VAA Magazin Oktober 2025

Zeitschrift für Fach- und Führungskräfte OKTOBER 2025 INTERVIEW ZUM ARBEITSRECHT Transparenz beim Entgelt VAA CONNECT IN ESSEN Finanzen sind Frauensache PERFORMANCE MANAGEMENT Leistung unter der Lupe Aromen und Genuss FASZINATION KAFFEE

1 2 3 Präsentationsplattform aufrufen Einmalige Registrierung unter der URL https://vaa.rahmenvereinbarungen.de mittels Firmen E-Mail-Adresse Sofort attraktive Angebote wahrnehmen 20% Registrieren und sparen. Exklusiv für VAA-Mitglieder Erhalten Sie besondere Rabatte auf Reisen, Mode, Technik und vieles mehr bei über 230 Top-Anbietern!

Dr. Birgit Schwab 1. Vorsitzende des Vorstands VAA Foto: Silke Steinraths Photography – VAA Zwischen Vielfalt, Leistung und Balance Brauchen wir angesichts der weltumspannenden Polykrise eigentlich noch so etwas wie Vielfalt in den Führungsetagen? Sollten wir nicht einfach still akzeptieren, dass zurzeit das gesellschaftspolitische Pendel wieder zurückschlägt? Nein! Denn Diversity ist längst mehr als ein gesellschaftliches Thema: Es ist – und bleibt – langfristig ein handfester Wettbewerbsfaktor. Kaum zu glauben, dass mittlerweile wieder Mut dazugehört, diese Tatsache extra zu betonen. Dies betrifft auch das Ziel, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Wer Frauen gezielt fördert, stärkt die Innovationskraft und erhöht die Resilienz von Unternehmen. Unser Netzwerk „VAA connect“ ist hier ein starker Impulsgeber, wie zuletzt Mitte September bei Evonik in Essen. Diesmal ging es um das Schwerpunktthema „Female Financial Leadership“, nachzulesen in der Rubrik „Branche“ auf den Seiten 24 bis 26. Wie können Frauen ihre Rolle in Finanz- und Führungsfunktionen sichtbar machen und weiter ausbauen? Der Anspruch ist klar: Unsere Branche braucht mehr weibliche Führung an entscheidenden Schnittstellen, gerade dort, wo es um Zahlen, Strategien und Verantwortung geht. Führung neu zu denken, bedeutet auch, die Systeme zu hinterfragen, mit denen Leistung bewertet wird. Das zeigt das Interview zum Performance Management in dieser Ausgabe in der Rubrik „VAA“ auf den Seiten 18 bis 20. Dabei werden Chancen und Risiken aktueller Leistungsbeurteilungsmodelle beleuchtet. Wie können Zielvereinbarungen motivieren? Wann führen sie eher zum Frust? Transparenz, möglichst faire Vergütung und echte Wertschätzung bleiben die Leitplanken, an denen sich erfolgreiche Führung orientieren sollte. Doch die richtige Balance zu finden – und zu halten –, ist schwieriger als man glaubt. Und weil die Balance zwischen Leistung und Wohlbefinden oft auch etwas mit den kleinen Genüssen des Alltags zu tun hat, widmet sich das „Spezial“ auf den Seiten sechs bis 15 dem Thema Kaffee. Dieser „Zaubertrank“ ist Treibstoff und Kulturphänomen zugleich, unverzichtbar in Laboren, Büros und Kaffeeküchen. Was die chemische Vielfalt der Bohne betrifft, so reicht sie von Aromastoffen bis zu Koffeinwirkungen und steht sinnbildlich für die Mischung aus Disziplin und Genuss, die das Berufsleben prägt. Ob in Projektbesprechungen, Verhandlungen oder im Flurgespräch mit Kolleginnen und Kollegen: Oft beginnt der produktivste Moment mit einer Tasse Kaffee. 3 EDITORIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2025

VAA MAGAZIN – Oktober 2025 Coverfoto: Simone Leuschner – VAA Foto: Reza Rahbar – Shutterstock 6 SPEZIAL Kaffee und Chemie: Aromen, Reaktionen und Geschichten 4 VAA MAGAZIN OKTOBER 2025 INHALT

