist konkret zu tun? Wir als VAA wollen klare Meilensteine für die Jahre 2026 bis 2030 benennen sowie einen strategischen Ausblick bis 2040 geben. Boehringer Ingelheim ist ein forschungsgetriebenes Familienunternehmen mit rund 54.300 Mitarbeitenden weltweit. Seit über 140 Jahren entwickelt das Unternehmen innovative Arzneimittel. Im Humanpharmakologischen Zentrum (HPZ) in Biberach führt Boehringer seit Jahrzehnten klinische Prüfungen der frühen Phase unter höchsten wissenschaftlichen und ethischen Standards durch. Seit Kurzem ergänzt das virtuelle Clinical Study Center die klinische Forschung: In einer digitalen Umgebung können sich Interessierte online anschaulich über Ablauf, Rollen und Sicherheit klinischer Studien informieren. Fotos: Boehringer 12 VAA MAGAZIN JUNI 2026 SPEZIAL
Jetzt Panel-Mitglied werden Weitere Informationen unter www.CHEMonitor.com Trendbarometer für die deutsche Chemiebranche! CHEMonitor bildet regelmäßig und systematisch die Bewertung der Standortbedingungen sowie Prognosen zur Investitions- und Beschäftigungsentwicklung ab und greift aktuell diskutierte Themen der Branche auf. © pickup - stock.adobe.com
2,4 Terrawattstunden Strom pro Jahr und 500 Tonnen Dampf pro Stunde werden im Chemiepark Marl erzeugt und verbraucht. Hochmoderne Gas- und Dampfturbinenkraftwerke produzieren die für die Anlagen notwendige Energie und haben die CO2-Emissionen des Chemieparks – im Vergleich zur früheren Erzeugung aus Steinkohlekraftwerken – um rund eine Million Tonnen pro Jahr gesenkt. Der Chemiepark verfügt über eine eigene Infrastruktur mit zwei Kläranlagen, einem Hafen und einem Bahnhof, Containerumschlag sowie erschlossenen Wasser-, Zug- und Straßenanbindungen. Für die Zukunft planen die Betreiber zunehmend, im Bereich des grünen Wasserstoffs tätig zu werden und den Chemiepark zum „Wasserstoff-Hub“ für Nordrhein-Westfalen oder sogar deutschlandweit zu entwickeln. Wasserstoff hat eine lange Geschichte im Chemiepark Marl: Seit seiner Gründung von 85 Jahren werden hier große Wasserstoffmengen erzeugt und verbraucht. Fünf Millionen Tonnen Produkte aus 15 Unternehmen verlassen den Chemiepark Marl jährlich. Das entspricht etwa einer Menge von zehn Binnenschiffen pro Tag. Der Schwerpunkt der Produktion in Marl liegt auf der Umsetzung von Rohstoffen wie Benzol, Ethylen, Propylen, Methanol und C4-Kohlenwasserstoffen zu Basis-, Fein- und Spezialchemikalien. C4Kohlenwasserstoffe werden zu Butadien und Weichmachern, Kochsalz und Ethylen zu PVC, Flüssiggas über Acetylen zu Butandiol, Fettalkohole und Ethylenoxid zu Tensiden und Propen über Acrylsäure zu Butylacrylat umgesetzt. All diese Vor- und Zwischenprodukte finden sich nach der Weiterverarbeitung in verschiedenen Bereichen des täglichen Lebens wieder, zum Beispiel in Produkten wie Tapeten, Farben und Shampoo oder auch in Hygieneartikeln, Pharmazeutika und als Komponenten für den 3-D-Druck. Rund 10.000 Menschen arbeiten in den 20 ansässigen Unternehmen im Chemiepark Marl. Zu Jahresbeginn 2026 übernahm die SYNEQT GmbH, ein 100-prozentiges Tochterunternehmen von Evonik, den Betrieb als neuer Infrastrukturdienstleister des Standorts und bündelt die Aktivitäten der Chemieparks Marl und Wesseling. Nach seiner Gründung im Jahr 1938 als „Chemische Werke Hüls GmbH“ gilt der Chemiepark Marl im nördlichen Ruhrgebiet inzwischen als einer der größten Synergiestandorte in Deutschland, auf dessen Gelände von etwa 600 Hektar Fläche sich circa 100 Produktionsanlagen zusammenfinden. Die Anlagen stehen in einem engen, stofflichen und energetischen Verbund und werden zum größten Teil rund um die Uhr betrieben. Foto: Evonik 14 VAA MAGAZIN JUNI 2026 SPEZIAL
