VAA Magazin August 2026

Zeitschrift für Fach- und Führungskräfte AUGUST 2026 Zu viel Licht ins Dunkel BLICK IN DEN STERNENHIMMEL INTERVIEW ZUM ARBEITSRECHT Nebentätigkeiten im Job CHEMIE IN EUROPA Chancen durch den Kreislauf WAHLEN IN UNTERNEHMEN Erfolge für den VAA

1 2 3 Präsentationsplattform aufrufen Einmalige Registrierung unter der URL https://vaa.rahmenvereinbarungen.de mittels Firmen E-Mail-Adresse Sofort attraktive Angebote wahrnehmen 20% Registrieren und sparen. Exklusiv für VAA-Mitglieder Erhalten Sie besondere Rabatte auf Reisen, Mode, Technik und vieles mehr bei über 230 Top-Anbietern!

Stephan Gilow Hauptgeschäftsführer des VAA Foto: Friederike Schaab – VAA Für viele Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie war das erste Halbjahr 2026 sehr belastend. An immer mehr Standorten prägen Restrukturierungen und Kostendruck den Alltag. Gleichzeitig wird über die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland so intensiv diskutiert wie lange nicht mehr. Dabei entsteht mitunter der Eindruck, die Herausforderungen ließen sich vor allem durch mehr arbeitsrechtliche Flexibilität lösen. Die Debatte um eine Aufweichung des Kündigungsschutzes für Fach- und Führungskräfte steht exemplarisch dafür. Gemeinsam mit unserem Dachverband, dem Deutschen Führungskräfteverband ULA, der in den ULA Nachrichten auf den Seiten 31 bis 38 über seine Aktivitäten berichtet, sehen wir als VAA diese Entwicklung mit Bestürzen. Natürlich bracht Deutschland bessere Rahmenbedingungen für Investitionen und Innovationen. Vor allem aber braucht es Verlässlichkeit. Wer Arbeitnehmerrechte als Standortnachteil darstellt, setzt an der falschen Stelle an. Gerade Fach- und Führungskräfte begleiten Umstrukturierungen, erklären Veränderungen und setzen am Ende Entscheidungen um. Zusätzliche Unsicherheit wirkt hier wie ein lähmendes Gift für die Eigenverantwortung der Beschäftigten. Was sie auch in der Krise brauchen, ist mehr Rückhalt und Vertrauen. Wie ein positiver Führungsansatz in der Praxis funktionieren kann, wird in der Rubrik Management auf den Seiten 44 und 45 erläutert. Trotz der Krisendynamik lohnt sich ein anderer Blick auf die Realität in den Unternehmen: Die Betriebsrats- und Sprecherausschusswahlen 2026 haben gezeigt, dass Mitbestimmung nichts von ihrer Bedeutung verloren hat. Im Gegenteil: Der Zuspruch für die Kandidatinnen und Kandidaten des VAA zeigt, wie sehr die Beschäftigten eine kompetente Interessenvertretung vor Ort zu schätzen wissen. Mehr dazu in der Rubrik VAA im Bericht von der Betriebsrätekonferenz und im Artikel zu den Sprecherausschusswahlen auf den Seiten 16 bis 20. Sowohl die betriebliche Mitbestimmung als auch die politischen Reformdiskussion berühren am Ende die Frage, wie eine Vertrauenskultur in Unternehmen entsteht und in der Krise überlebt. Menschen übernehmen lieber Verantwortung, wenn sie Entscheidungen nachvollziehen können und sich fair behandelt fühlen. Sie spüren Rückhalt, wenn das System der Mitbestimmung funktioniert. Vertrauen und Mitbestimmung sind damit auf lange Sicht echte Standortvorteile. Vertrauenskultur ist ein Standortvorteil 3 EDITORIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2026

VAA MAGAZIN – August 2026 6 SPEZIAL Verschmutzung durch Licht: Sterne aus den Augen, Leben aus dem Rhythmus Coverfoto: Alones Creative – iStock Foto: L. Calçada, ACe Consortium – ESO Bei der Entwicklung des im Bau befindlichen Extremely Large Telescopes (ELT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) in der chilenischen Atacamawüste hat auch der Mainzer Glaskonzern Schott eine führende Rolle gespielt. Der aus Glaskeramik der Schott-Marke Zerodur hergestellte segmentierte Hauptspiegel des Teleskops hat einen Durchmesser von 39 Metern und gilt als bahnbrechend für die Erforschung des Weltraums. 4 VAA MAGAZIN AUGUST 2026 INHALT

Inhalt – VAA 16 Betriebsrätekonferenz in Mainz: VAA erfolgreich bei den Wahlen 20 Sprecherausschusswahlen: Auszählung läuft, Wahlbeteiligung hoch BRANCHE 22 Zukunft der Chemie: Kreislaufwirtschaft als Chance EUROPA 24 Jubiläum der FECCIA: Chemie-Führungskräfte feiern in Brüssel MELDUNGEN 27 Resistenz gegen Dürre Bakterien gegen Viren Statistik zum Chemiestudium Engagement am Arbeitsgericht 28 Sozialpartnerveranstaltung in Köln Jubiläumsveranstaltung von VAA connect Membranen für künstliche Zellen Umfrage zur Befindlichkeit 29 Regulierung von Choleraphagen Neues aus den Communitys Personalia aus der Chemie 30 Zellfalle für Immuntherapien Bürokratie belastet Branche Hochschulveranstaltung mit VBIO Optimierung von Solarzellen ULA NACHRICHTEN 31 Kommentar: Planlosigkeit bei Reformplänen 31 ULA intern: Vorstandsklausur stellt Weichen für die Zukunft 32 Führung: Führungskräfte in der KI-Transformation 34 G astbeitrag von Dr. Stefan Nacke: Fach- und Führungskräfte als Brückenbauer 36 Europäische Verbände: Generalversammlung der CEC in Oslo 37 Notizen aus Berlin: Kündigungsschutz gelockert, Belastungen gestiegen 38 Weiterbildung: Aktuelle Seminare des Führungskräfte Instituts 38 Terminvorschau: ULA-Veranstaltungen im Überblick RECHT 39 Interview mit Christof Böhmer: Was gilt bei Nebentätigkeiten im Arbeitsverhältnis? 42 Urteil: Urlaub darf nicht pauschal abgelehnt werden MANAGEMENT 44 Positive Leadership: Ansatz für bessere Führungspraxis LEHMANNS DESTILLAT 46 Satirische Kolumne: KI auf Italienreise VERMISCHTES 47 ChemieGeschichte(n): Patent auf die Tube 48 Glückwünsche 49 Sudoku, Kreuzworträtsel 50 P ersonalia, Feedback, Termine, Vorschau, Impressum 5 INHALT VAA MAGAZIN AUGUST 2026

