Zeitschrift für Fach- und Führungskräfte AUGUST 2025 Tatort Ostsee MUNITION IM MEER INTERVIEW ZUM ARBEITSRECHT Homeoffice im Visier MITBESTIMMUNG IM BETRIEB Konferenz für Betriebsräte BEFINDLICHKEIT IN DER CHEMIE Stimmung leicht verbessert
1 2 3 Präsentationsplattform aufrufen Einmalige Registrierung unter der URL https://vaa.rahmenvereinbarungen.de mittels Firmen E-Mail-Adresse Sofort attraktive Angebote wahrnehmen 20% Registrieren und sparen. Exklusiv für VAA-Mitglieder Erhalten Sie besondere Rabatte auf Reisen, Mode, Technik und vieles mehr bei über 230 Top-Anbietern!
Stephan Gilow Hauptgeschäftsführer des VAA Foto: Friederike Schaab – VAA Wer ernsthaft über Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft oder Resilienz spricht, kommt an der chemisch-pharmazeutischen Industrie nicht vorbei. Denn mehr denn je ist sie Transformationsmotor und Hoffnungsträger zugleich. Dass die EU jüngst mit dem Chemie-Aktionsplan erstmals industriepolitische Rückendeckung signalisiert, ist ein wichtiges Zeichen – gerade in volatilen transatlantischen Zeiten, in denen nicht nur zollpolitisch auf Sicht gefahren wird. Was wir jetzt brauchen, ist ein stabiles Fundament für industrielle Wertschöpfung und Investitionen in Europa. Wir brauchen einen Standort, an dem sich hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte wohlfühlen. Genau hier setzen wir im VAA an. Auf unserer Klausurtagung haben Vorstand und Geschäftsführung zentrale Fragen bearbeitet: Wie wollen wir künftig arbeiten, führen, vertreten? Welche Haltung nehmen wir zu Themen wie KI, Mitbestimmung, Standortentwicklung oder Führungskultur ein? Das Projekt „VAA next“ bringt diese Fragen zusammen und richtet den Blick nach vorn. Wir sind bereit, neue Verantwortung zu übernehmen. Dass dies nötig ist, zeigt auch unsere aktuelle Befindlichkeitsumfrage, nachzulesen in der Rubrik „VAA“ auf den Seiten 16 bis 19. Viele unserer Mitglieder vermissen Klarheit, Perspektive und Entwicklungsmöglichkeiten in ihren Unternehmen. Besonders in der Personalentwicklung bleiben zentrale Erwartungen unerfüllt. Unternehmen, die Talente halten wollen, sollten jetzt gezielt in Vertrauen, Führung und Karrierepfade investieren. Wenn Beschäftigte mehr „Wir-Gefühl“ spüren und beteiligt werden, können Unternehmen davon nur profitieren. Ein starkes Beispiel gelebter Beteiligung war zuletzt unsere Betriebsrätekonferenz in Mainz – auch dazu gibt es einen Bericht auf den Seiten 20 bis 22. Austausch, Vernetzung und Weiterbildung sorgen dort für eine gelebte Mitbestimmung, wo sie am meisten wirkt: vor Ort in den Betrieben. Die Vorbereitungen auf die Wahlen 2026 laufen an und wir sind natürlich bereit, weiter anzupacken und mitzugestalten. Rückenwind nutzen und Beteiligung leben 3 EDITORIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2025
VAA MAGAZIN – August 2025 6 SPEZIAL Foto und Coverfoto: Achim Multhaupt – BMUKN Munitionsaltlasten in den Tiefen der Nord- und Ostsee 4 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 INHALT
Inhalt – VAA 16 Befindlichkeitsumfrage: Stimmung verbessert sich leicht 20 Betriebsrätekonferenz in Mainz: Kampagnenvorbereitung für die Betriebsratswahlen 2026 BRANCHE 24 Führungsspannen: Randolf Bursian und Katja Rejl über klare Kommunikation MELDUNGEN 27 MOFs mit Bürstenstruktur Salzwasser im Südpolareis Immunprotein macht Unterschied 28 Paracetamol aus Plastik Studienstatistik der GDCh Infoveranstaltung für Betriebsräte Schadstoffe in Kosmetika 29 Klausurtagung in Düsseldorf Neues aus den Communitys Personalia aus der Chemie 30 Zelltherapie gegen Krebs Hochschulveranstaltung in Köln VAA zu Gast an Uni Marburg KI im Gesundheitswesen ULA NACHRICHTEN 31 Kommentar: Bedarf an durchgreifenden Reformen 31 ULA intern: Führungskräfte-Dialog und Mitgliederversammlung 32 Deutscher Führungskräftetag: Aufbruchstimmung in Berlin 36 G astbeitrag aus der Politik: Alexander Schweitzer über Transformation und Partnerschaft 38 Weiterbildung: Aktuelle Seminare des Führungskräfte Instituts 38 Newsletter und Terminvorschau: Angebote und Veranstaltungen im Überblick RECHT 39 Problemfeld Homeoffice: Interview mit Catharina Einbacher 42 Urteil: BAG entscheidet über Urlaubsverzicht LEHMANNS DESTILLAT 44 Satirische Kolumne: Vom Weißen Haus über Marsmännchen zur Künstlichen Intelligenz VERMISCHTES 45 ChemieGeschichte(n): Kartoffelfäule in Irland 47 Glückwünsche 48 Sudoku, Kreuzworträtsel 49 Leserbriefe 50 Feedback, Termine, Vorschau, Impressum 5 INHALT VAA MAGAZIN AUGUST 2025
Foto: Achim Multhaupt – BMUKN BERGUNG VON WELTKRIEGSMUNITION Mission Meeresboden – Operation auf hoher See läuft endlich an 6 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 SPEZIAL
Von Joachim Heinz und Simone Leuschner Gerade im Sommer sind Nord- und Ostsee beliebte Ferienziele. Sonnenanbeter und Badegäste bevölkern zu Scharen die Strände. Am Horizont ziehen Segelboote und Fahrgastschiffe vorbei. Dass auf dem Meeresgrund tonnenweise Munition aus dem Zweiten Weltkrieg vor sich hin rotten, passt nicht in das Idyll. Jahrzehntelang wurde das Problem ignoriert. Inzwischen suchen Naturwissenschaftler, Ingenieure und Politiker nach Lösungen. „Wenn man da mit Angst rangeht, ist man falsch im Job. Aber man muss sich der Gefahren stets bewusst sein.“ Spricht Diplom-Geophysiker Karsten Stürmer über seine Arbeit, kann dem Laien schon mal ein Schauer über den Rücken laufen. Wenn in der Nordsee ein Offshore-Windpark gebaut wird oder am Grund der Ostsee Kabel verlegt werden, ist der Fachplaner für Kampfmittelräumung zur Stelle. Er sorgt in einem Team von Spezialisten dafür, dass der Meeresgrund, in dem beispielsweise die Fundamente für die Windräder verankert werden, frei ist von Granaten oder Seeminen. Die meisten dieser Kampfmittel stammen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Vieles davon wurde unmittelbar nach Kriegsende im Meer versenkt. Ein Grund: Die Alliierten wollten verhindern, dass Waffen und Munition in den Händen der Deutschen blieben. Eine Verklappung auf See erschien damals als die einfachste Lösung. Im Akkord wuchteten Fischer, Seeleute und Militärs damals die explosive Fracht ins Wasser. Fachleute schätzen, dass allein in den deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee 1,6 Millionen Tonnen Kampfmittel liegen – von Pistolenmunition über Minen bis hin zu Sprengköpfen von V1- und V2-Raketen. Dazu kommen mutmaßlich 5.