Inhalt – 60PLUS 39 P ensionärsreise des VAA: Geschichte und Genuss in Münster RECHT 40 Interview mit Stefan Ladeburg: Auswirkungen der EU-Richtlinie zur Entgelttransparenz 42 Urteil: Ausschluss aus dem Betriebsrat LEHMANNS DESTILLAT 44 Satirische Kolumne: Studien füllen Sommerlöcher VERMISCHTES 45 ChemieGeschichte(n): Entdeckung der Gammastrahlung 47 Glückwünsche 48 Sudoku, Kreuzworträtsel 50 Feedback, Termine, Vorschau, Impressum VAA 16 Interview mit Dr. Marc Heider: Herausforderungen und Chancen der Betrieblichen Altersversorgung 18 Performance Management: Diskussion um Wirksamkeit von Systemen zur Leistungsbewertung BRANCHE 22 Wandel von Führungsstrukturen: Interview mit Karin Guendel Gonzalez und Katja Rejl 24 VAA connect in Essen: Finanzen brauchen Frauen in Führung MELDUNGEN 27 Plasma gegen Krebs Zahngesundheit von Haien Bienen als Sensoren Teilzeit im Trend 28 Adressänderung beim VAA Mikroplastik im Wald Aus FTA wird CURIA Transfers von Elektronen 29 Vermessung des Marskerns Neues aus den Communitys Personalia aus der Chemie 30 Alter als Wettbewerbsvorteil VAA-Jahrbuch zu Start-ups Leistungsdruck in der Schule Schulung für Sprecherausschüsse ULA NACHRICHTEN 31 Kommentar: Europas Erwachen braucht Mut zur Stärke 31 ULA Intern: Diversity und Betriebsrenten im Fokus 32 Führungskräfteumfrage 2025: Reformen brauchen mehr Tempo 34 R esilienz der Demokratie: Gastbeitrag von Dr. Martin von Broock 36 Arbeitszeit: Kommt Zeiterfassung auch für Führungskräfte? 38 Weiterbildung: Aktuelle Seminare des Führungskräfte Instituts 38 Terminvorschau: ULA-Veranstaltungen im Überblick 5 INHALT VAA MAGAZIN OKTOBER 2025