Foto: Shutterstock AI 6 VAA MAGAZIN AUGUST 2026 SPEZIAL

Reise vom Licht auf der Erde zu Sternen und Satelliten Im All wird‘s voll Von Joachim Heinz und Simone Leuschner „Ich seh‘ den Sternenhimmel“, hat in den 1980ern Hubert Kah gesungen. Doch das ist inzwischen in vielen Regionen nahezu unmöglich. In Deutschland ist es nachts oft zu hell. Und wenn es wirklich irgendwo dunkel ist, dann sind es nicht mehr nur Sterne, die am Firmament leuchten. Eine Einladung zu einer kurzen Reise in die Weiten des Alls, zu Forschungsinstituten und Sternwarten. Und auf einen Fußballplatz in der Eifel. Wenn Harald Bardenhagen seinen Gästen die Dimensionen des Alls vor Augen führen möchte, dann verteilt er gern zwei Murmeln: eine für die Sonne und eine für Alpha Centauri, einen Stern in einer Entfernung von 4,3 Lichtjahren. „Wie weit müsste man diese beiden Murmeln wohl auseinanderbringen, um die 4,3 Lichtjahre maßstabsgerecht abzubilden?“, lautet dann seine Frage. Bardenhagen ist Gründer der Astronomie-Werkstatt „Sterne ohne Grenzen“. In der Eifel, auf dem abseits großer Städte und Verkehrsströme gelegenen Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang, jetzt Internationaler Platz Vogelsang IP, bietet der Astronom „Sternenwanderungen“ mit den Augen am Nachthimmel an. Die rund zweistündigen Veranstaltungen sind aus guten Gründen keine echten Wanderungen, wie der passionierte Beobachter des Firmaments betont. Im Dunkel der Nacht, so erklärt er, könnten sich Fauna und Flora erholen. „Schon ein Flüstern versetzt Tiere in Panik.“ Vogelsang liegt im Nationalpark Eifel. Dazu passt, dass sich Bardenhagen neben der Astronomie den Naturschutz auf die Fahnen geschrieben hat. Und deswegen finden seine „Sternenwanderungen“ mit den Augen und mit Teleskopen statt. Die richten sich auf das, was nachts am Himmel leuchtet: Sterne, Kometen, Planeten. Doch in den vergangenen Jahren fallen Bardenhagen und seinen Gästen vermehrt andere Objekte auf, die offensichtlich keinen natürlichen Ursprung haben. Heute noch erinnert sich der Gründer der Astronomie-Werkstatt an eine Begebenheit im Frühjahr 2019. Da hätten sich auf einmal 50, 60 Lichtpunkte gezeigt – „ganz eng beieinander, wie eine leuchtende Perlenschnur“, so Bardenhagen. „Was fliegt denn da?“, wollte ein Teilnehmer aus der Gruppe wissen. Militärflugzeuge auf Mission, vermutete Bardenhagen. „Aber dass die so eng nebeneinander fliegen und Licht einschalten, ist schon merkwürdig.“ Wenig später hatte er des Rätsels Lösung: Per Zufall waren er und seine Besuchergruppe Zeugen eines Überflugs der ersten 60 Starlink-Satelliten geworden, die US-Unternehmer Elon Musk in den Weltraum geschossen hatte. u „Derzeit wird der Start von Satelliten, insbesondere durch kommerzielle Anbieter, nur wenig reguliert. Das internationale Weltraumrecht hat an dieser Stelle jede Menge Lücken und auch die Zuständigkeiten sind nicht geklärt.“ Carolin Liefke, Stellvertretende Leiterin des Hauses der Astronomie in Heidelberg. 7 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2026

Fotos: Oscar Gutierrez Zozulia – iStock, Michael Bednarek – Shutterstock, ssi77 – Shutterstock, Organic Media – iStock Sieben Jahre später wird es in den Weiten des Alls, die Bardenhagen seinen Gästen mit dem Murmelexperiment vor Augen führt, immer voller. Wobei das vorwiegend den niedrigen Erdorbit in einer Höhe zwischen etwa 400 und 1.600 Kilometern bis zum geostationären Orbit in rund 35.000 Kilometer Höhe betrifft. Erst Anfang Juli schlug die Europäische Südsternwarte ESO Alarm. Seit 2019 sei die Zahl der Satelliten in der Erdumlauf8 VAA MAGAZIN AUGUST 2026 SPEZIAL

bahn auf über 14.000 gestiegen – „maßgeblich vorangetrieben durch die Starlink-Telekommunikationssatelliten von SpaceX“. Bislang hätten Wissenschaftler die Situation bewältigen können, sagt ESO-Astronom Olivier Hainaut. „Aber es wird immer kritischer.“ Allein Musks Unternehmen SpaceX plant, eine Million weitere Satelliten für weltraumbasierte Rechenzentren in den Orbit zu bringen. Das würde das Erscheinungsbild des Himmels grundlegend verändern. Oliver Hainaut von der ESO hat zu diesem Thema eine Studie vorgelegt. Sie zeigt, „dass über einen großen Teil jede Nacht hinweg Hunderte und zu bestimmten Zeiten Tausende Satelliten sichtbar wären“. Das entspreche der Anzahl der Sterne, die unter guten Bedingungen mit bloßem Auge zu erkennen seien. Starlink ist nicht allein Mit anderen Worten: Das, was Astronom Bardenhagen und seine Gruppe 2019 am Himmel über der Eifel beobachtet haben, war offenbar erst der Anfang einer Entwicklung, von der nicht abzusehen ist, wohin sie führt. Denn SpaceX mit seinen eine Million Satelliten ist nicht der einzige Akteur. Zu den Starlink-Satelliten gesellen sich etwa die Netzwerke von Cinnamon des US-Unternehmens E-Space sowie die chinesischen Systeme CTC-1 und CTC-2. Nach Science-Fiction klingen die Pläne von Reflect Orbital. Bis 2035 will das USStart-up 50.000 große, spiegelartige Satelliten ins All bringen. Sie sollen nachts das Sonnenlicht reflektieren und Lichtkegel erzeugen, die auf der Erdoberfläche einen Durchmesser von mindestens fünf Kilometern haben. Wozu das Ganze gut sein soll? Antworten liefert die Website von Reflect Orbital. Da steht zum Beispiel unter dem Stichwort Energie: „Das Solarpotenzial ausbauen, damit sauberer Strom nach Bedarf bereitgestellt werden kann.“ Für industrielle Anwendungen heißt es: „Arbeitszeiten verlängern, Sicherheit verbessern, abgelegene Standorte beleuchten.“ Landwirte könnten „Wachstumszyklen individuell anpassen, Erntezeiten verlängern, Erträge steigern“, Militärs schwierige Operationen planen und Städte von genau angepassten Beleuchtungskonzepten profitieren. Was wie eine Verheißung für eine lichte Zukunft mit sauberer Sonnenenergie scheint, treibt Fachleuten die Sorgenfalten auf die Stirn. Die Natur in der Nacht steht auf dem Spiel, aber auch Lebens- und Wohnqualität. Allein die 50.000 Reflect-Orbital-Satelliten könnten den Himmel um das Drei- bis Vierfache aufhellen, befürchten die Experten der ESO. „Dies behindert die Fähigkeit der Menschheit, lichtschwache kosmische Objekte zu beobachten – darunter weit entfernte Galaxien, erdähnliche Planeten um andere Sterne und sogar Asteroiden, die der Erde potenziell gefährlich werden können.“ Nicht zuletzt, weil Elons Musks SpaceX und Reflect Orbital in den USA sitzen, liegt der Ball nun im Spielfeld der Federal Communications Commission. Die Behörde mit dem Kürzel FCC entscheidet über die Zulassung der Großprojekte. Zugleich liegen ihr 1.800 Stellungnahmen zu Reflect Orbital und fast 1.500 Kommentare zu SpaceX vor. Für die optische Astronomie stellten beide Vorhaben eine „existenzielle Bedrohung“ dar, sagt ESO-Vertreterin Betty Kioko. „Wir hoffen, dass die Regulierungsbehörden diese Einschätzung teilen.“ Beobachter wie Carolin Liefke, Stellvertretende Leiterin des Hauses der Astronomie in Heidelberg, haben da so ihre Zweifel. „Derzeit wird der Start von Satelliten, insbesondere durch kommerzielle Anbieter, nur wenig reguliert“, erläutert die Astronomin und Physikerin. Tatsächlich habe das internationale Weltraumrecht an dieser Stelle jede Menge Lücken und auch die Zuständigkeiten seien nicht geklärt. EU bleibt außen vor Die meisten Satellitenkonstellationen würden derzeit von der FCC geregelt, weil die entsprechenden Firmen in den USA ansässig seien, „obwohl wir letztlich von globalen Auswirkungen sprechen“, kritisiert Liefke. „Dabei geht es dann aber in erster Linie um die Nutzung bestimmter Frequenzen zum Datentransfer.“ Die EU sei in dieser Sache „praktisch vollkommen außen vor“ und spiele nur eine untergeordnete Rolle. Ähnlich sieht es auch Harald Bardenhagen. Zugleich steige der Handlungsbedarf. Immer mehr Satelliten im All – das bedeutet auch immer mehr Weltraumschrott. Eine weitere Belastung für die Umwelt – die zudem die Gefahr von Kollisionen erhöht. Bardenhagen verweist in diesem Zusammenhang auf den u Ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen sollten auch Menschen auf weißliche, allzu helle künstliche Lichtquellen verzichten, denn auch für den Menschen kann zu viel Licht schädlich sein: Durch das nächtliche Kunstlicht beim Fernsehen sowie Computer- oder Handykonsum kommt es zu Störungen des Schlafs bis hin zu einer Störung des Melatoninhaushalts des Körpers. Der Botenstoff Melatonin steuert viele Körperfunktionen wie Reparatur- und Regenerationsprozesse oder den Schlaf-Wach-Rhythmus. 9 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2026