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe in Bomben, Granaten und anderen Behältern aus Stahl: Clark, Senfgas, Phosgen oder Tabun. Während Bombenentschärfungen auf dem Festland wie zuletzt in Köln, Göttingen oder Kiel mit groß angelegten Evakuierungsmaßnahmen regelmäßig für Schlagzeilen sorgen, kümmerten sich Behörden und Öffentlichkeit jahrzehntelang bestenfalls sporadisch und punktuell um das vor den Küsten schlummernde explosive Erbe des Krieges. Im Jahr 2023 startete die Ampelkoalition ein „Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“. Ziel: die Entwicklung eines Verfahrens, mit dem sich die Munition in großem Stil bergen und ohne Schäden für die Umwelt entsorgen lässt. Das Vorhaben will die neue Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz fortsetzen, wie eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums auf Anfrage des VAA Magazins bestätigt. Sie verweist auf die entsprechenden Passagen im Koalitionsvertrag. Daraus geht auch hervor, dass ein „Bundeskompetenzzentrum mit Sitz in den östlichen Bundesländern“ die Arbeit von Wissenschaftlern, Privatwirtschaft und Behörden zusammenführt. Im August und September 2024 haben unter Leitung des Projektkoordinators für das Sofortprogramm, der Seascape GmbH in Hamburg, Räumungen in drei Versenkungsgebieten in der Lübecker Bucht stattgefunden. In diesem Sommer werden die Experten die Probebergungen im vierten und letzten Pilotierungsgebiet abschließen. Es liegt vor der Küste von MecklenburgVorpommern, in der Nähe von Boltenhagen. Dann ist auch Karsten Stürmer u Foto: Patryk Kosmider – iStock Wenn man da mit Angst rangeht, ist man falsch im Job. Aber man muss sich der Gefahren stets bewusst sein.“ Karsten Stürmer, Diplom-Geophysiker und Fachplaner für Kampfmittelräumung. 7 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2025
Prof. Edmund Maser über Forschungen zu versenkter Munition im Meer: „Die ‚Tirpitz‘ ist ein sehr interessantes Wrack“ Foto: Jürgen Haacks – CAU Prof. Edmund Maser gehört zu den Spezialisten, die seit Jahren die Folgen der Munitionsversenkungen in Ost- und Nordsee wissenschaftlich untersuchen. Kürzlich erst ist der Direktor des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie an der Universität Kiel nach Norwegen gereist. Dort hat er Analysen rund um das Wrack der „Tirpitz“ durchgeführt. Das riesige Schlachtschiff der deutschen Kriegsmarine wurde 1944 von den Briten vor der Hafenstadt Tromsø versenkt. Im Interview mit dem VAA Magazin berichtet Maser unter anderem, was er sich von diesen Untersuchungen erhofft. VAA Magazin: Herr Prof. Maser, wie gehen Sie bei Ihren Untersuchungen zu den Schadstoffbelastungen durch Weltkriegsmunition bei Meereslebewesen vor? Maser: Wir verfolgen hier mehrere Ansätze: Ein erster Ansatz sind Untersuchungen an frei lebenden Muscheln und Fischen aus Verdachtsgebieten, etwa aus Munitionsversenkungsgebieten oder Schiffswracks. Die Muscheln werden von Tauchern eingesammelt und die Fische mit Angelruten oder Netzen gefangen. Die Tiere werden sofort eingefroren und in das Toxikologische Institut nach Kiel gebracht. Hier werden sie seziert und die verschiedenen Gewebe nach Extraktion separat auf den Gehalt an sprengstofftypischen Verbindungen – STV – untersucht. Dazu benutzen wir hochauflösende Gas- und Flüssigkeitschromatografische Trennverfahren, die an eine Massenspektrometrische Analyse gekoppelt sind. Hier konnten wir zum Beispiel in Fischen, die am Wrack der „John Mahn“ in der Belgischen Nordsee leben, sowie an Plattfischen, die in der Nähe der Ostfriesischen Inseln leben, zeigen, dass die STV sogar in der Muskulatur, also im essbaren Teil der Fische, im Filet, auftauchen. Allerdings sind die Konzentrationen von TNT sehr gering und nur in Spuren nachweisbar. In einem zweiten Ansatz haben wir Muscheln untersucht, die seit 1985 von der Umweltprobenbank jährlich an bestimmten Orten gesammelt, tiefgefroren und für spätere Analysen aufbewahrt werden. In diesen Muscheln haben wir gesehen, dass die STV erstmals in Muscheln ab dem Jahr 2002 auftauchen und in ihrer Konzentration langsam, aber über die Jahre stetig ansteigen. Auch hier sind die STV-Konzentrationen nur in Spuren nachweisbar. Als drittes führen wir ein Muschelmonitoring durch. Hier werden unbelastete Muscheln aus Muschelfarmen gezielt an die Verdachtsflächen, also in Munitionsversenkungsgebieten oder Schiffswracks, ausgebracht. Dies geschieht wieder mithilfe von Tauchern, die die Muscheln in Netzen oder Käfigen direkt an die Munition bringen. Nach ein paar Wochen werden die Muscheln geborgen und wieder bei uns in der Toxikologie analysiert. Miesmuscheln können dazu besonders gut als Bioindikatoren eingesetzt werden. Als permanente und gleichzeitig robuste Filtrierer nehmen sie aus dem umgebenden Wasser nicht nur Nähr-, sondern auch Schadstoffe auf und reichern diese in ihrem Gewebe an. Auf diese Weise dienen Muscheln bereits in vielen Monitoring-Programmen als Bioindikatoren zur Überwachung der Meeresumwelt auf mögliche Schadstoffbelastungen. Hier haben wir zeigen können, dass Miesmuscheln, die an freiliegenden Schießwollebrocken siedeln, im Vergleich zu Muscheln an rostenden Ankertauminen circa 50 mal mehr STV in ihrem Gewebe einlagern. Auch dies ist ein Hinweis, dass wir mit der Munitionsräumung nicht so lange warten sollten, bis alle Munitionskörper verrostet sind. Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich von Ihrer jüngsten Forschungsreise ans Wrack der „Tirpitz“? Die „Tirpitz“ ist ein sehr interessantes Wrack, weil sie so überdimensioniert gebaut war und mit einer sehr großen Menge an Munition versenkt wurde. Wir sind bei der Planung davon ausgegangen, dass wir hier sehr deutliche Zeichen einer Umweltkontamination mit STV im umliegenden Sediment, Wasser und den gesammelten Wildmuscheln finden werden. Ganz aktuell haben wir in den ersten durchgeführten Sedimentanalysen tatsächlich nicht nur deutliche Mengen an STV aus der Munition, sondern auch noch Schadstoffe – polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe – aus den Treibstoffen – Schweröle – der Tirpitz gefunden. Was sagen Sie denen, die sich fragen, ob Sie besser auf den Verzehr von Fischen und Meeresfrüchten verzichten sollten? Im Moment besteht keinerlei Gefahr für den Menschen beim Verzehr von Fischen. Auch wenn diese in Munitionsversenkungsgebieten oder in der Nähe von Schiffswracks gefangen wurden. Die Konzentrationen der STV im Filet der Fische sind einfach zu gering. Das betrifft auch die Muscheln. Allerdings gibt es hier die Ausnahme, dass Muscheln, die direkt an oder auf den Schießwollebrocken leben, besser nicht gegessen werden sollten, denn in diesen Muscheln sind die STV-Konzentrationen deutlich erhöht. Aber diese Situation kann sich in ein paar Jahrzehnten ändern, weil die Munitionskörper stetig weiter rosten. Zusammen mit dem Klimawandel beziehungsweise der Erwärmung der Meere könnten sich also die STV-Konzentrationen im Wasser weiter erhöhen. Deshalb müssen permanente Monitoringverfahren etabliert werden, etwa mit Miesmuscheln an den kritischen Stellen, um uns rechtzeitig vor möglichen Gefahren zu warnen. Fotos: Edmund Maser 8 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 SPEZIAL