17.890 Auszubildende haben in den vergangenen 86 Jahren ihre Ausbildung im Chemiepark Marl erfolgreich abgeschlossen, die durchschnittliche Bestehensquote liegt bei rund 98 Prozent. Davon entfallen 8.384 Abschlüsse auf naturwissenschaftliche, 5.890 auf technische und 3.616 auf kaufmännische Berufe. Bei der feierlichen Verabschiedung der Winterprüflinge aus Marl, Herne und Witten im Chemiepark Marl in diesem Jahr haben 107 Auszubildende ihre erfolgreich bestandene Abschlussprüfung gefeiert. Dem Beruf „Chemikant/-in“ fällt mit 60 erfolgreichen Abschlüssen dabei der größte Anteil zu, darauf folgen 13 Abschlüsse für „Anlagenmechaniker/-in“, 14 für „Chemielaborant/-in“, sieben für „Elektroniker/-in für Automatisierungstechnik“, zwei für „Elektroniker/-in für Automatisierungstechnik mit Studium“, sechs Industriekaufleute, zwei Kaufleute für Büromanagement, zwei Kaufleute für Spedition- und Logistikdienstleistungen und eine Servicekraft für Schutz und Sicherheit. Mit dem erfolgreichen Abschluss starten alle Absolventinnen und Absolventen als qualifizierte Fachkräfte in das Berufsleben. 27 Millionen Tonnen kostet der für Ende 2026 geplante Bau einer zukunftsweisenden Anlage zur CO2-neutralen Produktion von E-Methanol aus der Luft durch das Essener Start-up Greenlyte Carbon Technologies. Mit der integrierten Technologie zur Produktion von grünem Kohlendioxid (CO2) und grünem Wasserstoff (H2) von Greenlyte wird die Anlage voraussichtlich bis zu 1.400 Tonnen CO2 und circa 200 Tonnen H2 pro Jahr produzieren. Danach werden die im Prozess entstehenden Gase zu 1.000 Tonnen E-Methanol pro Jahr synthetisiert. Vorteil für den Chemiepark: Methanol ist ein wesentlicher Basisrohstoff für viele chemische Betriebe am Standort. Das Essener Start-up hat für die Anlage im Chemiepark die Zusage einer zweistelligen Millionen-Euro-Finanzierung im Rahmen des Programms „EFRE Produktives.NRW“ erhalten, das von Nordrhein-Westfalen und der Europäischen Union kofinanziert wird. 15 SPEZIAL VAA MAGAZIN JUNI 2026
Delegiertentagung des VAA Zwischen Krise und Neustart: VAA bündelt Kräfte Anfang Mai 2026 ist der VAA für seine jährliche Delegiertentagung nach Köln zurückgekehrt – und damit in die Stadt, in der auch die VAA-Geschäftsstelle ihren Sitz hat. Auf der Tagung hat der VAA-Vorstand über die Arbeit im vergangenen Verbandsjahr berichtet und die Pläne fürs laufende Jahr vorgestellt. Der Hauptgeschäftsführer des Dachverbandes ULA Michael Schweizer gab eine Bewertung der politischen Situation in Berlin ab und erläuterte die politischen Arbeit der ULA. In ihrer Ansprache an die über 160 VAA-Mitglieder machte die 1. VAA-Vorsitzende Dr. Birgit Schwab deutlich, dass der VAA gerade in Krisenzeiten noch relevanter werde. Sie betonte die verbindende Rolle, die Fach- und Führungskräfte im Unternehmen einnähmen: „Wir übersetzen die Transformation in den Alltag des Unternehmens.“ Foto: Silke Steinraths Photography – VAA 16 VAA MAGAZIN JUNI 2026 VAA