Sterne lautet Schätzungen zufolge die Anzahl an Sternen, die es im beobachtbaren Universum gibt – also eine Zwei mit 21 Nullen. Mit Sicherheit lässt sich dies allerdings nicht bestimmen, heißt es auf dem Onlineportal Sternenforscher. de. Unsere eigene Galaxie, die Milchstraße, beheimatet einige Hundert Milliarden Sterne. Die Gesamtzahl aller Galaxien im beobachtbaren Universum wird auf rund zwei Billionen geschätzt. Sterne entstehen in riesigen Wolken aus Gas und Staub. Diese Wolken bestehen vor allem aus Wasserstoff. Wird ein Teil dieser Wolke dicht genug, wird die Schwerkraft stärker als der innere Druck des Gases – ein sogenannter Protostern entsteht. Dieses Raumgebiet verdichtet sich immer weiter und heizt sich mit der Zeit kontinuierlich auf. Bei ausreichend hoher Temperatur zündet schließlich die Kernfusion: Wasserstoffkerne verschmelzen zu Helium, wobei sehr viel Energie in Form von Strahlung frei wird. Das Ergebnis ist eine in Größe und Form stabile, leuchtende Gaskugel: ein Stern. Etwa zwei Trilliarden Foto: G.Bono – CTIO/ESO nach dem US-Astronomen Donald J. Kessler benannten „Kessler-Effekt“. „Bei Satellitenkollisionen entstehen eine Reihe von Trümmern“, warnten Kessler und sein Kollege Burton G. Cour-Palais schon 1978. „Einige davon könnten bei einer Kollision einen weiteren Satelliten zerstören und so noch mehr Trümmer erzeugen.“ Das Ergebnis? Ein exponentieller Anstieg der Objekte, wodurch sich im Laufe der Zeit ein Trümmergürtel um die Erde bilden würde. Derartige Fragen beschäftigen auch die Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik, Ernst-Mach-Institut, EMI in Freiburg. Was passiert genau bei einer Kollision zweier Satelliten oder einem Satelliten mit einem Schrotteilchen? Wie zerfällt der Satellit? In wie viele Teile? Wie groß sind die Teile, in welche Richtung bewegen Sie sich und wie schnell? Eine grundlegende Beobachtung der Forscher: „Auch bei kurzen Aufenthaltsdauern im Orbit ist mit einer signifikanten Zahl kleiner und kleinster Einschläge auf die Außenhaut von Raumfahrzeugen zu rechnen.“ So mussten auf fast jeder Mission des Space Shuttles eine oder mehrere Fensterscheiben ausgetauscht werden, weil sogenannte Impact-Schäden die Scheiben unbrauchbar gemacht hatten. Hohes Risiko durch Trümmer Eine deutliche Verschärfung der Weltraummüllproblematik läutete laut EMI die absichtliche Zerstörung des chinesischen Wettersatelliten Fengyun-1c in einer Höhe von rund 850 Kilometern am 11. Januar 2007 ein. „Durch dieses Ereignis entstanden mehrere tausend beobachtbare Trümmer in einer vielgenutzten Umlaufbahn speziell für Erdbeobachtungssatelliten. Dadurch erhöhte sich in dieser Umlaufbahn schlagartig das Risiko einer missionskritischen Kollision um 50 Prozent.“ Zwei Jahre später kam es zu einer zufälligen Kollision zwischen den Satelliten Iridium 33 und Cosmos 2251, die weitere 1.500 gerade noch beobachtbare Trümmer und Millionen Kleinsttrümmer erzeugte. Vorboten für einen Kaskadeneffekt, wie ihn US-Astronom Kessler und seine Kollegen bereits Anfang der 1970er Jahre bereits beschrieben hatten. „Damit zeichnet sich ab, dass das Thema Weltraummüll die Raumfahrt über viele Jahrzehnte hinweg beschäftigen wird.“ Im Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik FHR entwickeln sie deswegen Radar- und Sensortechnologien für Weltraumüberwachung, radarbasierte Weltraumaufklärung und Space Situational Awareness (SSA). „Leistungsfähige Antennensysteme, innovative Radarverfahren und moderne Signalverarbeitung ermöglichen die Detektion selbst kleiner Weltraumobjekte und deren präzise Bahnverfolgung“, heißt es auf der Website. Betreiber sollen auf diese Weise von „verbesserten Bahnanalysen, zuverlässigen Kollisionswarnungen und datenbasierten Entscheidungsgrundlagen für Missionsplanung und Satellitenbetrieb“ profitieren. Dabei hilft unter anderem die vom FHR für das Verteidigungsministerium und die Bundesrepublik Deutschland betriebene Großradaranlage TIRA (Tracking and Imaging Radar) in Berkum bei Bonn. Die weithin sichtbare weiße Kugel ist ein 47,5 Metern großes Radom – das größte seiner Art weltweit. Diese Außenhaut schützt eine Parabolantenne mit einem Durchmesser von 34 Metern. Wie sich der Weltraumschrott wirklich nachhaltig reduzieren lässt, ist laut Auskunft von Thomas Loosen vom Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie FKIE noch nicht so lange auf dem Radar der Experten. Als Stichworte nennt er „Demisability“ und die „Atmospheric Re-Entry Pollution“. „Bei ersterem geht es darum, dafür zu sorgen, dass Raumfahrzeuge, also vor allem Satelliten, wirklich vollständig verglühen und keine größeren Trümmerteile auf der Erde einschlagen“, erläutert Loosen. „Bei letzterem geht es darum, dass durch das Verglühen von Satelliten große Mengen winziger Metallpartikel in die oberen Atmosphärenschichten eingebracht werden, ohne dass man zum jetzigen u 10 VAA MAGAZIN AUGUST 2026 SPEZIAL