wieder mit von der Partie. Er kann sich gut an seine Eindrücke bei der ersten Erkundung in der Lübecker Bucht erinnern, an der er beteiligt war. Ein „Sammelsurium von schätzungsweise 1.000 bis 1.500 Munitionskisten“ hätten die Unterwasseraufnahmen von Tauchrobotern seinerzeit stellenweise gezeigt. „Als die ersten Kisten durch Taucher vorsichtig geöffnet, in die Körbe geladen und dann schließlich an Bord gezogen wurden, um im Wasch- und Sortierbereich zu landen, war das schon ein besonderer Moment“, berichtet Stürmer. Überrascht habe ihn vor allem der unterschiedliche Zustand der Kisten. „Wir hatten Munitionskisten, die der ursprünglichen Erwartungshaltung entsprachen: stark verrostet, teilweise zu ganzen Sprengstoffsedimentblöcken verbacken, auf denen Muscheln und Seesterne siedelten“, so der Diplom-Geophysiker. „Und dann machen Sie andere Kisten auf und denken: Aus welcher Fabrik kommen die denn gerade?“ Einzelne der Zwei-Zentimeter-Patronen seien dermaßen gut erhalten gewesen, dass ihm spontan durch den Kopf gegangen sei: „Die könntest Du glatt nochmal durchs Rohr schicken.“ Gefährliches Erbe für Mensch und Umwelt Einstweilen hat die Bergungscrew die Munition bis zu einer endgültigen Bergung wieder auf den Meeresgrund verbracht. Sicher verpackt, „damit keine Schadstoffe austreten oder sich irgendein Unbefugter an der Munition vergreift“. Gefährlich für Mensch und Umwelt sind diese Hinterlassenschaften nämlich in jedem Fall – ganz egal, in welchem Zustand sie sich befinden. Explodiere beispielsweise ein noch scharfer Großsprengkörper, „dann gehen da bis zu 900 Kilo Sprengstoff auf einmal los“, weiß Claus Böttcher von der Nichtregierungsorganisation JPI Oceans. Das könne Wale noch in einem Umkreis von 40 oder mehr Kilometern töten. „Und auf einem Handelsschiff wird die Explosion noch in 1.000 Metern Entfernung spürbar sein.“ Doch das ist rund 80 Jahre nach den Kampfmittelversenkungen nicht das einzige Problem, wie Böttcher betont. „Jetzt rosten die Metallhüllen zunehmend weg und die Chemie ist direkt u Foto: Krofoto – Shutterstock Fotos: GEOMAR 9 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2025
dem Meerwasser ausgesetzt und löst sich darin auf.“ Die sprengstofftypischen Verbindungen, ein ganzer Cocktail an verschiedenen Chemikalien, wirke sich auf kleine Meereslebewesen und Fische aus. Hinzu kämen – allerdings untergeordnet – giftige Schwermetalle wie Quecksilber, Blei und Arsen. Böttcher gehört zu denen, die als erste auf die Spätfolgen der Versenkungen vor 80 Jahren aufmerksam machten und dann Wissenschaftler und Behörden miteinander vernetzten. 2011 legte er, damals noch als Mitarbeiter des Schleswig-Holsteinischen Innenministeriums, zusammen mit anderen Fachleuten einen Bericht vor, der die Dimensionen des Problems veranschaulichte. „Da stand plötzlich jemand vor mir mit ein paar Muscheln, die ich untersuchen sollte“, erinnert sich Edmund Maser an die erste Begegnung mit dem Team um Claus Böttcher. Dem Professor für Toxikologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gelang es, sprengstofftypische Verbindungen wie TNT im Muschelfleisch nachzuweisen. Es sollte noch einmal geraume Zeit dauern, bis diese Ergebnisse in die politische Debatte sickerten und zu konkreten Maßnahmen wie dem Sofortprogramm der Bundesregierung führten. Inzwischen laufen allein in Masers Forschungsabteilung zehn Projekte. Krebserregende Stoffe in Fischen und Meeresfrüchten In einem 2021 mit seiner Kollegin Jennifer Strehse publizierten Aufsatz warnt der Toxikologe, dass die krebserregenden Stoffe beim Verzehr von Fischen und Meeresfrüchten auch in den menschlichen Organismus gelangen können. Noch allerdings fehle es an einer verlässlichen Risikobewertung. Deswegen empfehlen Maser und Strehse weitere Untersuchungen. Dazu gehörten „die Charakterisierung, Quantifizierung und digitale Kartierung von Unterwassermunitionsstandorten; die Bewertung ihrer toxikologischen Risiken sowohl für die marine Ökosphäre als auch für den menschlichen Verbraucher von Meeresfrüchten; die Entwicklung von Modellierungs- und Prognoseinstrumenten zur Bewertung gegenwärtiger und künftiger Risiken, einschließlich Szenarien im Hinblick auf die globale Erwärmung und schließlich die Entwicklung umweltverträglicher Sanierungsmethoden ohne Gefährdung des menschlichen Lebens“. Konventionelle Kampfmittel und chemische Kampfstoffe verunreinigen nicht nur deutsche Gewässer. Vor wenigen u Fotos: GEOMAR, Ilka Thomsen – GEOMAR Vor der norwegischen Nordesseküste, auf Höhe der Stadt Tromsø, liegen die Reste der „Tirpitz“. Das deutsche Schlachtschiff wurde 1944 von den Briten versenkt. An Bord: jede Menge Munition. Wissenschaftler wie Edmund Maser von der Uni Kiel untersuchen nun mit modernen Methoden die Folgen der Versenkung für die Umwelt. Foto: VasekCZ – Shutterstock 10 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 SPEZIAL
Foto: E. Wenzlaff – GEOMAR Die Altmunition enthält giftige Substanzen wie TNT (2,4,6-Trinitrotoluol), RDX (1,3,5-Trinitro-1,3,5-triazinan) und DNB (1,3-Dinitrobenzol), die ins Meerwasser freigesetzt werden, wenn die Metallhüllen durchrosten. Diese Stoffe können die marine Umwelt und die Gesundheit von Lebewesen gefährden, da sie toxisch und krebserregend sind.“ Dr. Aaron Beck, Geochemiker am GEOMAR. 11 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2025