Rund 160 Delegierte aus den Werks- und Landesgruppen des VAA sind auf der Delegiertentagung am 8. und 9. Mai 2026 zusammengekommen, um über Anträge abzustimmen, die Schwerpunkte der Verbandsarbeit zu besprechen und sich untereinander auszutauschen. Der Auftaktabend begann mit einem Vortrag von Gerald Braunberger. Der Verantwortliche Herausgeber für Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprach zum Thema „Neustart für Deutschland“. Er verdeutlichte, dass der Zug für Deutschland und Europa noch nicht abgefahren, aber dass Handlungsbedarf vonseiten der Politik und der Industrie dringend notwendig sei. An den Vortrag schlossen sich viele Wortbeiträge an. Die Diskussion hat Klaus Hofmann moderiert. Der eigentliche Tagungstag begann mit einer Rede der 1. Vorsitzenden Dr. Birgit Schwab. Sie betonte der Rolle der Fach- und Führungskräfte – und damit auch aller im Saal Anwesenden – in der derzeitigen schwierigen Situation. Die Transformation der Industrie sei ohne den VAA vor Ort so nicht umsetzbar. Ihr Appell war, sich offensiv einzubringen und gemeinsam mitzugestalten. Zu den weiteren Tagesordnungspunkten gehörten unter anderem Berichte über die Ergebnisse der Betriebsrats- und Sprecherausschusswahlen. Außerdem haben die Delegierten einem Antrag der Werksgruppe Bayer Nordrhein zugestimmt, um sich gemeinsam mit weiteren Organisationen und Verbänden der Branche in die bildungspolitische Diskussion einer Neugestaltung zeitgemäßer wissenschaftlicher Studiengänge in Deutschland auf Bundes- und Länderebene einzubringen. Fotos: Silke Steinraths Photography – VAA „Wir haben drei große Herausforderung: die Weltpolitik, die Technologieentwicklung, die Demografie. Und in dieser Gemengelage müsste Politik mutig sein. Denn das größte Wachstumspotenzial für Europa ist in Europa vorhanden und wir können es schaffen, doch die Zeit wird knapp.“ Gerald Braunberger, Verantwortlicher Herausgeber für Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei seinem Vortrag „Neustart für Deutschland“ auf der Delegiertentagung. VAA-Vorstandsmitglied Martin Kubessa hat die Delegierten über die bisherigen Betriebsratswahlergebnisse unterrichtet, die in diesem Jahr in vielen Fällen besonders positiv für den VAA ausgefallen sind. 17 VAA VAA MAGAZIN JUNI 2026
VAA-Vorstandsmitglied Thomas Schmidt (im Bild) hat gemeinsem mit seinem Kollegen Dr. Christoph Gürtler den Jahresbericht des Vorstands vorgestellt. Auch in diesem Jahr haben zahlreiche der rund 160 VAA‑Delegierten auf der Tagung diskutiert, unter anderem über Anträge sowie über die ersten Ergebnisse der Einkommensumfrage. Der langjährige Vorsitzende der VAA-Kommission Einkommen Dr. Hans-Dieter Gerriets erhielt die Goldene Ehrennadel für seine Verdienste im VAA und bedankte sich persönlich. „Es war schön, zu sehen, mit wie viel Eifer und Elan unsere Mitglieder sich eingebracht haben. Es wurden Fragen gestellt, es wurde diskutiert und sich auch während der gesamten Tagung ausgetauscht. Unser Netzwerk lebt und funktioniert. Wir als Vorstand freuen uns jetzt auf das kommende Jahr und die anstehenden Aufgaben.“ Foto: VAA Dr. Roland Fornika, VAA-Vorstandsmitglied und Mitglied im Aufsichtsrat bei Röhm 18 VAA MAGAZIN JUNI 2026 VAA