Foto: Janiecbros – iStock Interview mit Harald Bardenhagen: Blick auf Sterne zunehmend getrübt Foto: Nikola Taćevski Harald Bardenhagen ist Gründer der AstronomieWerkstatt Sterne ohne Grenzen. Er bietet in der Eifel „Sternenwanderungen“ an. Im Gespräch mit dem VAA Magazin erklärt er, was Menschen am nächtlichen Himmel beeindruckt – und was sich in den vergangenen Jahren geändert hat. VAA Magazin: Was fasziniert die Menschen am Sternenhimmel? Bardenhagen: Die Ästhetik dieses Anblicks. Lässt sich diese Faszination etwas näher beschreiben? Vielleicht durch die Fragen, die dann aufkommen. Was sehe ich da? Wie groß ist das Universum? Was ist der Unterschied zwischen Planeten und Sternen? Bis hin zur existenziellen Frage: Was haben wir Menschen denn eigentlich mit alledem zu tun? Hat sich dieser Anblick in den vergangenen Jahren geändert? Seit Jahrzehnten beobachte ich den Himmel. Wir verlieren die Dunkelheit der Nacht mit Lichtgeschwindigkeit – immer mehr Licht, immer weniger Sterne. Und inzwischen vergehen keine zwei, drei Minuten, in denen ich nicht selbst im sehr kleinen Blickfeld des Teleskops einen Satelliten durchrasen sehe. Manche meiner Gäste sagen dann: „Da ist eine Sternschnuppe durchgeflogen!“ Ich antworte dann bestimmt: „Nein, nein, das war ein Satellit.“ Der Satellitenfunk stört die in der Eifel traditionelle Radioastronomie auch ganz erheblich. Selbst ein einfaches Handy, das ich auf dem Mond einschalte, würde tausendmal heller strahlen als eine entfernte Galaxie. Sie klingen besorgt. Es geht nicht nur darum, dass durch neue Lichtpunkte am Himmel der Blick auf den Sternenhimmel „vermiest“ wird. Die Grundlagenforschung wird massiv eingeschränkt. Wenn bei Aufnahmen durch die großen Observatorien ein Satellit durchs Bild fliegt, dann ist diese Aufnahme möglicherweise unbrauchbar. Bis der Wissenschaftler, der diese Aufnahme anfertigen lässt, wieder einen neuen Slot von einer halben oder ganzen Stunde dafür bekommt, können locker drei Jahre vergehen. Und solche Verluste sind letztlich Steuergelder, die an anderen Stellen fehlen. Die Satelliten im erdnahen Orbit dienen unter anderem dazu, die Verbindung zum Internet zu verbessern. Aber sie haben eine begrenzte Lebensdauer von wenigen Jahren. Im erdnahen Orbit gibt es geringe Reste von Atmosphäre. Diese bremsen alle Satelliten langsam und sie sinken in noch dichtere Luftschichten. Der Bremseffekt wird immer größer und schließlich verglüht der Satellit. Das Ergebnis? In nicht allzu ferner Zeit haben wir Tonnen von Aluminiumstaub und Elektroschrott in der Hochatmosphäre. Wir, und auch unsere Kinder und Enkel, benötigen Raumfahrt dringend. Nicht, um zum Mond oder zum Mars zu fliegen. Sondern um Wetter- und andere Erdbeobachtungssatelliten ins All zu bringen, die uns einen Überblick über das geben, was auf unserem Planeten passiert. Um diese Satelliten ins All zu bringen, muss man in oder durch den erdnahen Orbit – und die Gefahr von Kollisionen steigt mit der zunehmenden Anzahl der Satelliten immens. Sie setzen sich auch gegen Lichtverschmutzung auf der Erde sein – warum? Weil alle Lebewesen Dunkelheit benötigen. Tagaktive benötigen Dunkelheit für einen gesunden Schlaf, für die Nachtaktiven ist die Dunkelheit die existenzielle Lebensnische. Nachtfalter etwa sind wichtige Bestäuber für nachtaktive Pflanzen. Fehlt dieses Zusammenspiel, hat das ganz konkrete Folgen für unsere Umwelt. Das Leben auf unserem Planeten hat sich in 3,7 Milliarden Jahren durch den stetigen Wechsel von Helligkeit bei Tag und Dunkelheit bei Nacht entwickelt. Und das hat sich in das „Betriebssystem“ aller Lebewesen eingeprägt. Dagegen zu arbeiten ist riskant und wahrlich keine gute Idee. Weitere Informationen zur Astronomie-Werkstatt von Harald Bardenhagen unter www.sterne-ohne-grenzen.de. 11 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2026

Zeitpunkt genau sagen könnte, wie sich das auf die Atmosphäre und das Klima auswirkt.“ Der Gründer der Astronomie-Werkstatt Harald Bardenhagen richtet unterdessen seine Blicke nicht nur himmelwärts. Der Nationalpark Eifel ist „Sternenpark“ und wurde im Jahr 2014 als erster International Dark-Sky-Park von der Organisation DarkSky International anerkannt. Das heißt: Hier sind besonders wenige künstliche Lichtquellen, die den Blick auf den nächtlichen Sternenhimmel verschleiern. Im Gegensatz zu den Herausforderungen im Orbit dringen die Folgen von Lichtsmog auf der Erde allmählich ins öffentliche Bewusstsein, sagt Bardenhagen. Phasen der Dunkelheit seien eminent wichtig für alle Lebewesen, betont er. „Künstliches Licht bei Nacht zerstört Lebensräume der vielen nachtaktiven Lebewesen und bringt das natürliche Gleichgewicht durcheinander.“ Bei seinen Sternenwanderungen ist ihm beispielsweise aufgefallen: Die Wiesen auf dem Vogelsang-Gelände riechen nachts anders als tagsüber. Das liege an den Pflanzen, die entweder nur nachts Fotos: EnolaBrain – iStock, Rudmer Zwerver – Shutterstock, davemantel – iStock oder nur tagsüber ihre Blüten öffnen und mit ihren Duftstoffen Insekten anlocken. Umso unverständlicher findet Bardenhagen, wenn Hausbesitzer ihre Anwesen von außen beleuchten, wenn Unternehmen ihre Fuhrparks nachts unter gleißendes Licht setzen, wenn Städte ihre Sehenswürdigkeiten von abends bis morgens beleuchten. „Lichtsmog“ oder „Lichtverschmutzung“ heißt das Phänomen. „Mehr als die Hälfte der Tierarten sind nachtaktiv – und die brauchen dunkle, nächtliche Lebenslandschaften“, erläutert Bardenhagen. Ein anderes Beispiel: Vögel, die wandern oder nachts auf Beutejagd gehen, orientieren sich am Mond- und Sternenlicht. Künstliches Licht bringt sie vom Kurs ab. Dauerilluminierte Städte werden zu Todesfallen. Jedes Jahr sterben laut Angaben von Experten Millionen von Vögeln durch Kollisionen mit unnötig beleuchteten Gebäuden und Türmen. Was Lichtsmog für die Menschen bedeutet, führte beispielsweise der „World Atlas of Artificial Night Sky Brightness“ aus dem Jahr 2016 auf. Demnach leben 80 Prozent der Weltbevölkerung unter dem Einfluss von Lichtverschmutzung. In den Vereinigten Staaten und Europa können 99 Prozent der Bevölkerung keine natürliche Nacht erleben. 12 VAA MAGAZIN AUGUST 2026 SPEZIAL

