VAA Magazin August 2025

Prof. Edmund Maser über Forschungen zu versenkter Munition im Meer: „Die ‚Tirpitz‘ ist ein sehr interessantes Wrack“ Foto: Jürgen Haacks – CAU Prof. Edmund Maser gehört zu den Spezialisten, die seit Jahren die Folgen der Munitionsversenkungen in Ost- und Nordsee wissenschaftlich untersuchen. Kürzlich erst ist der Direktor des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie an der Universität Kiel nach Norwegen gereist. Dort hat er Analysen rund um das Wrack der „Tirpitz“ durchgeführt. Das riesige Schlachtschiff der deutschen Kriegsmarine wurde 1944 von den Briten vor der Hafenstadt Tromsø versenkt. Im Interview mit dem VAA Magazin berichtet Maser unter anderem, was er sich von diesen Untersuchungen erhofft. VAA Magazin: Herr Prof. Maser, wie gehen Sie bei Ihren Untersuchungen zu den Schadstoffbelastungen durch Weltkriegsmunition bei Meereslebewesen vor? Maser: Wir verfolgen hier mehrere Ansätze: Ein erster Ansatz sind Untersuchungen an frei lebenden Muscheln und Fischen aus Verdachtsgebieten, etwa aus Munitionsversenkungsgebieten oder Schiffswracks. Die Muscheln werden von Tauchern eingesammelt und die Fische mit Angelruten oder Netzen gefangen. Die Tiere werden sofort eingefroren und in das Toxikologische Institut nach Kiel gebracht. Hier werden sie seziert und die verschiedenen Gewebe nach Extraktion separat auf den Gehalt an sprengstofftypischen Verbindungen – STV – untersucht. Dazu benutzen wir hochauflösende Gas- und Flüssigkeitschromatografische Trennverfahren, die an eine Massenspektrometrische Analyse gekoppelt sind. Hier konnten wir zum Beispiel in Fischen, die am Wrack der „John Mahn“ in der Belgischen Nordsee leben, sowie an Plattfischen, die in der Nähe der Ostfriesischen Inseln leben, zeigen, dass die STV sogar in der Muskulatur, also im essbaren Teil der Fische, im Filet, auftauchen. Allerdings sind die Konzentrationen von TNT sehr gering und nur in Spuren nachweisbar. In einem zweiten Ansatz haben wir Muscheln untersucht, die seit 1985 von der Umweltprobenbank jährlich an bestimmten Orten gesammelt, tiefgefroren und für spätere Analysen aufbewahrt werden. In diesen Muscheln haben wir gesehen, dass die STV erstmals in Muscheln ab dem Jahr 2002 auftauchen und in ihrer Konzentration langsam, aber über die Jahre stetig ansteigen. Auch hier sind die STV-Konzentrationen nur in Spuren nachweisbar. Als drittes führen wir ein Muschelmonitoring durch. Hier werden unbelastete Muscheln aus Muschelfarmen gezielt an die Verdachtsflächen, also in Munitionsversenkungsgebieten oder Schiffswracks, ausgebracht. Dies geschieht wieder mithilfe von Tauchern, die die Muscheln in Netzen oder Käfigen direkt an die Munition bringen. Nach ein paar Wochen werden die Muscheln geborgen und wieder bei uns in der Toxikologie analysiert. Miesmuscheln können dazu besonders gut als Bioindikatoren eingesetzt werden. Als permanente und gleichzeitig robuste Filtrierer nehmen sie aus dem umgebenden Wasser nicht nur Nähr-, sondern auch Schadstoffe auf und reichern diese in ihrem Gewebe an. Auf diese Weise dienen Muscheln bereits in vielen Monitoring-Programmen als Bioindikatoren zur Überwachung der Meeresumwelt auf mögliche Schadstoffbelastungen. Hier haben wir zeigen können, dass Miesmuscheln, die an freiliegenden Schießwollebrocken siedeln, im Vergleich zu Muscheln an rostenden Ankertauminen circa 50 mal mehr STV in ihrem Gewebe einlagern. Auch dies ist ein Hinweis, dass wir mit der Munitionsräumung nicht so lange warten sollten, bis alle Munitionskörper verrostet sind. Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich von Ihrer jüngsten Forschungsreise ans Wrack der „Tirpitz“? Die „Tirpitz“ ist ein sehr interessantes Wrack, weil sie so überdimensioniert gebaut war und mit einer sehr großen Menge an Munition versenkt wurde. Wir sind bei der Planung davon ausgegangen, dass wir hier sehr deutliche Zeichen einer Umweltkontamination mit STV im umliegenden Sediment, Wasser und den gesammelten Wildmuscheln finden werden. Ganz aktuell haben wir in den ersten durchgeführten Sedimentanalysen tatsächlich nicht nur deutliche Mengen an STV aus der Munition, sondern auch noch Schadstoffe – polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe – aus den Treibstoffen – Schweröle – der Tirpitz gefunden. Was sagen Sie denen, die sich fragen, ob Sie besser auf den Verzehr von Fischen und Meeresfrüchten verzichten sollten? Im Moment besteht keinerlei Gefahr für den Menschen beim Verzehr von Fischen. Auch wenn diese in Munitionsversenkungsgebieten oder in der Nähe von Schiffswracks gefangen wurden. Die Konzentrationen der STV im Filet der Fische sind einfach zu gering. Das betrifft auch die Muscheln. Allerdings gibt es hier die Ausnahme, dass Muscheln, die direkt an oder auf den Schießwollebrocken leben, besser nicht gegessen werden sollten, denn in diesen Muscheln sind die STV-Konzentrationen deutlich erhöht. Aber diese Situation kann sich in ein paar Jahrzehnten ändern, weil die Munitionskörper stetig weiter rosten. Zusammen mit dem Klimawandel beziehungsweise der Erwärmung der Meere könnten sich also die STV-Konzentrationen im Wasser weiter erhöhen. Deshalb müssen permanente Monitoringverfahren etabliert werden, etwa mit Miesmuscheln an den kritischen Stellen, um uns rechtzeitig vor möglichen Gefahren zu warnen.  Fotos: Edmund Maser 8 VAA MAGAZIN AUGUST 2025 SPEZIAL

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