VAA Magazin August 2026

stoffquellen, robuste Lieferketten, erneuerbare Energie, technologische Offenheit und Menschen, die Veränderung nicht verwalten, sondern gestalten. Genau hier gehört die Kreislaufwirtschaft ins Zentrum. Sie ist keine bessere Abfallwirtschaft. Sie ist Sicherheitsstrategie. Moleküle, Polymere und Metalle, die im europäischen Kreislauf bleiben, sind weniger Importabhängigkeit, weniger Preisrisiko und mehr regionale Wertschöpfung. Derzeit stammen in der EU erst rund zwölf Prozent der eingesetzten Materialien aus Recycling. Das ist kein Beleg gegen Kreislaufwirtschaft, sondern ein Hinweis auf ungenutztes industrielles Potenzial. Für die Chemie gilt der entscheidende Satz: Chemie kann nicht dekarbonisiert werden, sie muss defossilisiert werden. Kohlenstoff bleibt Grundlage großer Teile unserer Produktwelt. Entscheidend ist, ob er weiterhin überwiegend aus fossilen Quellen kommt oder aus Recycling, nachhaltiger Biomasse und CO2-Nutzung. Mechanisches und chemisches Recycling, biogene Rohstoffe, CCU, Methanol als Plattformmolekül, Massenbilanzmodelle und digitale Materialpässe sind keine Randthemen. Sie sind Bausteine einer resilienten Rohstoffbasis. Gerade für Europa ist das nüchterne Industriepolitik. Im fossilen Kostenwettbewerb ist Europa strukturell benachteiligt. Cefic beziffert Europas Anteil am globalen Lars Börger ist CEO des nova-Instituts. Foto: nova-Institut Chemikalienmarkt nur noch auf 13 Prozent, China liegt bei 46 Prozent; europäische Gaspreise sind weiterhin etwa dreimal so hoch wie in den USA. Die falsche Schlussfolgerung wäre, das alte fossile Modell dauerhaft künstlich zu verbilligen. Das wäre Nostalgie mit öffentlichem Geld. Die richtige Schlussfolgerung lautet: Europa muss dort führen, wo die nächste industrielle Kostenkurve entsteht. Wir haben keine ausreichenden fossilen Quellen. Aber wir haben starke Abfallwirtschaft, anspruchsvolle Regulierung, erweiterte Herstellerverantwortung, hochentwickelte Landwirtschaft, Biotechnologie, Verfahrenstechnik und einen wachsenden Markt für erneuerbare Energien. Warum dort verteidigen, wo wir strukturell schwach sind, statt dort zu investieren, wo wir strukturell stark werden können? Das Geld für diese Transformation ist vorhanden. Die Internationale Energieagentur erwartet für 2025 weltweit rund 2,2 Billionen US-Dollar Investitionen in saubere Energietechnologien, Netze, Speicher, Effizienz und Elektrifizierung, etwa doppelt so viel wie in fossile Energien. Die EU setzt mit dem Clean Industrial Deal, dem Chemicals Action Plan und dem European Competitiveness Fund den richtigen Rahmen; Deutschland hat ein Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität beschlossen. Entscheidend ist nun, ob dieses Kapital neue industrielle Fähigkeiten schafft oder alte Abhängigkeiten verlängert. Der politische Rahmen wird zunehmend geschaffen. Jetzt kommt es darauf an, dass Unternehmen das neue Zielbild annehmen, die Transformation entschlossen vorantreiben und den Wandel tatsächlich als wirtschaftliche Chance begreifen. Denn nicht die Erneuerung ist das Risiko, sondern ihr Aufschieben. Eine Überschlagsrechnung aus dem novaKontext macht die Größenordnung sichtbar: Die aktuelle geopolitische Krise kann für die EU 2026 zusätzliche Kosten von mehr als 145 Milliarden Euro verursachen. Bei Investitionskosten von etwa 1,5 Milliarden Euro für mehr als 300.000 Tonnen Bio-Methanol-to-Olefins-Kapazität entspräche diese Summe theoretisch rund 30 Millionen Tonnen pro Jahr. Das wäre in der Größenordnung von drei Vierteln der heutigen fossilen Polymerproduktion. Natürlich ist das keine Investitionsplanung und die Rechnung zu stark vereinfacht. Aber es zeigt, wie absurd es wäre, Krisenkosten dauerhaft zu bezahlen, statt Transformationskapital aufzubauen. Für Unternehmen bedeutet das: Resilienz gehört in die Investitionsrechnung, nicht in den Nachhaltigkeitsbericht. Für Beschäftigte bedeutet es: Die Chemie hat Zukunft, aber sie wird eine andere Chemie sein. Sie braucht Prozesswissen, Sicherheitskultur, Digitalisierung, Datenkompetenz, Kreislaufverständnis und den Mut, neue Technologien industriell reif zu machen. Europa steht vor einer klaren Wahl. Wir können Geld in die Verlängerung eines fossilen Geschäftsmodells stecken, in dem andere die Rohstoffe besitzen und wir die Kosten tragen. Wer ausschließlich auf Entlastungen für bestehende Strukturen setzt, gewinnt vielleicht Zeit, aber keine Zukunft. Oder wir investieren entschlossen in eine Chemie, die Europas zukünftige Wettbewerbsfähigkeit auf erneuerbare Energie, alternative Kohlenstoffquellen und Kreislaufwirtschaft gründet und zu neuer industrieller Stärke verbindet. Die Alternative zur Transformation ist nicht Stabilität. Sie ist der schleichende Verlust von Wertschöpfung. Resilienz entsteht nicht durch Festhalten. Sie entsteht durch rechtzeitiges, mutiges Umbauen.  23 BRANCHE VAA MAGAZIN AUGUST 2026

RkJQdWJsaXNoZXIy MzE5OTc3Nw==