Fotos: Ralf Geithe – iStock, abitaev.art – Shutterstock Die Organisation DarkSky International verweist auf wissenschaftliche Untersuchungen, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen nächtlicher Lichtexposition und bestimmten biologischen Auswirkungen belegen. Demnach kann Lichteinwirkung nach Einbruch der Dunkelheit die körpereigene Produktion von Melatonin unterdrücken. Dabei handelt es sich um ein wichtiges Hormon, das dem Körper signalisiert, dass es Zeit zum Schlafen ist. Einige Studien zeigten zudem, dass eine Störung des Hell-Dunkel-Rhythmus die Funktion der menschlichen Gene beeinflussen könne. Aufklärung tut not Aufklären, das Bewusstsein für die Folgen von Lichtsmog schärfen – auch das gehört zu der Mission von Bardenhagen, der seit Jahrzehnten Mitglied bei DarkSky International ist. Letzten Endes Mehr vom All gibt es in einer Schau im arp Museum Bahnhof Rolandseck unweit von Bonn zu sehen. Die Sonderausstellung mit dem Titel „Zu den Sternen – Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“ ist bis zum 10. Januar 2027 geöffnet. Kunstwerke von Max Ernst, El Lissitzky, Katharina Sieverding oder Sophie Taeuber-Arp sollen die Faszination für das All veranschaulichen. „Seit den 1980er Jahren nehmen die kritischen Stimmen an den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der Raumfahrt merklich zu“, so die Organisatoren. Den Hoffnungen, alternatives Leben auf einem Ersatzplaneten zu finden oder dies zu ermöglichen, stehe ein zunehmender Kulturpessimismus entgegen. „Die Erkenntnis der Endlichkeit unserer lebenswichtigen Ressourcen angesichts menschlicher Hybris und unseres Fehlverhaltens führt auch in der Kunst zu neuen Diskursen.“ Weitere Informationen gibt es auf der Website des Museums unter arpmuseum.org. müsse aber auch der Gesetzgeber aktiv werden. Im Nachbarland Frankreich zeigten sich die positiven Effekte. „Dort ist es nachts wirklich dunkler.“ In Deutschland dagegen seien Kommunen immer noch gezwungen, einen Kreisverkehr mit Fußgängerüberweg zu beleuchten „wie einen Fußballplatz“. Apropos Fußballplatz: Für die Beleuchtung von Sportstätten gibt es inzwischen Varianten, die den Kämpfer gegen Lichtsmog zuversichtlich stimmen. In Sötenich wurde im März dieses Jahres eine neue Lichtanlage in Betrieb genommen, die laut Medienberichten so gut wie keine Abstrahlung an die umliegenden Flächen oder in den Himmel abgibt. Die erste DarkSky-zertifizierte Sportanlage in Europa, wie Bardenhagen betont. Der Ortsteil von Kall liegt nur wenige Kilometer entfernt von seiner AstronomieWerkstatt und ist damit auch Teil des Sternenparks Eifel. Ein weiterer Pluspunkt: Die LED-Strahler sind bis zu 60 Prozent energieeffizienter als herkömmliche Leuchten und der Hersteller bietet zehn Jahre Garantie auf alles. Solche Maßnahmen können eine große Wirkung haben, weiß Bardenhagen. Es sei schon vorgekommen, dass sich manche seiner Gäste einen Tag nach einer Sternenwanderung auf der Rückfahrt ins Rheinland oder ins Ruhrgebiet gemeldet hätten. „Nun weiß ich, was Sie mit Lichtsmog meinen. Jetzt sehe ich jede Lampe mit anderen Augen.“ In den Ballungsgebieten um Bonn, Köln, Düsseldorf oder Essen ist es schlicht zu hell, um den Sternehimmel in all seiner Pracht zu beobachten. Jeder, der das einmal getan hat, ist begeistert von diesem Hauch von Unendlichkeit, der sich dann auftut. Manch einen wird der Anblick von All und Natur vielleicht auch eine Portion Demut lehren. Ach so: Wie weit müssten jetzt die beiden Murmeln voneinander entfernt sein, um die 4,3 Lichtjahre Abstand eines Sterns zur Sonne maßstabsgerecht abzubilden? „Das verrate ich Ihnen jetzt doch nicht“, sagt Bardenhagen und schmunzelt. „Dazu kommen Sie mal lieber zu einer Sternenwanderung.“  13 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2026

Mit fast zehn Prozent jährlich schreitet die nächtliche Himmelsaufhellung durch den Kunstlichtkonsum der Menschen voran, schreibt das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei IGB auf seiner Website. Rein rechnerisch verdoppelt sich etwa alle acht Jahre die Helligkeit des Nachthimmels. Die natürliche Helligkeit der Nacht, hervorgerufen durch das Licht der Sterne und Planeten, wird durch das nächtliche Kunstlicht „verschmutzt“, darum heißt es „Lichtverschmutzung“. Durch Streu- und Reflexionsprozesse in der Atmosphäre kommt es zum „Lichtsmog“ – Lichtglocken über Dörfern und Städten. Das künstlich angelegte Licht stört die Ökosysteme, beeinträchtigt die menschliche Gesundheit und führt zu unnötigem Energieverbrauch. Mehrere 100 Kilometer weit leuchten Lichtglocken über stark besiedelten Gebieten. Die diffusen Gebilde sind teilweise 4.000 Prozent heller im Vergleich zum natürlich dunklen Nachthimmel, erläutert die gemeinnützige Organisation Paten der Nacht. Sie erhellen selbst dort die Nacht, wo es eigentlich noch dunkel wäre. Dieser aus Städten, Dörfern und Industriegebieten – direkt oder indirekt durch Reflexionen – in den Himmel abgestrahlte „Lichtmüll“ interagiert mit der Erdatmosphäre. Das Licht wird oben an den Partikeln der Luft gestreut, und zwar umso intensiver, je mehr Blauanteile in ihm stecken. In circa 80 bis 300 Kilometern Lufthöhe entsteht der sogenannte Airglow, ein phänomenales Selbstleuchten der Erdatmosphäre. Es unterstützt das Aufhellen der Nächte auf natürliche Weise, jedoch nur, sofern keine Lichtverschmutzung vorhanden ist. Jeder Nachthimmel hat eine Grundhelligkeit, bestehend aus dem Licht von Milliarden Sternen, dem Licht des Mondes und des Lichts der Planeten des Sonnensystems. Ein „Airglow“ kann aus dem Weltall als schmales, grün leuchtendes Band in rund 100 Kilometer Entfernung zur Erdoberfläche beobachtet werden. Er entsteht durch komplexe chemische Prozesse in der Atmosphäre, die tagsüber durch Sonneneinstrahlung angeregt werden. Das UV-Licht der Sonne spaltet tagsüber Sauerstoffmoleküle in atomaren Sauerstoff, der nachts langsam wieder zu molekularem Sauerstoff rekombiniert wird – ein schwaches Licht wird abgestrahlt und es hat den Anschein, als leuchte die Atmosphäre nach. Foto: Theresia Berger 14 VAA MAGAZIN AUGUST 2026 SPEZIAL