Fotos: Simone Leuschner – VAA 6 VAA MAGAZIN OKTOBER 2025 SPEZIAL

MEHR ALS KAFFEESATZ Wissenschaft und Kuchen Von Caecilia Geismann und Simone Leuschner Das mit Abstand beliebteste Heißgetränk der Deutschen? Kaffee. Im Gesamtranking der meistkonsumierten Getränke sogar auf Platz drei. Obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch im letzten Jahr zurückgegangen ist, erfreut sich das aromatische Koffeingetränk – in den warmen Monaten auch häufig kalt genossen – nach wie vor großer Beliebtheit. Kaffee ist für viele so viel mehr als nur ein Getränk oder ein Muntermacher am Morgen. Er prägt Morgenrituale, verbindet Menschen miteinander und ist mit seinem vertrauten Aroma ein hoch komplexes Zusammenspiel aus organischen Molekülen, thermodynamischen Prozessen und Reaktionsmechanismen. Ihre Liebe zum Kaffee hat Dr. Petra Stegmaier, Chemikerin und VAA-Mitglied, vor vielen Jahren während ihrer Zeit in Italien entdeckt. Zuerst während ihres Auslandssemesters in Pisa, dann nach ihrem Diplomabschluss für ihre Arbeit an einem europäischen Forschungsprojekt in Salerno im Bereich Polymerchemie und anschließend in einer biotechnologischen Forschungsgruppe in Urbino. Insgesamt 25 Monate mit Espresso, Cappuccino und Cornetto. Backen ist wie Chemie Doch nicht nur der Kaffee hat Stegmaiers Italienaufenthalt geprägt, sondern auch das Backen. Gebacken hat sie zwar schon immer gern, aber ihren Horizont um italienisches Gebäck zu erweitern, hat sie geliebt. Backen ist für sie wie Chemie: „So ein Misch- oder Backprozess ist eigentlich ziemlich ähnlich, wie in der Chemie etwas herzustellen.“ Heute arbeitet die gebürtige Mainzerin bei einem in Neuss ansässigen Multitechnologieunternehmen in der Entwicklung für den Bereich E-Mobilität. In ihrer Rolle im Projektmanagement und der Leitung von Technologieentwicklungen sitzt sie viele Stunden am Tag vor dem Bildschirm: „Ich mag meinen Job sehr. Ich habe in meinem Unternehmen schon verschiedene Stationen eingenommen und an verschiedenen Projekten gearbeitet. Ich bin sehr neugierig. Ich mag es, neue Sachen zu lernen, in ein ganz neues Themenfeld reinzugehen. Aber oft kommuniziere ich mit den anderen ausschließlich online, da viele meiner Kollegen in anderen Ländern sitzen.“ Als Tochter von zwei Mathematik- und Physiklehrkräften waren die Wissenschaft und die Neugier auf etwas Neues schon immer Teil ihres Lebens. Auch ihre beiden jüngeren Schwestern sind in naturwissenschaftlichen Bereichen gelandet. Als Ausgleich zu Stegmaiers Arbeit im Unternehmen und der Wissenschaft hat sie 2014 ihr Café „Don Melone“ in Düsseldorf-Unterbilk eröffnet. „Irgendwie war es schon immer mein Traum“, sprudelt es aus ihr heraus. „Der war zwar nicht forciert, aber am Ende habe ich ihn in die Tat umgesetzt.“ Unter der Woche arbeitet Stegmaier also im Bereich Batterieforschung für Elektromobilität und am Wochenende öffnet sie Don Melone für alle, die vorbeikommen und Kaffee als soziales Geschehen erleben wollen. „Ich nehme die Chemie in alle Bereiche meines Lebens mit, denn sie ist überall. Auch hier im Café.“ Jeden Samstagmorgen steht sie in der Küche des Cafés und backt. „Ein Café muss nach Kuchen riechen!“ Und genau danach riecht es im Don Melone: Nach einem Gemisch aus Schokokuchen und Kaffee. Mit Begeisterung erzählt sie, was Kaffee ist: „An sich ist Kaffee eine Extraktion. Durch heißes Wasser werden verschiedene Stoffe im gemahlenen Kaffee gelöst.“ Die promovierte Chemikerin erklärt, u 7 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2025