Wochen erst erforschte Maser mit Kolleginnen und Kollegen das Wrack der „Tirpitz“. Die Reste des größten jemals in Europa fertiggestellten Schlachtschiffs liegen vor der norwegischen Küstenstadt Tromsø. Dort hatten es die Briten 1944 versenkt. „In der Nordsee sind die Munitionsversenkungsgebiete noch nicht so genau definiert wie in der Ostsee“, erklärt Professor Maser. „Deswegen konzentrieren wir uns hier zunächst in erster Linie auf die Erforschung von Schiffswracks.“ Gefördert werden diese Analysen von der Europäischen Union im Rahmen des REMARCO-Programms. Ein Mitbringsel Masers von seiner Reise nach Nordnorwegen: neue Beutel mit Sediment- und Wasserproben sowie Muscheln aus dem Untergangsgebiet der „Tirpitz“, die er jetzt auf Schadstoffe untersucht. „Erste und vorläufige Ergebnisse weisen darauf hin, dass auch das Wrack der ‚Tirpitz‘ zu einer sogenannten Punktquelle für sprengstofftypische Verbindungen geworden ist“, so Maser. Generell gibt es noch viel zu tun, wie Jens Greinert hervorhebt. Der Professor für Geologie arbeitet für das Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel GEOMAR. Er und sein Team haben den Meeresboden hydroakustisch mit Echoloten kartografiert. Ein Ergebnis: Zumindest der deutsche Teil von Nord- und Ostsee müsse in seiner Gesamtheit als munitionsbelastet angesehen werden – „mit Hotspots in den Versenkungsgebieten“. Die technische Bergung der Munition ist nur die eine Seite der Medaille, musste Greinert im Lauf der Auseinandersetzung mit dem Thema lernen. Erst im Lauf der Foto und Grafik: GEOMAR Wie und warum gelangten nach 1945 Granaten und Bomben in die Ostsee? Was findet sich davon heute noch auf dem Meeresgrund? Und wie entging die Hansestadt Lübeck, heute Weltkulturerbe, nach dem Zweiten Weltkrieg einer Katastrophe? Diese Fragen beantwortet noch bis zum 13. Dezember 2025 eine sehenswerte Sonderausstellung im Museum für Regionalgeschichte der Gemeinde Scharbeutz und Umgebung (Lindenstraße 23, 23684 ScharbeutzPönitz). Öffnungszeiten: Dienstag 15 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, um eine Spende wird gebeten. Weitere Informationen gibt es unter https://museum-scharbeutz.de/. Sonderausstellung „Munition im Meer – das explosive Erbe“ Foto: Marc Seidel – GEOMAR Mit autonomen Unterwasserfahrzeugen kartieren Jens Greinert und sein Team vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel GEOMAR den Meeresboden. Ein Ergebnis der Untersuchungen: Zumindest der deutsche Teil von Nord- und Ostsee muss in seiner Gesamtheit laut Greinert als munitionsbelastet angesehen werden. 12 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 SPEZIAL
punkt die Hauptverantwortung beim Bundesumweltministerium liege. Für das „Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“ hat das Bundesumweltministerium 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Bis Ende 2027 soll, nach den Erkundungen und Probebergungen, eine Plattform entwickelt und gebaut werden, mit deren Hilfe die Weltkriegsmunition geborgen und gleich vor Ort auf dem Meer verbrannt werden kann, wie der Geschäftsführer des Projektkoordinators Seascape Wolfgang Sichermann erläutert. „Die Abgase werden dabei gefiltert und gereinigt.“ Mit dem Versenkungsgebiet in der Ostsee vor Boltenhagen habe man es mit einem besonders kniffligen Fall zu tun, erläutert Geophysiker Karsten Stürmer. „Da liegt ein Sammelsurium an Wehrmachtsbeständen, von Handgranaten über Kleinmunition bis hin zu Artilleriegranaten, auf dem Grund“, sagt er. Besonders schwierig werde es, „bei einer Räumung das in den verschiedenen Kampfmitteln enthaltene Treibladungspulver nicht im Meer zu verbreiten, sondern sicher in Transportbehälter zu überführen“. Alle beteiligten Fachleute wissen: Bei der Bergung von Brandmitteln, Spreng- und Kampfstoffen aus dem Meer drängt die Zeit – und trotzdem braucht es einen langen Atem. „Wenn denn Geld nicht unbedingt das Problem ist, man die Industrie machen lässt und weiter am Ball bleibt, kriegt man nach meiner Meinung die deutschen Ostsee-Gewässer bis Ende 2040 munitionsfrei“, zeigt sich Geologe Greinert überzeugt. Schon aufgrund der Tatsache, dass dort große „Munitionshaufen“ in höchstens 25 Metern Wassertiefe lägen, halte er eine solche Räumung für essenziell, „auch aufgrund der Sicherheitsaspekte“, so der GEOMAR-Experte. „Und das ist machbar.“ Foto: Ilka Thomsen – GEOMAR Zeit sei so richtig klargeworden, „wen man eigentlich alles fragen muss, um so etwas zu machen, wenn es nicht um eine Noträumung geht“. Dazu gehören laut Greinert allein auf deutscher Seite mehrere Behörden und Ministerien auf Länder- und Bundesebene. In den vergangenen Jahren habe sich aber immerhin herauskristallisiert, dass zum jetzigen ZeitDie Herausforderungen der Bergung von Munition aus dem Meer beleuchtet eine halbstündige TV-Dokumentation des deutschfranzösischen TV-Senders Arte. Der Beitrag mit dem Titel „Mission Munitionsbergung aus dem Meer“ ist online abrufbar. Die historischen Hintergründe der Munitionsversenkungen in der Ostsee unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg beleuchtet ein Radiofeature der WDR-Reihe „Zeitzeichen“. Dieser Beitrag ist ebenfalls online abrufbar. Mehr zu Munition im Meer Foto: Maike Nicolai – GEOMAR 13 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2025
Tonnen Weltkriegsmunition bedecken den Boden von Nord- und Ostsee. Allein in der deutschen Ostsee liegen Schätzungen zufolge rund 300.000 Tonnen Altmunition. Darunter befindet sich konventionelle Munition wie Hülsen, vor allem aber chemische Kampfstoffe, deren Behältnisse im rauen Salzwasser rosten und sich nun langsam auflösen. Die Kriegsmunition ist hier auf unterschiedlichsten Wegen gelandet: durch Verminung, Seekämpfe oder Schiffswracks. Die größte Menge stamme aus gezielten Versenkungen nach Ende des Zweiten Weltkrieges, so schreibt es das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel als eine der weltweit führenden Einrichtungen auf dem Gebiet der Meeresforschung. Mehr als 1,6 Millionen Um etwa 0,5 Grad Celsius hat sich der Weltozean in den vergangenen 30 Jahren erwärmt – Messreihen in der Ostsee zeigen bereits eine Erwärmung um etwa 1,5 Grad. In der Ostsee sind schon jetzt viele Veränderungen zu beobachten, die anderen Meeresregionen noch bevorstehen. In der Tiefe herrscht Sauerstoffmangel, einige Zonen gelten bereits als sauerstofffrei. Und der pH-Wert des Wassers erreicht regelmäßig Bereiche, die im Zuge der Ozeanversauerung für tiefere Meere erst im nächsten Jahrhundert erwartet werden. Hinzukommen Überdüngung und Verschmutzung. Forschende betrachten das Brackwassermeer daher auch als „Zeitmaschine“. Gleichzeitig ist die Ostsee eines der am besten erforschten Meere. Die Entwicklung wichtiger Umweltparameter, marinem Leben und Fischbeständen werden seit Jahrzehnten erfasst. stellt diese große Menge an Altmunition nicht nur eine Gefahr für die marine Umwelt, sondern auch für den Menschen dar: Die giftigen Substanzen wie TNT, Quecksilber oder Blei als Schadstoffe werden langsam freigesetzt und sind im Wasser und in Meeresorganismen nachweisbar. Aus Altmunition in der südwestlichen Ostsee sind bereits rund 3.000 Kilogramm gelöste giftige Chemikalien freigesetzt worden, wie eine neue GEOMAR-Studie zeigt. Wasserproben aus den Jahren 2017 und 2018 ergaben Substanzen in fast allen Fällen, insbesondere in der Kieler und der Lübecker Bucht. Die Werte lägen noch unterhalb der Schwelle für ein Gesundheitsrisiko, sie unterstreichen jedoch den Handlungsbedarf bei der Munitionsräumung, um die langfristigen Risiken zu minimieren, so das Forschungszentrum GEOMAR. Ohne Maßnahmen zur Bergung ist mit einem Anstieg der Kontamination zu rechnen, da die Metallhüllen durch Korrosion zunehmend zerfallen. „Mit den Kriegsaltlasten kann zumindest eine Quelle für die Kontamination des Meeres dauerhaft beseitigt werden“, sagt Geochemiker Aaron Beck vom GEOMAR. 80 Jahre später Foto: kamisoka – iStock 14 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 SPEZIAL