100 Milliarden Insekten pro Sommer sterben den Paten der Nacht zufolge allein an Deutschlands Straßenlaternen. Sie sterben an Erschöpfung wegen Dauerumkreisung des Lichts, verbrennen oder fallen angelockten Fressfeinden zum Opfer. Die Biomasse fliegender Insekten ist in den letzten drei Jahrzehnten um fast 80 Prozent zurückgegangen. Dabei gelten Insekten als größte und wichtigste Nahrungsquelle im Tierreich, haben eine bedeutende Aufgabe als Verwerter organischer Stoffe von Pflanzenresten und Tierleichen und dienen in der Landwirtschaft als wertvolle Nützlinge. Vor allem aber gehören sie zu den wichtigsten Pflanzenbestäubern, nahezu alle Wild- und Kulturpflanzen sind auf sie angewiesen. Damit sind Insekten unentbehrlich für das Leben auf diesem Planeten. Den umfangreichsten Beitrag an Bestäubung leisten Käfer, Fliegen, Wildbienen und vor allem Nachtfalter. Mehr als 90 Prozent aller Schmetterlinge sind Nachtfalter. Mehr als 60 Prozent aller Lebewesen sind nachtaktiv. Sie werden in ihren nächtlichen Aktivitäten durch die vielen künstlichen Lichtquellen in den Städten bei der Bestäubung, Fortpflanzung und Futtersuche gestört. Sie werden durch das viele Licht geblendet, verdrängt, abgelenkt und irritiert. Es kommt zu Verhaltensänderungen, Verschiebungen von Räuber-Beute-Beziehungen und Dezimierungen von Lebensräumen sowie Beständen. Für unzählige Insekten wird Licht zur tödlichen Falle. Mit 0,0001 Lux ist eine Nacht ohne Mond und ohne Lichtverschmutzung bis zu 1,3 Milliarden Mal dunkler als ein klarer, sonniger Sommertag mit einer Beleuchtungsstärke von etwa 130.000 Lux, beschreiben die Paten der Nacht die Folgen der Lichtverschmutzung. Den rhythmischen Wechsel zwischen hell und dunkel gibt das Sonnenlicht in Kombination mit der Erdrotation vor: Keine Größe in der Natur ändert sich in derart großem Umfang wie dieser Hell-Dunkel-Rhythmus. Licht ist damit der stärkste Taktgeber, nach dem sich nahezu alle Organismen dieses Planeten richten, sie sind sogar zwingend auf ihn angewiesen. Seit rund drei Milliarden Jahren ist dieser Rhythmus in den Genen fast aller Organismen fest verankert. Er steuert so gut wie alle lebenswichtigen Prozesse, vor allem Wach- und Schlafphasen sowie die Zellreparatur und -Regeneration. Manuel Philipp ist studierter Physiker und Astronom aus Leidenschaft. Er möchte vor allem der jungen Generation das Weltall auf verständliche und gleichzeitig begeisternde Art und Weise näherbringen. Seine Vorträge zum Thema „Abenteuer Sterne“, Führungen und Kurse, größtenteils in der Natur, bieten ihm die Möglichkeit, den Teilnehmenden live zu zeigen, wie schön sich Physik und Naturwissenschaft anfühlen kann und anfassen lässt. Mit der gemeinnützigen und überparteilichen Organisation Paten der Nacht informiert Philipp mit mittlerweile rund 50 ehrenamtlichen Teammitgliedern über das Thema Lichtverschmutzung und zeigt Menschen Lösungsmöglichkeiten auf, wie sie im Sinne des Umwelt- und Artenschutzes verantwortungsvoller und intelligenter mit nächtlichem Kunstlicht umgehen können. Die natürlich dunkle Nacht ist nicht nur aus seiner Sicht ein wertvolles Gut, das es für den Erhalt des Lebens zu schützen und zu wahren gilt. Foto: Theresia Berger 15 SPEZIAL VAA MAGAZIN AUGUST 2026

Betriebsrätekonferenz in Mainz Warum ist die Betriebsratsarbeit so wichtig für eine wirksame Interessenvertretung der außertariflichen Angestellten? „Weil über die konkreten AT‑Arbeitsbedingungen in den Betrieben nur im Betriebsrat entschieden wird, nirgendwo sonst“, betont VAA-Geschäftsführer Thomas Spilke. Seit vielen Jahren betreut der VAA‑Jurist aus dem Berliner Büro die Betriebsratsarbeit vonseiten der Geschäftsstelle. Auch auf der Betriebsrätekonferenz Anfang Juni 2026 in Mainz war Spilke als Organisator, Moderator und Referent dabei, nicht zuletzt, um über die Ergebnisse der zurückliegenden Betriebsratswahlen in den Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie zu diskutieren und die AT‑Interessen in der betrieblichen Mitbestimmung zu stärken. Rückenwind durch Wahlerfolge Foto: Stephan Sasek – VAA Für den VAA sind die Betriebsratswahlen, die bis zum 31. Mai 2026 in den Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie in Deutschland durchgeführt worden sind, sehr erfolgreich verlaufen. „Wo der VAA antritt, gewinnt er mit ganz wenigen Ausnahmen hinzu“, berichtet VAA-Geschäftsführer Thomas Spilke. Verluste entstünden fast nur durch die Pensionierung langjähriger VAA-Mitglieder. Man habe tolle Ergebnisse in den „Leuchttürmen“ wie Merck, BASF und Roche erzielt. „Außerdem konnten viele VAA-Mitglieder im Zuge dieser Wahlen neu den Betriebsratsvorsitz erringen.“ Für den Vorsitzenden der VAA-Kommission Betriebsräte Martin Kubessa ist die Sache ebenfalls klar: „Der VAA hat Wort gehalten und die Kandidatinnen und Kandidaten bei der Betriebsratswahl intensiv unterstützt. So ist es gelungen, wieder viele Betriebsrätinnen und Betriebsräte aus VAA-Reihen in den Unternehmen zu positionieren.“ Zu den „Ergebnis-Highlights“ zählt für Thomas Spilke unter anderem die BASF Ludwigshafen: „Trotz Verkleinerung des Gremiums um fünf Sitze haben wir die VAA-Stärke von sieben Sitzen gehalten.“ Auch bei Merck habe man 38,3 Prozent 16 VAA MAGAZIN AUGUST 2026 VAA

der Stimmen erreicht, was trotz Verkleinerung des Gremiums um zwei Sitze einem Plus von drei Sitzen entspricht. „Bei Roche Mannheim konnte die VAA-geführte „Freie Liste“ ihr Ergebnis von sieben auf 14 Sitze verdoppeln. Bei Evonik in Hanau kommen wir auf sieben von 23 Sitzen – bei zwei Freistellungen.“ Auch bei Tesa konnte der VAA einen Sitz dazugewinnen, zudem hat Doris Robben den Vorsitz des Gremiums verteidigt. Weitere Erfolge konnte der VAA mit seiner Mehrheit bei Pfizer einfahren – elf von 15 Sitze inklusive des verteidigten Betriebsratsvorsitzes von Rebecca Prager. Bei Heraeus Precious Metals konnte die VAA-geführte Liste 46 Prozent der Stimmen gewinnen – ein Plus von zwei Sitzen. Dazu ist VAA-Mitglied Volker Skowski neuer Betriebsratsvorsitzender. „Bei Sanofi ist die IGBCE nun ohne eigene Mehrheit geblieben“ so Spilke. „Der VAA hat einen neunten Sitz dazugewonnen und stellt jetzt mit Torsten Gleich den Stellvertretenden Vorsitzenden. „Last but not least ist auch das Ergebnis bei Beiersdorf bemerkenswert“, findet Thomas Spilke. „Dort haben wir zehn von 21 Sitzen und Barbara Wentzel als neue Betriebsratsvorsitzende.“ Auswertung der Ergebnisse läuft weiter Die Endergebnisse der Betriebsratswahlen liegen noch nicht vollständig vor. Es kommen immer noch neue Informationen aus Werksgruppen und einzelnen Betrieben beim hauptamtlichen Betriebsratsarbeitsteam um Thomas Spilke an. Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses sind dem VAA 235 VAA-Mitglieder als gewählte Betriebsratsmitglieder gemeldet worden, darunter auch 14 Vorsitzende und zwölf Stellvertretende Vorsitzende. „Das Ziel von 250 Mandaten erscheint immer noch realistisch“, so Thomas Spilke. „Allerdings sind wir mit der Erfassung der Ergebnisse noch nicht komplett durch. Es fehlen noch einige Betriebe, die wir gesondert angeschrieben haben.“ VAA-Vorstandsmitglied und BoehringerBetriebsrätin Dr. Monika Brink geht ebenfalls davon aus, dass die Gesamtzahl der VAA-Betriebsräte gehalten werde. „Wir haben jedoch öfter als bisher den „Die Diskussionsfreude ist bei den Betriebsräten sehr groß – und das bereichert dieses Event enorm.“ Dr. Monika Brink, VAA-Vorstandsmitglied und Betriebsratsmitglied im Gemeinschaftsbetrieb 2 bei Boehringer Ingelheim. Über die Einschränkung und Beendigung von Homeoffice und Mobile-Working-Modellen hat Nils Kummert referiert. Vorsitz oder die Stellvertretung und auch Freistellungen – ein toller Erfolg!“ Neue Gesichter auf der Konferenz Der Wahlerfolg spiegelte sich in der Betriebsrätekonferenz wider. „Das Engagement der Teilnehmerinnen und Teilnehmer drückt das direkt aus“, so VAA-Vorstandsmitglied Martin Kubessa, der sein Mandat als freigestellter Betriebsrat bei Evonik in Marl 2026 erneut verteidigt hat. Da die Konferenz nach Abschluss der Betriebsratswahlen stattgefunden hat, waren neben erfahrenen Betriebsratsmitgliedern auch einige neu in die Gremien gewählte dabei. „Auch die bestätigen, dass Betriebsratsmitglieder neugierige u Fotos: Stephan Sasek – VAA 17 VAA VAA MAGAZIN AUGUST 2026

