Von Joachim Heinz und Simone Leuschner Gerade im Sommer sind Nord- und Ostsee beliebte Ferienziele. Sonnenanbeter und Badegäste bevölkern zu Scharen die Strände. Am Horizont ziehen Segelboote und Fahrgastschiffe vorbei. Dass auf dem Meeresgrund tonnenweise Munition aus dem Zweiten Weltkrieg vor sich hin rotten, passt nicht in das Idyll. Jahrzehntelang wurde das Problem ignoriert. Inzwischen suchen Naturwissenschaftler, Ingenieure und Politiker nach Lösungen. „Wenn man da mit Angst rangeht, ist man falsch im Job. Aber man muss sich der Gefahren stets bewusst sein.“ Spricht Diplom-Geophysiker Karsten Stürmer über seine Arbeit, kann dem Laien schon mal ein Schauer über den Rücken laufen. Wenn in der Nordsee ein Offshore-Windpark gebaut wird oder am Grund der Ostsee Kabel verlegt werden, ist der Fachplaner für Kampfmittelräumung zur Stelle. Er sorgt in einem Team von Spezialisten dafür, dass der Meeresgrund, in dem beispielsweise die Fundamente für die Windräder verankert werden, frei ist von Granaten oder Seeminen. Die meisten dieser Kampfmittel stammen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Vieles davon wurde unmittelbar nach Kriegsende im Meer versenkt. Ein Grund: Die Alliierten wollten verhindern, dass Waffen und Munition in den Händen der Deutschen blieben. Eine Verklappung auf See erschien damals als die einfachste Lösung. Im Akkord wuchteten Fischer, Seeleute und Militärs damals die explosive Fracht ins Wasser. Fachleute schätzen, dass allein in den deutschen Gewässern der Nord- und Ostsee 1,6 Millionen Tonnen Kampfmittel liegen – von Pistolenmunition über Minen bis hin zu Sprengköpfen von V1- und V2-Raketen. Dazu kommen mutmaßlich 5.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe in Bomben, Granaten und anderen Behältern aus Stahl: Clark, Senfgas, Phosgen oder Tabun. Während Bombenentschärfungen auf dem Festland wie zuletzt in Köln, Göttingen oder Kiel mit groß angelegten Evakuierungsmaßnahmen regelmäßig für Schlagzeilen sorgen, kümmerten sich Behörden und Öffentlichkeit jahrzehntelang bestenfalls sporadisch und punktuell um das vor den Küsten schlummernde explosive Erbe des Krieges. Im Jahr 2023 startete die Ampelkoalition ein „Sofortprogramm Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“. Ziel: die Entwicklung eines Verfahrens, mit dem sich die Munition in großem Stil bergen und ohne Schäden für die Umwelt entsorgen lässt. Das Vorhaben will die neue Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz fortsetzen, wie eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums auf Anfrage des VAA Magazins bestätigt. Sie verweist auf die entsprechenden Passagen im Koalitionsvertrag. Daraus geht auch hervor, dass ein „Bundeskompetenzzentrum mit Sitz in den östlichen Bundesländern“ die Arbeit von Wissenschaftlern, Privatwirtschaft und Behörden zusammenführt. Im August und September 2024 haben unter Leitung des Projektkoordinators für das Sofortprogramm, der Seascape GmbH in Hamburg, Räumungen in drei Versenkungsgebieten in der Lübecker Bucht stattgefunden. In diesem Sommer werden die Experten die Probebergungen im vierten und letzten Pilotierungsgebiet abschließen. Es liegt vor der Küste von MecklenburgVorpommern, in der Nähe von Boltenhagen. Dann ist auch Karsten Stürmer u Foto: Patryk Kosmider – iStock Wenn man da mit Angst rangeht, ist man falsch im Job. Aber man muss sich der Gefahren stets bewusst sein.“ Karsten Stürmer, Diplom-Geophysiker und Fachplaner für Kampfmittelräumung. 7 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2025
RkJQdWJsaXNoZXIy ODM4MTc=