www.gdch.de/karriere für Chemie und Life Sciences Von Chemikern für Chemiker Nutzen Sie das Netzwerk der GDCh: Stellenmarkt – Online und in den Nachrichten aus der Chemie Publikationen rund um die Karriere CheMento – das GDCh-Mentoringprogramm für chemische Nachwuchskräfte Coachings und Workshops ChemCareerCorner – die Austauschplattform für Ihre Karrierethemen Einkommensumfrage Gesellschaft Deutscher Chemiker Interview mit VAA-Vorstandsmitglied Dr. Monika Brink: „VAA community“ – ein Netzwerk für alle VAA-Mitglieder VAA Magazin: Sie haben in der Arbeitsgruppe mitgearbeitet, in der die Einführung der neuen Netzwerkplattform „VAA community“ vorbereitet wurde. Was ist das Kernziel von VAA community? Brink: Wir wollten einen digitalen Ort schaffen, an dem sich unsere Mitglieder treffen und austauschen können. Veranstaltungen wie die Delegiertentagung oder Jahreskonferenz sind das Kernstück für das persönliche Networking in unserem Verband. Allerdings sieht man sich dort nur zwei- oder dreimal im Jahr. Zudem wollen wir allen VAA-Mitgliedern die Möglichkeit zur Vernetzung untereinander geben – nicht nur den Teilnehmenden unserer Tagungen. Deshalb haben wir uns für die Einführung einer digitalen Plattform entschieden. VAA community ist nun für alle Mitglieder online. Wie kommen sie miteinander in Kontakt? Das ist ganz leicht: Sie müssen sich bei „MeinVAA“ anmelden, dort auf den VAA-community-Button gehen und sich dann einmal mit ihren MeinVAA-Daten registrieren. Und schon sind sie auf der Plattform und können sich per Chat mit den anderen Mitgliedern austauschen. Die Plattform ist sehr intuitiv aufgebaut – das war uns bei der Auswahl des Tools besonders wichtig. Auch die Nutzung von der mobilen Version ist leicht zu bedienen. Was passiert auf VAA community? Die VAA-Geschäftsstelle gibt regelmäßig Updates zu Verbandsinterna und vor allem findet hier das Netzwerk immer statt. Nicht nur zu den Tagungen, sondern über das ganze Jahr verteilt. Ich selbst bin beispielsweise in der Betriebsrätegruppe aktiv, in der wir uns austauschen können, wie bestimmte Dinge in anderen Unternehmen laufen. VAA community ist wie ein Social Medium – nur eben nicht von einem großen Tech-Konzern betrieben, sondern vom VAA und dem Hamburger Betreiber Just Social. Wie ist VAA community aufgebaut? Die beiden wichtigsten Funktionen sind die News- und die Chatfunktion. In ersterer gibt es verschiedene Kanäle, die mit Informationen gefüllt werden und die man abonnieren kann, um auf dem Laufenden zu bleiben. Die Chatfunktion dient zum Austausch mit anderen Mitgliedern, direkt zu zweit oder über GruppenChats. Außerdem gibt es noch die People-App, in der alle Mitglieder, die sich für VAA community registriert haben, sichtbar sind und angeschrieben werden können. So ist der Austausch untereinander noch einfacher. Ich freue mich, dass wir mit VAA community eine weitere Möglichkeit haben, unser großartiges Netzwerk zu leben! Foto: Silke Steinraths Photography – VAA Die neue Onlineplattform „VAA community“ wurde im Vorfeld der Delegiertentagung für alle Mitglieder freigeschaltet, sodass der Austausch zwischen den Mitgliedern nun noch einfacher ist. Die Tagungsleitung übernahm auch in diesem Jahr Vorstandsmitglied Dr. Monika Brink von Boehringer Ingelheim (hier neben Martin Kubessa auf dem Podium).