Tiefe kann ABYSS – Spitzname Tiffy – als autonomes Wasserfahrzeug (AUV) vom Typ REMUS 6.000 der Firma Hydroid seine Arbeit unter Wasser verrichten. Sein Name bezieht sich auf das sogenannte Abyssal, ein Begriff, der den Meeresboden zwischen 2.000 und 6.000 Metern Tiefe umfasst. Dieser Bereich der Tiefsee ist das Haupteinsatzgebiet für ABYSS, das auf den GEOMARForschungsschiffen zur Meeresforschung eingesetzt wird. Mit Unterstützung von verschiedenen Echoloten kartiert es den Meeresboden und sammelt mithilfe von Sensoren die physikalischen Parameter aus der Wassersäule. Das Gerät wird mit Lithium-Batterien betrieben, mit denen es bis zu 22 Stunden tauchen und messen kann. In zehn bis zu 6.000 Meter startete im GEOMAR der Forschungsverbund CONMAR (CONcepts for conventional MArine Munition Remediation) im Rahmen der Forschungsmission „Schutz und nachhaltige Nutzung mariner Räume“ der Deutschen Allianz Meeresforschung (DAM) zur Sanierung konventioneller Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee. Das Ziel: eine akustische, visuelle und chemische Kartierung zur Erstellung von Konzepten für die Beseitigung mariner konventioneller Munition und neues Wissen über Risiken, Strategien und Handlungsansätze für den Umgang mit Munitionsaltlasten. CONMAR soll bestehende und neue Datensätze zu historischer Marinemunition integrieren, das Fachwissen deutscher meereswissenschaftlicher Organisationen, staatlicher Stellen und des privaten Sektors bündeln, das wissenschaftliche Verständnis der Rolle, des Verbleibs und der Auswirkungen von Marinemunition in der Umwelt verbessern und in Abstimmung mit Interessengruppen politische Lösungen für Überwachungs- und Sanierungsmaßnahmen zu entwickeln. Das Projekt wird bis Ende 2027 mit 4,8 Million Euro Fördergeldern durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt. Im Jahr 2022 In aktuell 17 Expeditionen pro Jahr – an insgesamt 473 Tagen – erforscht das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel den globalen Ozean vom Meeresboden bis in die Atmosphäre. Es bildet ein einzigartiges Spektrum von physikalischen, chemischen, biologischen und geologischen Prozessen im Ozean ab und trägt so dazu bei, das Ozeansystem zu verstehen und die Entwicklung nachhaltiger Lösungen für drängende gesellschaftliche Probleme zu ermöglichen. Im Rahmen der Programmorientierten Förderung der Helmholtz-Gemeinschaft ist das GEOMAR Teil des gemeinsamen Forschungsprogramms „Changing Earth – Sustaining our Future“ des HelmholtzForschungsbereichs Erde und Umwelt. 15 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2025
VAA-BEFINDLICHKEITSUMFRAGE Stimmung in Chemie und Pharma leicht verbessert Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Stimmung der Fach- und Führungskräfte in der deutschen Chemie- und Pharmabranche etwas aufgehellt. Das zeigt die diesjährige VAA-Befindlichkeitsumfrage. Die Durchschnittsnote für die Personalpolitik der Unternehmen fällt mit 3,0 etwas besser aus als im Vorjahr (3,2). Vor allem die strategische Ausrichtung ihrer Arbeitgeber wurde von den VAAMitgliedern in vielen Unternehmen besser bewertet als im Vorjahr. „Die Stimmung in der deutschen Chemie- und Pharmabranche ist nach wie vor von Hemmnissen und Unsicherheitsfaktoren wie hohen Energiepreisen, Bürokratie und Zollstreitigkeiten geprägt. Dennoch scheinen sich die Geschäftserwartungen vieler Unternehmen langsam zu stabilisieren und das spüren auch die Mitarbeitenden“, so VAA-Hauptgeschäftsführer Stephan Gilow. Die Unternehmen seien nun gefordert, ihre personalpolitischen Hausaufgaben zu machen und ihre Fach- und Führungskräfte auf der weiteren Reise durch die Transformation der Chemiebranche mitzunehmen. An der Spitze des Umfragerankings steht erneut der deutsche Zweig des niederländischen Chemieriesen Lyondellbasell, gefolgt von Schott. Auf den Plätzen drei und vier folgen - ebenfalls wie im Vorjahr - Boehringer Ingelheim und Wacker. Ihre Platzierung im Personalranking deutlich verbessern konnten Henkel (von Platz 14 im Vorjahr auf Platz sieben) und B. Braun Melsungen (von 16 auf zehn). Ebenfalls Plätze gutmachen konnte Lanxess (von 20 auf 15). Deutlich zurückgefallen sind hingegen Celanese (von elf auf 20) und Shell (von acht auf 21), die nun am Ende des Rankings der 21 Unternehmen stehen. Am deutlichsten kritisiert wurde über alle teilnehmenden Unternehmen hinweg erneut die Qualität der Personalentwicklung. Hier vergaben die befragten VAA-Mitglieder im Schnitt die Schulnote 3,9. Auch die Karrierechancen (3,9) und die Ehrlichkeit der Zielvereinbarungssysteme (3,5) ruft wie in den Vorjahren deutliche Kritik der Fach- und Führungskräfte hervor. Foto: SDI Productions – iStock 16 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 VAA
Legende Drei deutlichste Rang- und Notenverbesserungen Drei deutlichste Rang- und Notenverschlechterungen Verbesserung um mindestens drei Ränge/ein Notenzehntel (0,1) Hinweise: In der VAA-Befindlichkeitsumfrage bewerten die Fach- und Führungskräfte der chemisch-pharmazeutischen Industrie ihre Befindlichkeit und die Personalpolitik ihrer Unternehmen mit Schulnoten von 1 („sehr gut“) bis 6 („ungenügend“). Verbesserung um bis zu zwei Ränge/ein Notenzehntel (0,1) Keine Veränderung Verschlechterung um bis zu zwei Ränge/ein Notenzehntel (0,1) Verschlechterung um mindestens drei Ränge/ein Notenzehntel (0,1) Unternehmen Rang 2025 Rang 2024 Veränderung Rang Gesamtnote 2025 Gesamtnote 2024 Veränderung Note Lyondellbasell 1 1 0 2,33 2,07 -0,26 Schott 2 2 0 2,39 2,47 0,08 Boehringer Ingelheim 3 3 0 2,62 2,52 -0,10 Wacker 4 4 0 2,67 2,69 0,02 Beiersdorf 5 7 2 2,78 2,93 0,15 BASF 6 6 0 2,80 2,90 0,10 Henkel 7 14 7 2,84 3,26 0,42 Covestro 8 5 -3 2,87 2,80 -0,07 Heraeus 9 9 0 2,96 3,04 0,08 B. Braun Melsungen 10 16 6 2,98 3,28 0,30 Merck 11 15 4 3,01 3,26 0,25 Clariant 12 13 1 3,07 3,24 0,17 Röhm 13 17 4 3,11 3,33 0,22 Roche Diagnostics 14 12 -2 3,11 3,23 0,12 Lanxess 15 20 5 3,19 3,55 0,36 Bayer 16 18 2 3,20 3,37 0,17 Axalta Coating Systems 17 21 4 3,23 3,63 0,40 Evonik 18 19 1 3,34 3,43 0,09 Sanofi Aventis 19 22 3 3,38 3,63 0,25 Celanese 20 11 -9 3,41 3,18 -0,23 Shell 21 8 -13 3,56 2,94 -0,62 Durchschnitt 3,01 3,15 0,14 Bei der Veränderung der Ränge im Vergleich zum Vorjahr ist zu berücksichtigen, dass durch das Ausscheiden von 3M und Symrise zwei Unternehmen weniger im Ranking vertreten sind als 2024. 17 VAA VAA MAGAZIN AUGUST 2025