Susanne Schaperdot von der Kanzlei LNS Rechtsanwälte hat die Mitbestimmung in Matrixstrukturen erläutert. Zu den erfahrenen Betriebsratsmitgliedern gehört auch Sandra Schwebke, die vor acht Jahren erstmals in den Betriebsrat von Merck in Darmstadt gewählt worden ist. Fotos: Stephan Sasek – VAA Alexander Schmitt ist seit 2018 Betriebsratsmitglied bei Grace. Menschen sind – immer offen und ohne Scheu, Fragen zu stellen“, stellt Monika Brink fest. „Sie waren direkt in die Community integriert.“ Der Austausch zwischen „alten Hasen“ und Neulingen könne nicht besser gelingen, findet auch Kubessa. „Schon allein mit den Anregungen zum Onboarding neuer Betriebsratsmitglieder könnten wir mit einer Seminarreihe ‚über die Lande ziehen‘.“ Auf der Konferenz wurden unter anderem fünf Praxisthemen wie AT-Vergütungssysteme, Investigativverfahren bei Complianceverstößen oder Mitbestimmung bei KI-Anwendungen parallel in wechselnder Gruppenzusammensetzung im World-Café-Format bearbeitet. Außerdem haben hochkarätige Referentinnen und Referenten zu betriebsratsrelevanten Themen Stellung bezogen, beispielsweise Susanne Schaperdot von der Kanzlei LNS Rechtsanwälte. Sie erläuterte die Organisationsstrukturen von Gesamt-, Konzern- und Euro-Betriebsrat vor dem Hintergrund der Mitbestimmung in Matrixstrukturen. Aus dem Vortrag der Fachanwältin für Arbeitsrecht hat Monika Brink einiges für ihre praktische Arbeit mitgenommen: „Eine Aufgabe der Betriebsräte, die ich persönlich noch einmal bei uns in den Betriebsrat reinbringen möchte: statistischen Auffälligkeiten nachgehen, bei vielen Fehltagen in einem Team oder einer hohen Fluktuation bei Mitarbeitenden. Danke an Susanne Schaperdot für den Tipp.“ Zu den am meisten diskutierten Themen auf der Konferenz gehörte die Rückkehr aus dem Homeoffice, erklärt von Nils Kummert, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei dka Rechtsanwälte. „Die Arbeitgeberseite scheint oft Druck ausüben zu wollen, ohne jedoch langfristige Effekte zu berücksichtigen“, resümiert VAA-Vorständin Brink. Auch die Rolle des Betriebsrats bei der Beschäftigungssicherung, vorgestellt von Schekib Fischer von Fischer Rechtsanwälte, war hochaktuell für viele Firmen der Branche. Hier habe es laut Monika Brink viele gute Hinweise gegeben, wie besser für die Kolleginnen und Kollegen verhandelt werden könne. Verhandlungsstärke und konstruktive Diskussionsfreude sind für eine gute Betriebsratsarbeit essenziell. Dies ist auch auf der VAA-Betriebsrätekonferenz deutlich geworden. Martin Kubessa hat einen nicht ganz ernst gemeinten Rat für die Konferenzgäste: „Wir sollten die Referenten zukünftig vorwarnen. Wer zu blauäugig in seinen Vortrag startet, wird sich wundern, dass er nicht über Folie zwei hinauskommt – spätestens dann ist die Diskussion im Gange.“ Kubessas Vorstandskollegin Brink bestätigt: „Die Diskussionsfreude ist bei den Betriebsräten sehr groß – und das bereichert dieses Event enorm.“ Kampagne als Best-Practice-Beispiel Diskutiert wurde auf der Konferenz sowohl bei den Vorträgen als auch während der ausgiebigen Netzwerkgelegenheiten. Immer wieder kamen dabei die „Best Practices“ aus der Wahlkampagne zur Sprache. „Ich persönlich fand die Vorla18 VAA MAGAZIN AUGUST 2026 VAA

www.gdch.de/karriere für Chemie und Life Sciences Von Chemikern für Chemiker Nutzen Sie das Netzwerk der GDCh:  Stellenmarkt – Online und in den Nachrichten aus der Chemie  Publikationen rund um die Karriere  CheMento – das GDCh-Mentoringprogramm für chemische Nachwuchskräfte  Coachings und Workshops  ChemCareerCorner – die Austauschplattform für Ihre Karrierethemen  Einkommensumfrage Gesellschaft Deutscher Chemiker Für Betriebsräte bietet die VAA-Konferenz zahlreiche Gelegenheiten, um sich über die praktische Arbeit in den Gremien auszutauschen. Foto: Stephan Sasek – VAA „Der intensive Austausch sorgte dafür, dass jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer mit einem Koffer voller Praxisideen nach Hause gefahren ist. Das Besondere an der VAA-Betriebsrätekonferenz ist genau dieser Austausch. Nicht nur unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, sondern auch immer mit den Referentinnen und Referenten.“ Martin Kubessa, Vorsitzender der VAAKommission Betriebsräte Foto: VAA gen für die Flyer und Poster hervorragend“, sagt Monika Brink. Auch die LinkedIn-Aktivitäten seien sehr gut wahrnehmbar gewesen durch die auffällige Farbgebung „im frischen Grün“. Den Rückmeldungen aus den Kampagnenteams zufolge ist der Wahlkonfigurator überall sehr gut angekommen. „Er wurde sehr gut genutzt, weil inhaltliche Themenvorschläge offenbar gut getroffen wurden“, berichtet Thomas Spilke. Man habe damit eine schnelle und flexible Möglichkeit geschaffen, auf das Tagesgeschehen vor Ort zu reagieren. Die Plattform zur Bestellung von Give-aways für die Wahlwerbung sei ebenfalls wieder extrem gut abgerufen worden, so Spilke weiter. Insgesamt sei das Feedback über die Vielfältigkeit des Angebots sehr positiv gewesen. Am Ende der Konferenz zogen die rund 50 Teilnehmenden trotz der durch die Branchenkrise bedingten, teilweise äußerst schwierigen Umstände an den Auch im Sommer läuft die Auswertung der Ergebnisse im VAA-Büro Berlin weiter. VAA-Geschäftsführer Thomas Spilke bittet um entsprechende Informationen aus den Werks- und Landesgruppen des VAA: „Wer es noch nicht getan hat, bitte dem VAA einfach per E-Mail an info.berlin@vaa.de die Wahlergebnisse melden. Wir suchen in allen Gremien nach VAA-Mitgliedern, Freistellungen, Vorsitzenden und Stellvertretenden Vorsitzenden.“ Standorten ein positives Fazit. Die Betriebsrätekonferenz zeige laut Monika Brink jedes Mal aufs Neue, wie gut die Betriebsräte ihre Kolleginnen und Kollegen mit ihren Wünschen und Nöten kennen, da sie aus der gleichen Ebene kommen. „Zudem kennen die Betriebsräte die Firmenstrategien, zum Beispiel aus den Wirtschaftsausschüssen, und können so entsprechend langsichtig agieren.“ Als originäre AT-Interessenvertretung komme es entscheidend auf den VAA an – auch und gerade im Betriebsrat, betont VAA-Jurist Thomas Spilke. Bei Themen wie Arbeitszeit, Gehalts- und Bonussystemen, Freiwilligenprogrammen bei Personalabbau sowie Sozialplänen und Gesundheitsschutz ist der Betriebsrat das Gremium, das für die außertariflichen Angestellten zuständig ist. „Deswegen sind wir wirklich stolz auf unsere zahlreichen Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer in jedem einzelnen Betrieb an jedem Standort, an dem wir als VAA vertreten sind.“  ANZEIGE