Einkommensumfrage des VAA Zuwachs bei Fixgehältern, Erholung bei Bonuszahlungen In der chemisch-pharmazeutischen Industrie sind die Fixgehälter der außertariflichen und leitenden Angestellten 2025 im Vergleich zum Vorjahr um rund 4,2 Prozent gestiegen. Erstmals seit 2023 fielen zudem die Bonuszahlungen wieder höher aus als im Vorjahr. Zu diesen Ergebnissen kommt die aktuelle VAA-Einkommensumfrage. Die Gesamteinkommen stiegen 2025 im Durchschnitt um 6,6 Prozent. Zum Einkommenszuwachs beigetragen haben dabei neben den höheren Fixgehältern die um rund 20 Prozent höheren variablen Bezüge. Dr. Birgit Schwab, 1. Vorsitzende des VAA und betreuendes Vorstandsmitglied der VAA-Kommission Einkommen, sieht die deutliche prozentuale Steigerung der Bonuszahlungen auch als Folge der Einkommensentwicklung in den Vorjahren: „Die Bonuszahlungen sind 2023 um 17 Prozent und 2024 nochmals um 24 Prozent gesunken. 2025 haben sich die Boni erholt, weil sich die dafür maßgebliche Situation der Chemiebranche im Jahr 2024 zwischenzeitlich stabilisiert hatte.“ Besonders deutlich fiel der Anstieg der Bonuszahlungen in Unternehmen mit mehr als 10.000 Beschäftigten aus: Hier legten sie um rund 48 Prozent zu. Im Vergleich zu kleineren UnterFoto: Phakphum Patjangkata – iStock 20 VAA MAGAZIN JUNI 2026 VAA
nehmen ergibt sich dadurch eine höhere Steigerung der Gesamteinkommen von insgesamt 8,7 Prozent. 2024 waren die Bonuszahlungen in den großen Unternehmen noch um 56 Prozent zurückgegangen. „Der Anteil der variablen Bezüge ist in den großen Unternehmen erheblich höher“, erläutert der Vorsitzende der VAAKommission Einkommen Dr. Peter Höfert. „Dadurch schwankt die Entwicklung des Gesamteinkommens dort deutlich stärker, insgesamt liegen die Gesamteinkommen aber höher als in kleineren Unternehmen.“ 2025 waren die Einkommen in Unternehmen mit mehr als 10.000 Beschäftigten rund 13 Prozent höher als in Unternehmen mit weniger als 1.000 Beschäftigten. An der VAA-Einkommensumfrage beteiligten sich mehr als 4.200 Personen aus zahlreichen Unternehmen der chemischpharmazeutischen Industrie. Damit bietet die Gehaltsstudie des VAA einen einzigartigen Überblick über die Chemie- und Pharmabranche in Deutschland. Ein wissenschaftlich fundiertes und statistisch robustes Fundament erhält die Untersuchung durch die gemeinsame Durchführung mit der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und der RWTH Aachen. Die Kurzfassung der Broschüre zur Auswertung der aktuellen Einkommensumfrage steht eingeloggten VAA-Mitgliedern auf der Plattform MeinVAA unter mein.vaa.de im Menüpunkt „Service“ unter „Publikationen“ beim Unterpunkt „Umfragen“ zum freien Download zur Verfügung. 21 VAA VAA MAGAZIN JUNI 2026
Rechte, Pflichten und Compliance im Aufsichtsrat Frühjahrstagung der Aufsichtsräte in Göttingen Über 30 Aufsichtsratsmitglieder sind Mitte April in Göttingen zusammengekommen, um sich über die Arbeit im Aufsichtsrat auszutauschen, sich weiterzubilden und zu netzwerken. Das Wochenende wurde thematisch mit zwei Vorträgen begleitet: Prof. Rüdiger Krause frischte das Wissen mit seinem Vortrag über die Rechte und Pflichten von Aufsichtsräten auf. Auf die strategische Complianceberatung fokussierte sich Christoph Ehrke. Er verdeutlichte, welche Relevanz Compliance in Bezug auf die Aufsichtsratsarbeit hat. VAA-Hauptgeschäftsführer Stephan Gilow zeigte sich im Nachgang sehr zufrieden: „Es ist immer schön zu sehen, dass unser Angebot so gut angenommen wird. Diesmal waren noch mehr Teilnehmende aus unterschiedlichen Branchen dabei, sodass der Austausch auch auf dieser Ebene vielfältig war.