Beim Brühen von Kaffee werden über 800 Aromastoffe freigesetzt. Jede Rösterei hat ihren eigenen Weg, mit verschiedenen Mischungen und Röstungen ihren eigenen Kaffee zu kreieren. Foto: Sascha Wett – Kaffeeklüngel welche Komponenten eine enorme Bedeutung beim Brühen von Kaffee haben: Mahlgrad, Menge, Temperatur, Druck und Durchlaufzeit. Von der Pflanze zur Kirsche Bevor es jedoch zum Zubereiten des aromatischen Gebräus kommen kann, muss erst einmal das Kaffeemehl – auch Kaffeepulver genannt – produziert werden. Dafür müssen viele Schritte vorher unternommen werden. Die verschiedenen Geschmacksrichtungen eines Kaffees gehen nicht zuletzt auf die Sorte und vor allem auf die Röstung zurück. Auf einer Gesamtfläche von ungefähr zwölf Millionen Hektar werden heutzutage rund 158 Millionen 60-Kilogramm-Säcke Rohkaffee jährlich produziert. Beinahe 99 Prozent entfallen dabei auf die beiden Hauptsorten Arabica und Robusta, schreibt der Deutsche Kaffeeverband. Für den Anbau der sehr sensiblen Kaffeepflanze müssen viele Faktoren beachtet werden. Sie kann nur unter bestimmten klimatischen Bedingungen angebaut werden, sodass dies nur in Ländern rund um den Äquator, dem sogenannten Kaffeegürtel, möglich ist. Die Pflanze benötigt ein ausgeglichenes Klima, Schutz vor Sonne und Wind und außerdem ausreichend Regen. Durch den voranschreitenden Klimawandel werden die Bedingungen durch Extremwetterlagen immer schwieriger. Während Arabicakaffee sehr empfindlich ist und vorrangig bei durchschnittlichen Temperaturen von 18 bis 25 Grad Celsius in Höhen zwischen 600 und 2.000 Metern wächst, ist die Sorte Robusta, wie der Name vermuten lässt, etwas robuster. Sie wächst auch bei etwas höheren Temperaturen, jedoch sollte auch diese nicht zu hoch bei niedriger Luftfeuchtigkeit sein: Robusta bevorzugt regenreiche Gegenden. Sie wächst auf niedrigeren Lagen bis zu 900 Metern. Der Hauptteil der Ernte erfolgt in ungefähr sechs bis acht Wochen pro Jahr. Wann im Jahr geerntet wird, hängt von der geografischen Lage ab. Jeder Baum wird in der Regel nur einmal pro Jahr geerntet. Von der Kirsche zur Bohne Bald nach der Ernte müssen die Früchte aufbereitet werden, da sie nicht transportfähig sind. So werden Fruchthaut, Fruchtfleisch, Pergamenthaut und auch Silberhäutchen in mühevollen Schritten entfernt und die Bohne am Ende getrocknet – es bleibt die Rohkaffeebohne. Nach der Qualitätssortierung – oft per Hand durchgeführt – werden die hellen Bohnen in Säcke abgefüllt und können weltweit exportiert werden. Röstereien können ihren Kaffee entweder direkt von Kaffeeplantagen oder von Zwischenhändlern kaufen. Beim Rösten der Bohne entwickelt sich erst das allseits beliebte Aroma und die dunkle Farbe. „Der Röstvorgang ist ein hoch komplexer chemischer Vorgang mit zahlreichen primären und sekundären Reaktionen, die noch nicht alle vollständig erforscht sind“, erklärt Stegmaier. Zentraler Prozess ist jedoch die „Maillard-Reaktion“ – eine nichtenzymatische Bräunungsreaktion, bei der reduzierende Zucker mit Aminosäuren oder Proteinen bei erhöhter Temperatur ab circa 140 Grad Celsius reagieren. Hier entstehen mehr als 800 Aromastoffe – Rohkaffee an sich ist eher geruchlos. Neben Kaffee tritt die Maillard-Reaktion beispielsweise auch bei Lebensmitteln wie Brot oder Fleisch auf. Verantwortlich für die braune Farbe hierbei sind Melanoidine. Diese sorgen außerdem für eine längere Haltbarkeit. Foto: mommyjarie – Shutterstock 8 VAA MAGAZIN OKTOBER 2025 SPEZIAL

Ich muss also immer wieder eine Prozesskontrolle machen. Vielleicht muss ich den Mahlgrad überprüfen. Ich habe kontinuierlich Werte, die ich überprüfen muss, damit ein gutes Ergebnis entsteht. Es ist wie in der Chemie.“ Petra Stegmaier, Chemikerin und Inhaberin des Cafés „Don Melone“ in Düsseldorf. Jede Rösterei hat ihre eigene Methode, um die Aromen in der Bohne zu entwickeln und dem Kaffee eine persönliche Note zu verleihen. Hierbei kommt es auch auf die verschiedenen Kaffeemischungen an. Im Allgemeinen werden die Bohnen allerdings trocken und fettfrei erhitzt. Temperatur und Dauer sind hier individuell anpassbar. In der Regel gilt: Je heißer, desto kürzer wird geröstet. Einen eher milderen Kaffee erhält man, wenn die Bohne eher hell geröstet wird. Für Zubereitungsarten wie Espresso eignen sich dunklere Röstungen mit mehr Bitteraromen am besten. Beim Rösten verdampft das Wasser in den Bohnen und erzeugt einen erhöhten Innendruck. Gleichzeitig entstehen hier Röstgase in der Bohne. Diese Kombination sorgt dafür, dass sich die Bohnen um fast das Doppelte aufblähen und schlussendlich aufplatzen – es kommt zum „First Crack“. Bei helleren Röstungen wird der Röstvorgang hier beendet, für dunklere wird der „Second Crack“ abgewartet. Nach dem Rösten werden die Kaffeebohnen rasch mit Luft oder Wasser abgekühlt, um ein unkontrolliertes Nachrösten zu verhindern. Anschließend erfolgt entweder die direkte luftdichte Verpackung – als ganze Bohne oder gemahlen – oder eine Zwischenlagerung in speziellen Silos. Dort können die Bohnen über mehrere Stunden bis Tage entgasen, bevor sie endgültig verpackt werden. Dieses kontrollierte Entweichen von Kohlendioxid trägt dazu bei, Aroma und Haltbarkeit des Kaffees zu sichern. Um Kaffee aufbrühen zu können, muss er zunächst gemahlen werden. Der Mahlgrad ist entscheidend für die Zubereitungsart und damit für das Endergebnis. u Foto: LuPa Creative – iStock 9 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2025