Themen mit der schlechtesten Bewertung (Durchschnittsbewertung in Schulnoten) Personalentwicklung 3,9 Karreriechancen 3,9 Ehrlichkeit des Zielvereinbarungssystems 3,5 Gerechtigkeit der Arbeitsverteilung 3,4 Betriebsklima im Unternehmen 3,4 Themen mit der besten Bewertung (Durchschnittsbewertung in Schulnoten) Kenntnis der Strategie 2,2 Häufigkeit von Mobbingfällen 2,3 Verkörperung persönlicher Werte 2,4 Chancengleichheit/Diversity 2,4 Klima im persönlichen Arbeitsumfeld 2,5 Datenbasis Versandte Fragebögen 8.624 Zurückgesandte Fragebögen 23,5 Prozent (Vorjahr: 28,8 Prozent) 2.028 Ausgewertete Fragebögen 23,2 Prozent (Vorjahr: 28,6 Prozent) 2.001 Aufsteiger ( ) und Absteiger ( ) Unternehmensranking 2025 2024 Henkel 7 14 B. Braun Melsungen 10 16 Lanxess 15 20 Covestro 8 5 Celanese 20 11 Shell 21 8 Wertungen in den Kategorien Kategorie (Mittelwerte) 2025 2024 Persönliche Befindlichkeit 2,9 3,0 Unternehmensstrategie 2,9 3,1 Unternehmenskultur 2,9 3,1 Motivation 3,1 3,2 Arbeitsbedingungen 3,1 3,3 Hinweis: Die Wertungen der einzelnen Unternehmen in den fünf Kategorien finden eingeloggte VAA-Mitglieder unter MeinVAA. Die zehn höchsten Rücklaufquoten Schott 52,7 % Wacker 40,9 % Röhm 37,7 % B. Braun Melsungen 33,3 % Celanese 32,0 % Lanxess 31,8 % Lyondellbasell 30,8 % BASF 30,0 % Covestro 28,4 % Axalta Coating Systems 27,0 % Weitere Informationen zur Umfrage gibt es auf der Mitgliederplattform MeinVAA unter mein.vaa.de. 18 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 VAA
Rang Zusatzranking Künstliche Intelligenz Unternehmen Note Zusatzranking Künstliche Intelligenz 1 Clariant 2,94 2 BASF 2,95 3 Covestro 2,96 4 Beiersdorf 3,01 5 Roche Diagnostics 3,03 6 Boehringer Ingelheim 3,10 7 Schott 3,11 8 Merck 3,11 9 B. Braun Melsungen 3,20 10 Bayer 3,24 11 Lyondellbasell 3,27 12 Wacker 3,28 13 Henkel 3,28 14 Heraeus 3,34 15 Evonik 3,37 16 Lanxess 3,40 17 Sanofi Aventis 3,48 18 Celanese 3,57 19 Röhm 3,65 20 Shell 3,69 21 Axalta Coatings Systems 3,86 Durchschnitt 3,18 Wie werden Künstliche-Intelligenz-Modelle (KIModelle) in Ihrem Unternehmen eingesetzt? Der Einsatz von KI hat die Arbeitsprozesse in meinem Arbeitsumfeld verbessert. Der Einsatz von KI hat die Arbeitsergebnisse in meinem Unternehmen verbessert. Mein Unternehmen nutzt die Potenziale von KI aktiv, um Arbeitsplätze in Deutschland für die Zukunft zu sichern. Durch den Einsatz von KI in meinem Unternehmen verändern sich die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden zum Positiven. Die Möglichkeiten der KI werden in meinem Unternehmen umfassend zur Unterstützung von Vorgesetzten bei der Führung von Mitarbeitenden eingesetzt. Zusatzranking Künstliche Intelligenz (KI) Die Bewertungen für diese fünf Zusatzfragen zum Thema Künstliche Intelligenz sind nicht in die Gesamtbewertung der Unternehmen eingeflossen. An der Befindlichkeitsumfrage 2024 beteiligten sich VAA-Mitglieder aus 21 Unternehmen und 46 Unternehmensteilen beziehungsweise VAA-Werksgruppen. www.gdch.de/karriere twitter.com/GDCh_Karriere für Chemie und Life Sciences Von Chemikern für Chemiker Nutzen Sie das Netzwerk der GDCh: Stellenmarkt – Online und in den Nachrichten aus der Chemie Publikationen rund um die Karriere CheMento – das GDCh-Mentoringprogramm für chemische Nachwuchskräfte Coachings und Workshops Jobbörsen und Vorträge Einkommensumfrage Gesellschaft Deutscher Chemiker
BETRIEBSRÄTEKONFERENZ IN MAINZ Kampagne 2026: Bereit für die Zukunft der Mitbestimmung! In Mainz haben sich die im VAA organisierten Betriebsratsmitglieder aus ganz Deutschland zur jährlichen Betriebsrätekonferenz getroffen. Im Fokus stand die Vorbereitung auf die anstehenden Betriebsratswahlen im kommenden Jahr. Unter anderem mit dem beliebten Format des World-Cafés bot die dreitägige Veranstaltung spannende Impulse, fundierte Informationen und wichtige Einblicke in aktuelle betriebliche und rechtliche Entwicklungen. In Workshops und Gesprächen haben die 50 Teilnehmenden die Gelegenheit zum Austausch genutzt – und voneinander profitiert. Fotos: VAA Am ersten Tag der Konferenz fand das beliebte WorldCafé statt, bei dem jeweils fünf Betriebsratsmitglieder gemeinsam mit anderen Teilnehmenden in unterschiedlichen Gruppen verschiedene Themen besprachen. Hier als Leiterin des Cafés über Kommunikation im Bild: Sandra Schwebke (Merck). Die Teilnehmenden tauschten sich untereinander aus und verfolgten außerdem verschiedene Vorträge zu betriebsratsrelevanten Themen. Besondere Impulse lieferten die Workshops, geleitet von Betriebsratsmitgliedern. Oben im Bild (von links): Matthias Oetken (Pfizer), Dr. Rüdiger Narbe (Boehringer Ingelheim). 20 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 VAA
Foto: Merck Sandra Schwebke, Betriebsrätin bei Merck „Die Teilnahme an der diesjährigen Betriebsrätekonferenz war erneut ein besonderes Event. Neben interessanten Vorträgen zu den Themen Entgelttransparenz und Sozialplanverhandlungen war der Austausch mit anderen Betriebsräten im Rahmen eines World-Cafés und während der gesamten Veranstaltung für mich besonders wertvoll. Dies erweitert den Horizont, sensibilisiert für relevante Themen und zeigt, dass viele der teilnehmenden Betriebsräte mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind wie wir bei Merck.“ Die Teilnehmenden beim Vortrag der Arbeitsrechtlerin Susanne Schaperdot von der Kanzlei LNS Rechtsanwälte. VAA-Jurist Thomas Spilke koordiniert die Betriebsratsarbeit des VAA. Betriebsrätinnen und Betriebsräte wie Yasin Güler (Roche) nutzten die Möglichkeiten, Fragen während der Vorträge zu stellen. Wir hatten durchweg tolle Referentinnen und Referenten. Am beeindruckendsten war die emotionale Schilderung der Arbeitgeberfehlkommunikation bei einer geplanten Betriebsschließung und deren Folgen von Susanne Schaperdot. Da hätte man im Saal die berühmte Stecknadel fallen gehört.“ Thomas Spilke, VAA-Jurist und Koordinator der Betriebsratsarbeit vonseiten der VAA-Geschäfsführung. 21 VAA VAA MAGAZIN AUGUST 2025
Christoph Tillmanns ist Richter am Landesarbeitsgericht (LAG) Baden-Württemberg und referierte über Entgelttransparenz in den Betrieben. Fotos: VAA Prof. Andreas Engelmann von der University of Labour hielt einen Vortrag zur Reform der Betriebsratsvergütung. Anschließend wurde über Erfahrungen in den Unternehmen diskutiert. Auch VAA-Vorstandmitglied Dr. Monika Brink (Boehringer Ingelheim) leitete eines der World-Cafés. Ihr Thema war die Motivation zur Betriebsratsarbeit. Betriebsratsmitglied Alexander Schmitt (Grace) als World-Café-Leiter zum Thema Erfahrung mit KI. Fotos: VAA 22 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 VAA