“ Fotos: VAA Die Teilnehmenden konnten viele Impressionen und Impulse aus den Vorträgen für ihre eigene Arbeit mitnehmen. Der Austausch über eigene Erfahrungen bei der Aufsichtsratsarbeit ist sehr wertvoll und ein zentraler Bestandteil der Aufsichtsrätetagungen des VAA. Die Teilnehmenden nutzten die Pausen während der Tagung zum Netzwerken. Hier im Bild: Sebastian Gerth von Sandoz, Carsten Hesse von Lanxess, Annette Lukas und Dr. Markus Binder von Heraeus sowie Dr. Dietmar Oeter und Dr. Patricia Schaffner von Merck. Rüdiger Krause ist Professor für Bürgerliches Recht und Arbeitsrecht sowie Direktor des Instituts für Arbeitsrecht der Georg-August-Universität Göttingen. Fotos: Ralf König – VAA 22 VAA MAGAZIN JUNI 2026 BRANCHE
Christoph Ehrke verdeutlichte in seinem Vortrag „Compliance als Aufsichtsratsaufgabe: Strukturen, Berichte und Kontrollmechanismen“ die Relevanz eines effektiven ComplianceManagements, mit dem Unternehmen und Mitarbeitende geschützt werden können. Aufsichtsratsmitglieder spielen hier eine entscheidende Rolle. Fotos: Ralf König – VAA Es war eine sehr aufschlussreiche Veranstaltung. Die Vorträge von Prof. Rüdiger Krause und Christoph Ehrke konnten uns hilfreiche Impulse für unsere Arbeit als Aufsichtsräte geben. Die Zusammenarbeit in der VAA-Kommission Aufsichtsräte ist wichtig, um die Anliegen der außertariflichen und leitenden Angestellten in der Unternehmensmitbestimmung stärker nach vorn zu bringen. Daher ist es großartiges Zeichen, dass der Austausch zwischen den Tagungsteilnehmenden und die unterschiedlichen Perspektiven sehr offen und wertschätzend waren. Barbara Wentzel, Beiersdorf Foto: Ralf König – VAA Christoph Hollmann von der Deutschen Post AG und ULA-Präsident Roland Angst von der Telekom Deutschland AG tauschen sich über ihre Perspektiven auf die Aufsichtsratsarbeit aus. Dr. Alexander Schultze vom Universitätsklinikum HamburgEppendorf, VAA-Mitglied Christine Regitz von SAP und VAAVorstandsmitglied Martin Kubessa von Evonik haben ebenfalls an der Tagung am 17. und 18. April 2026 teilgenommen. 23 BRANCHE VAA MAGAZIN JUNI 2026
Sozialreformen allein retten keinen Standort Stabilisieren ist kein Zukunftsplan Von Patrick Herrmann Es war ein Déjà-vu: CDU-Prominenz wird beim DGB-Bundeskongress ausgepfiffen. Damit ereilte Bundeskanzler Friedrich Merz das gleiche Schicksal wie einst Angela Merkel, als er Mitte Mai ans DGB-Rednerpult trat. Nicht laut, nicht anhaltend, aber vernehmlich. Die Reaktion aus dem Saal war weniger Protest gegen eine Person als Ausdruck einer grundsätzlichen Spannung. Der VAA schaut auf diesen Moment mit einer gewissen Distanz zu beiden Polen. Fach- und Führungskräfte sind gewerkschaftlich organisiert, allerdings sind sie qua Rolle oft in einer Sandwichposition, die gleichzeitig Arbeitnehmerinteressen vertritt und die unternehmerische Perspektive kennt. Das macht eine Haltung zu aktuellen Reformdebatten weder einfacher noch populärer. Erschwerend kommt hinzu: Sozialreformen allein werden die Wirtschaft des Landes nicht wieder voranbringen. Adrian Willig, Direktor und geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des VDI, benannte es beim Deutschen Führungskräftetag deutlich: „Es geht immer um eine systemische Lösung. Wir müssen alles ganzheitlich in den Blick nehmen.