Leitende brauchen starke Interessenvertretung Sprecherausschusswahlen 2026 Parallel zu den Betriebsratswahlen sind im ersten Halbjahr 2026 in den Chemie- und Pharmaunternehmen auch die Sprecherausschüsse der leitenden Angestellten gewählt worden. Gerade in der gegenwärtigen Krisensituation im Umfeld von Restrukturierungen und Beschäftigungsabbau ist die Bedeutung einer wirksamen Interessenvertretung für Leitende im Rahmen der betrieblichen Mitbestimmung gestiegen. Zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses Mitte Juli 2026 ist die Auswertung der Wahlergebnisse noch auf Hochtouren gelaufen. „Wir gehen davon aus, dass wir als originäre Interessenvertretung der leitenden Angestellten auch in dieser Wahlrunde erfolgreich abschneiden werden“, berichtet VAA-Geschäftsführer Christian Lange, der vonseiten der Geschäftsstelle die Sprecherausschussarbeit des VAA koordiniert. Bislang seien mehr als 70 Prozent der Sprecherausschussmitglieder zugleich VAA-Mitglieder gewesen. „Bei den Vorsitzenden lag dieser Anteil sogar bei knapp 90 Prozent. Diesen exzellenten Organisationsgrad wollen wir natürlich halten.“ Gemeinsam mit der Öffentlichkeitsarbeit des VAA hat Langes Koordinationsteam auf vielen unterschiedlichen Kanälen auf die Wahl aufmerksam gemacht, um eine möglichst hohe Wahlbeteiligung zu erreichen. Dazu gehörten Aufrufe bei LinkedIn, Vorträge bei Versammlungen von Leitenden, Berichte im VAA Magazin und im VAA Newsletter sowie erstmals die Unterstützung mit Give-aways und einem Wahlkonfigurator, mit dem man sich ähnlich wie für die Betriebsratswahlen Flyer für die Wahl erstellen konnte. „Das hat sich gelohnt“, findet Christian Lange. „Wir erkennen bereits jetzt eine erfreulich hohe Wahlbeteiligung mit durchschnittlich 71,2 Prozent.“ Wie in jeder Wahlkampagne hat es auch 2026 einige Herausforderungen gegeben. Aufgrund der Krise befinden sich viele Unternehmen in Restrukturierungsprozessen. „Die ein oder andere Ausgliederung von Unternehmensteilen führt dazu, dass es in kleineren Unternehmen mit weniger als zehn leitenden Angestellten keinen Sprecherausschuss mehr gibt“, führt Lange an. Die Lücke lasse sich aber, wenn die Unternehmensführung damit einverstanden ist, durch einen sogenannten freiwilligen Sprecherausschuss schließen. „Der VAA kann dabei gern beratend unterstützen. Denn von einem Sprecherausschuss, der von seinen MitEines der VAA‑Kampagnenmotive für die Sprecherausschusswahlen 2026. Grafik und Foto: VAA Im Sommer 2026 läuft die Auswertung der Ergebnisse weiter. VAA-Geschäftsführer Christian Lange bittet um die Meldung entsprechender Informationen aus den Werks- und Landesgruppen des VAA per E-Mail an gabriele.hochsattel@vaa.de. „Wir wollen und werden auch die neu gewählten Sprecherausschussmitglieder gern über aktuelle Entwicklungen in der Rechtsprechung und Gesetzgebung informieren.“ wirkungsrechten Gebrauch macht und sich aktiv einbringt, profitiert nicht zuletzt das Unternehmen – gerade in schwierigen Zeiten.“ Seine Sprecherausschüsse unterstützt, berät und schult der Verband in allen rechtlichen Fragen, von der täglichen Gremienarbeit bis zur Durchführung von Vollversammlungen der Leitenden. „Aktuell bieten wir Seminare für neu gewählte Sprecherausschussmitglieder an, bei denen wir alles Wichtige für die Sprecherausschussarbeit vermitteln“, erklärt VAA-Geschäftsführer Lange. Das Onlineseminar wird am 17. September 2026 über das Führungskräfte Institut FKI angeboten.  20 VAA MAGAZIN AUGUST 2026 VAA

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Resilienz oder Nostalgie: Europas Chemie vor der entscheidenden Wahl Gastbeitrag zur Kreislaufwirtschaft Von Lars Börger, nova-Institut Die europäische Chemie steckt nicht in einer normalen Krise. Sie steckt in einer Doppelkrise. Die eine ist geopolitisch: Energieabhängigkeiten, fragile Lieferketten, wachsender Importdruck und die neue Härte der Weltpolitik treffen eine systemrelevante Industrie. Die andere ist klimatisch: Die Grenzen des fossilen Modells werden sichtbar, in Emissionspfaden, Extremwetter, Versicherungsrisiken und Investitionsentscheidungen. Beide Krisen werden oft getrennt diskutiert. Genau das ist der Fehler. Ihre gemeinsame Antwort ist dieselbe: eine entschlossene Transformation der industriellen Rohstoff- und Energiebasis. Die Chemie ist die Industrie der Industrien. Ohne Chemie keine Batterien, keine Halbleiter, keine Pharmazeutika, keine Dämmstoffe, keine moderne Landwirtschaft, keine Kreislaufwirtschaft. Wenn Europas Chemie an Stärke verliert, verliert Europa industrielle Handlungsfähigkeit. Wenn sie sich neu aufstellt, wird sie zum Hebel strategischer Autonomie. Für Jahrzehnte folgte Industrie einer tayloristischen Logik: standardisieren, messen, Puffer abbauen und Effizienz maximieren. Das war erfolgreich, solange Energie billig, Lieferketten stabil und Weltpolitik berechenbar erschienen. Diese Zeit ist vorbei. COVID, der blockierte Suezkanal, der russische Angriff auf die Ukraine, Energiepreisschocks und Extremwetter haben gezeigt: Ein System kann so effizient werden, dass es nur noch bei gutem Wetter funktioniert. Der Leitbegriff der nächsten Jahre heißt deshalb Resilienz. Resilienz bedeutet nicht Abschottung. Sie bedeutet die Fähigkeit, Störungen aufzunehmen, sich anzupassen und daraus stärker hervorzugehen. Für die Industrie heißt das: diversifizierte RohMit alternativen Produktionsverfahren wie beispielsweise in der Elektrolyse-Pilotanlage bei Evonik in Hanau kann die Elektrochemie Stoffkreisläufe in der Chemieproduktion schließen. Foto: Evonik Industries AG 22 VAA MAGAZIN AUGUST 2026 BRANCHE

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