INTERVIEW MIT RANDOLF BURSIAN UND KATJA REJL Optimierung der Führungsebenen erfordert klare Kommunikation Weniger Führungsebenen, größere Führungsspannen, klarere Zuständigkeiten – mit dem Programm „Evonik Tailor Made“ – kurz ETM – stellt sich der Chemiekonzern Evonik Industries strategisch neu auf. Randolf Bursian, Leiter des ETM-Programms, erläutert im Interview mit dem VAA Magazin die Hintergründe. Zugleich erklärt die Vorsitzende der VAAKommission Führung Katja Rejl die überbetriebliche Perspektive und ordnet die Veränderungen ein. Foto: Evonik Randolf Bursian ist Leiter des Programms Evonik Tailor Made (ETM) sowie Vorstandsmitglied des Bundesarbeitgeberverbands Chemie (BAVC) und des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). VAA Magazin: Herr Bursian, Evonik hat mit ETM ein ambitioniertes Programm gestartet. Worum geht es dabei konkret? Bursian: Evonik Tailor Made – abgekürzt ETM – ist ein breit angelegtes Transformationsprogramm, mit dem wir Komplexität reduzieren und unsere Organisation zukunftsfähig machen wollen. Es geht nicht nur um die Verwaltung, sondern um den gesamten Konzern – von operativen Einheiten bis hin zu Konzernrichtlinien. Unser Ziel: weniger Führungsebenen, größere Führungsspannen, klarere Verantwortlichkeiten. Rejl: Genau diese Themen bewegen viele Unternehmen in der Branche. In der VAAKommission Führung haben wir festgestellt, dass sich die Führungsspanne vielerorts vergrößert – oft ohne die nötige Begleitung. Deshalb ist es spannend, wie Evonik das Thema strategisch und systematisch angeht. Ganz genau. Aber was heißt das bei Evonik konkret in Zahlen? Bursian: Wir hatten früher bis zu elf Führungsebenen – das verschlankt sich künftig auf sechs. Zudem streben wir eine Führungsspanne von eins zu sieben an. Dafür nutzen wir bewusst den Median als Steuerungsgröße, nicht starre Mindestgrößen oder Durchschnittswerte. Das erlaubt mehr Flexibilität – auch bei kleinen Teams mit spezifischen Aufgaben. 24 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 BRANCHE
Rejl: Der Medianansatz ist interessant, weil er Ausreißer abfedert. In der Kommission haben wir diskutiert, wie Führung in großen im Gegensatz zu kleinen Teams erlebt wird. Die Erfahrung zeigt: Es braucht Spielräume – und die liefert der Median eher als starre Vorgaben. Welche Auswirkungen hat das auf Beschäftigte und Führungskräfte? Bursian: Wir haben offen kommuniziert: 1.500 Stellen von Führungskräften werden reduziert – etwa ein Drittel unserer bisherigen Führungsstruktur. 500 Stellen entfallen dabei ganz, 1.000 Führungskräfte wechseln in Rollen ohne Führungsverantwortung. Dies ist kein verdeckter Abbau, sondern ein bewusster Umbau. Die individuellen Bedingungen regeln wir fair. Wie haben die Betroffenen reagiert? Bursian: Nach unseren bisherigen Erfahrungen hat die überwiegende Mehrheit der Betroffenen konstruktiv reagiert, weil sie die Notwendigkeit sehen, Komplexität zu reduzieren und damit verstehen, warum dieser Umbau notwendig ist. Wichtig war die enge Einbindung aller Einheiten und Arbeitnehmervertretungen. Mit dem Gesamtsprecherausschuss und dem Gesamtbetriebsrat haben wir bereits über 30 Vereinbarungen getroffen. Klar ist für uns alle: Veränderung braucht Akzeptanz – und die erreicht man nur mit Transparenz und ehrlicher, offener und klarer Kommunikation. Rejl: Und mit einem nachvollziehbaren Zielbild. Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit von Karrieren stellt sich trotzdem: Weniger Ebenen bedeuten weniger klassische Aufstiegsmöglichkeiten. Bursian: Stimmt. Aber wir beobachten auch, dass viele frühere Führungsstellen gar nicht mehr attraktiv waren – etwa, wenn jemand nur zwei oder drei Teammitglieder führt. Heute sind die verbleibenden Führungsrollen anspruchsvoller und auch spannender. Gleichzeitig gewinnen Expertenkarrieren an Bedeutung. Wie unterstützen Sie Führungskräfte im Wandel? Bursian: Mit einem transparenten und klar strukturierten Change-Prozess. Wir haben Zielbriefe erarbeitet, teilweise 15 Seiten lang, und für jede Maßnahme klare Verantwortlichkeiten und Zeitscheiben definiert. Mit den Einheiten arbeiten Change-Teams, die Workshops durchführen, Rückmeldungen einholen und Führungskräfte begleiten. Die Verstetigung der Veränderungen wird dabei fortlaufend analysiert und qualitativ als auch quantitativ gemessen. Eine interessante Frage kommt bei Optimierungen der Führungsebenen immer wieder auf: Führt weniger Hierarchie auch zu schnelleren Entscheidungen? Rejl: Ganz genau. Das diskutieren wir auch immer wieder in der Kommission Führung. So viel vorweg: Die Meinungen dazu gehen bei unseren Mitgliedern auseinander. Weniger Ebenen können Entscheidungen durchaus beschleunigen – oder auch lähmen, wenn Führungskräfte überlastet sind. Hier kommt es aus meiner Sicht ganz auf die konkrete Unternehmenskultur an. Bursian: Das kann ich verstehen. Aber unsere Erfahrung ist hier, das sage ich auch aus meiner langjährigen Erfahrung als Leiter HR bei uns im Unternehmen: Ja, im Großen und Ganzen wird es definitiv schneller. Die Entscheidungswege sind kürzer und Mitarbeitende übernehmen mehr Verantwortung. Operative Entscheidungen müssen seltener durch mehrere Hierarchien. Unser Vorstand ist jetzt auch näher an den Einheiten dran. Wir haben allein zwei Vorstandsmitglieder, welche unsere Geschäftseinheiten direkt führen und so im operativen Geschäft mittendrin sind. Welche Rolle spielt die Unternehmenskultur bei dieser Art von Wandel? Evonik ist ja gewachsen aus verschiedenen Unternehmensteilen, die jeweils auf eine eigene, teils sehr lange Historie zurückblicken. Bursian: Die Unternehmenskultur spielt natürlich eine große Rolle. Aber bei uns ist klar zu erkennen: Historische Eigenheiten lösen sich immer mehr auf – etwa gewachsene Strukturen in IT-Systemen oder spezifische Prozesslandschaften einzelner Standorte. Die Kultur wird homogener, das Unternehmen tritt klarer als Einheit auf. Gibt es eigentlich organisatorische Einschnitte jenseits der Führungsspannen? Bursian: Ja. Wir bauen Matrixstrukturen ab, beseitigen überflüssige Schnittstellen und reduzieren unsere sehr zahlreichen Organisationseinheiten auf die Hälfte. Auch Prozesse wie Order-to-Cash-Verfahren wurden grundlegend überarbeitet. Dabei haben wir bewusst nicht in bestehenden Strukturen gedacht, sondern prozessual analysiert – unabhängig von Organisationsgrenzen. Rejl: Das ist bemerkenswert. Viele Unternehmen fangen bei der Aufbauorganisation an und optimieren nur innerhalb bestehender Strukturen. Evonik scheint u Randolf Bursian, Leiter des Programms Evonik Tailor Made (ETM) und Vorstandsmitglied des Arbeitgeberverbands Chemie Rheinland. Unseren bisherigen Erfahrungen nach hat die überwältigende Mehrheit der Betroffenen konstruktiv reagiert. Sie ziehen mit und verstehen, warum dieser Umbau notwendig ist. Wichtig war die enge Einbindung der Einheiten und Arbeitnehmervertretungen.“ 25 BRANCHE VAA MAGAZIN AUGUST 2025