“ Inhalte wichtig, nicht Pfiffe Die Berichterstattung über die Merz-Rede konzentrierte sich naturgemäß auf das Pfeifkonzert. Was dabei in den Hintergrund geriet, war der Inhalt. Merz benannte die strukturellen Ursachen der deutschen Wirtschaftsmisere klar: sieben Jahre wirtschaftliche Stagnation, verpasste Modernisierungen, demografischer Druck auf die Sozialsysteme. Er betonte: Ohne Wachstum gibt es keine neuen Arbeitsplätze, keine auskömmliche Rente, keinen leistungsfähigen Sozialstaat. Darüber hinaus führte er eine wichtige – wenngleich sie selbstverständlich klingen mag – Unterscheidung ins Feld: Das Problem sind nicht die Löhne, sondern Steuern, Abgaben und Energiekosten. Die anstehenden Reformen sollen laut Merz kein „Sozialabbau“ seien, sondern Strukturanpassungen. Maßnahmen, die allen etwas abverlangen und für alle langfristig besser sind. Gemessen an diesem Anspruch muss der Referentenentwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Das Ziel ist legitim: Die gesetzliche Krankenversicherung verzeichnete 2024 ein Defizit von knapp zehn Milliarden Euro. Die Ausgaben steigen derzeit um fast acht Prozent pro Jahr, die Einnahmen nur um rund fünf Prozent. Ohne strukturelle Maßnahmen wäre ein Defizit von bis zu 40 Milliarden Euro bis 2030 absehbar gewesen. Doch der Entwurf enthält eine Maßnahme, die in diesem Kontext besonders kritisch zu beurteilen ist: die erneute Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Krankenversicherung. Zum 1. Januar 2026 war die BBG bereits, routinemäßig und einkommensbasiert, auf 69.750 Euro im Jahr gestiegen. Nun sieht der Entwurf von Gesundheitsministerin Nina Warken eine zusätzliche Erhöhung um 300 Euro im Monat vor. Das belastet höhere Einkommensgruppen. Die ULA, der VAA-Dachverband, hat diesen Vorschlag aus gutem Grund scharf kritisiert: Die zuständige Expertenkommission hatte eine solche Anhebung ausdrücklich nicht empfohlen. Im Gegenteil: Ihre langfristigen Reformempfehlungen wurden unterlaufen, bevor sie überhaupt ernsthaft zur Diskussion kamen. Das eigentliche Problem ist nicht die Summe, sondern die Logik dahinter. Wer die BBG anhebt, belastet Menschen und ihre Familien: Chemiker im Labor, Ingenieurinnen in der Prozessentwicklung, Teamleiterinnen in der pharmazeutischen Forschung. Menschen, die bereits viel für das Gesundheitssystem geben, aber mit einer höheren Bemessungsgrenze keine zusätzlichen Versorgungsansprüche erwerben, obgleich sie höhere Beiträge zahlen. Das klingt nicht nach Reform, sondern wirkt wie eine Zusatzabgabe auf Leistung. Genau das lehnte der Kanzler in seiner DGBRede allerdings ab. Ebenfalls kritisch zu bewerten ist das Fehlen einer Übergangsfrist bei der geplanten Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern ohne eigenes Einkommen. 85 Prozent der VAAMitglieder leben laut Einkommensumfrage in Ehe oder eheähnlicher Gemeinschaft und versorgen im Durchschnitt ein unterhaltsberechtigtes Kind. Einschnitte in gewachsene Familienstrukturen verdienen wenigstens eine planbare Übergangszeit. Vermitteln und gestalten Es gibt in dieser Reformdebatte eine gefährliche Versuchung: reflexartig Reformen als Angriff zu verstehen. Doch Obacht vor dieser Bequemlichkeit, Vereinfachung greift zu kurz. Denn im VAA war schon früh klar: Der Leistungsbegriff ist kein Drohwort, sondern Grundlage des Sozialstaats. Merz hat in seiner Rede vor den DGB-Delegierten entsprechend die Sozialpartnerschaft als Fundament der deutschen Wirtschaftskultur gelobt. Die ver24 VAA MAGAZIN JUNI 2026 POLITIK
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