Foto: privat hier wirklich zu zeigen, dass man anders denken kann – und vielleicht auch muss. Ganz aus dem Bauch heraus gefragt: Hat sich der Aufwand gelohnt? Bursian: Ganz klares Ja! Der Wandel ist spürbar, die Akzeptanz hoch. Wir investieren Zeit, Geld und Energie in den Umbau – aber das ist gut investiert. Denn so wie bisher konnte es nicht weitergehen. Die Notwendigkeit für Veränderungen war nicht nur ein strategisches Ziel, sondern ein konkretes Bedürfnis. Der Aufwand, die Strukturen aufrechtzuerhalten, war nicht mehr gerechtfertigt. Wir haben zu viel Energie ins Management von Komplexität gesteckt, die keinen Mehrwert gebracht hat. Das sind sicherlich Dinge, die am Ende alle großen Chemieunternehmen betreffen, gerade in der doch mitunter ziemlich herausfordernden wirtschaftspolitischen Rahmensituation in den letzten Jahren. Worauf sollten Unternehmen achten, um Akzeptanz bei den Betroffenen zu erreichen? Bursian: Klare, rechtzeitige Kommunikation der jeweils vorgesehenen Maßnahmen. Und faire Konditionen bei Rollenveränderungen – es gibt im Rahmen von ETM grundsätzlich keine pauschalen Rückstufungen und auch keine automatische Entgeltanpassung. Das war ein zentraler Punkt, um Vertrauen zu schaffen und die Akzeptanz des Programms zu sichern. Wir haben den Einheiten viel Verantwortung überlassen, um die passenden Lösungen vor Ort zu finden. Das zentrale Programmteam hat Katja Rejl ist Vorsitzende der VAA-Kommission Führung und war lange als Führungskraft bei Merck und Deloitte tätig. Seit August 2025 ist Rejl Leiterin Supply Chain Planning und Logistics bei der DAW in Ober-Ramstadt. nur den Rahmen gegeben, aber die eigentliche Ausgestaltung lag bei den Teams aus den Einheiten. Das hat geholfen, praktische und passgenaue Strukturen zu schaffen. Heißt das Führungsebenen delegieren weniger und entscheiden mehr? Bursian: Ja. Entscheidungen werden jetzt dort getroffen, wo sie hingehören. Das bedeutet natürlich auch mehr Verantwortung für die Mitarbeitenden – aber genau das stärkt die Organisation. Wir wollten nicht zentralisieren, sondern befähigen. Diese Führungsveränderung ist mindestens so wichtig wie die strukturellen Anpassungen. Was die Führungsspanne betrifft: Die Eins-zu-sieben-Spanne ist sicherlich kein Dogma. Es gibt gute Gründe für kleinere Führungsspannen – etwa in Bereichen mit hoher Komplexität oder Spezialwissen wie Labor und Produktion. Deshalb arbeiten wir bewusst mit dem Median als Richtgröße und nicht mit einem fixen Sollwert, der überall gilt. Wie begleiten Sie den Change-Prozess weiter? Bursian: Natürlich beobachten wir, wie sich die neue Struktur bewährt. Die Transformation ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess. Wir passen regelmäßig an, evaluieren Rückmeldungen aus den Teams, begleiten die Einheiten bei der Implementierung und entwickeln unsere Ansätze weiter. Veränderung ist nie abgeschlossen. 26 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 BRANCHE
MOFs mit Bürstenstruktur: Entropie als Schlüssel zur Wasserabweisung Foto: KIT Mithilfe von Kohlenwasserstoffketten lassen sich auch metallorganische Gerüstverbindungen verändern. Ein solches Verfahren ist am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und am Indian Institute of Technology Guwahati (IITG) kürzlich entwickelt worden. Im Fachmagazin Materials Horizon berichten die Forschenden, wie sie mit ihrer Methode aus den sogenannten MOFs (Abkürzung aus dem Englischen für metal-organic frameworks) ein neuartiges Oberflächenmaterial geschaffen haben, das Wasser fast vollständig abweist. MOFs bestehen aus Metallen, die durch Verbindungsstreben aus organischen Molekülen zu Netzwerken mit leeren Poren verbunden sind. Somit sind ihre Volumeneigenschaften vielseitig einsetzbar. Doch auch die Außenflächen der kristallinen Materialien bieten einzigartige Möglichkeiten: Das Forschungsteam verankerte Kohlenwasserstoffketten auf dünnen MOF-Filmen. Dabei wurde ein Wasserkontaktwinkel von mehr als 160 Grad Celsius beobachtet – je größer der Winkel, den die Oberfläche eines Wassertropfens mit einem Substrat bildet, desto wasserabweisender ist das Material. „Unsere Methode erzeugt superhydrophobe Oberflächen mit Kontaktwinkeln, die deutlich höher sind als die anderer glatter Oberflächen und Beschichtungen“, sagt Prof. Christof Wöll vom Institut für Funktionelle Grenzflächen des KIT. Für die wasserabweisende Eigenschaft wesentlich: ein Zustand der Unordnung, den die Wissenschaft „Zustand hoher Entropie“ nennt. Laut Wölls Team entsteht dieser durch die bürstenartige Anordnung der Kohlenstoffwasserstoffketten auf den MOFs. Salzwasser lässt Südpolareis schrumpfen Aufgrund der Veränderung des Erdklimas beobachten Forschende besonders, wie sich die Arktis und Antarktis verändern. Eine Studie im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences eines Forschungsteams der Southampton University zeigt, dass der Salzgehalt in der oberen Schicht des Südpolarmeers seit 2015 ansteigt. Hierfür wurden Daten des Soil Moisture and Ocean Salinity (SMOS) ausgewertet. Seit den 1980er Jahren hat sich das Meer rings um die Antarktis ausgedehnt. Außerdem gab es keine großen Wasserflächen, die eisfrei oder nur von einer sehr dünnen Schicht Meereis bedeckt sind – sogenannte Polynyas. Seit 2015 gibt es eine Trendwende: Polynyas sind zurück und das Meereis im Südpolarmeer schwindet. Eigentlich ist diese oberste Schicht salzarm und kalt, während sich unter ihr wämeres, salzigeres Wasser befindet. Aufgrund der schwächer werdenden Trennung, könne so aus den Tiefen wärmeres, salziges Wasser nach oben gelangen und das Meereis weiter schmelzen lassen. Kleine Mutation mit großer Wirkung Eine einzelne, unscheinbar wirkende genetische Veränderung könnte erklären, warum Menschen anfälliger für Krebs sind als ihre nächsten tierischen Verwandten: die Schimpansen. Ein Forschungsteam rund um Brice Wamba von der University of California, Davis, zeigt in einer Studie im Journal Nature Communications, dass sich ein zentrales Immunprotein namens Fas-Ligand (FasL) bei Schimpansen und Menschen unterscheidet: Während bei Schimpansen an einer bestimmten Stelle im Protein die Aminosäure Prolin sitzt, tragen Menschen dort Serin. Foto: ESA/AOES Medialab 27 MELDUNGEN VAA MAGAZIN AUGUST 2025
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