Vom Pulver zum Kaffee Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, um Bohnenkaffee zuzubereiten: Filterkaffee, Cold Brew, Mokka, French Press, Espresso – und das seit 1905 auch entkoffeiniert. Jede der Zubereitungsweisen braucht unterschiedlich viel Zeit, damit das Wasser die Aromen und Stoffe wie Koffein löst – so entstehen verschiedene Geschmäcker. Wer sich durch Kaffeeblogs liest, merkt schnell: Auch die Zubereitung ist eine Wissenschaft für sich. Beim Mahlen fängt es an. Auch, wenn bereits gemahlener Kaffee oft kostengünstiger und zeitsparender ist, wird die ganze Bohne zum Selbstmahlen empfohlen, da die Aromen und Inhaltsstoffe in ganzen Kaffeebohnen langsamer entweichen. Eine schon immer beliebte und in der „Kaffeeszene“ wieder populäre Zubereitungsmethode ist das Filtern. Hier gilt: Bei feinem Mahlgrad lösen sich die Aromastoffe besonders gleichmäßig, aber eben auch die Bitterstoffe. Deshalb empfiehlt sich für Filterkaffee ein mittelfeiner bis mittlerer Mahlgrad. Je feiner der Mahlgrad, desto länger braucht das Wasser, um durch den Kaffee und den Filter zu fließen. Als Barista und Chemikerin weiß Petra Stegmaier: „Für Kaffee mit längerer Kontaktzeit zwischen Wasser und Kaffeepulver, wie French Press oder Cold Brew, sollte eher grob gemahlener Kaffee verwendet werden, damit es nicht zu einer Überextraktion und damit zu bitterem und holzigem Geschmack kommt.“ Zusätzlich vermeidet gröberes Kaffeemehl, dass dieses durch das Sieb einer French Press gerät, der Kaffee trüb wird und sandig schmeckt. Die Temperatur des Wassers ist ebenso entscheidend: zwischen 92 und 96 Grad Celsius liegt die Optimaltemperatur, da so die Süßen, Säuren und Bitterstoffe Beim Zubereiten von Filterkaffee kommt es auf die Menge von Kaffee und Wasser, den Mahlgrad und die Wassertemperatur an. Außerdem haben Forschende herausgefunden, dass die Störmungsdynamik des Wassers eine Rolle für den Geschmack spielt. Foto: Reinholz Kaffeerösterei 10 VAA MAGAZIN OKTOBER 2025 SPEZIAL

Friedlich Ferdinand Runge galt als aufstrebender deutscher Chemiker, Doktor der Medizin und Philosoph – er entdeckte im Jahr 1820 die Reinform des Koffeins aus Kaffeebohnen. In einem Experiment übergoss er Arabica-Rohkaffee mit Wasser und ließ den Ansatz für eine bestimmt Zeit stehen. Mit diesem Verfahren isolierte er den Inhaltsstoff, der heute unter dem Begriff Koffein bekannt ist. Runge selbst nannte das Extrakt nicht Koffein, sondern Kaffeebase: Im Kaffeeblog Coffee with Passion wird das Experiment beschrieben: „In seiner Zeitschrift Neueste phytochemische Entdeckungen (S. 158) publizierte Runge im Jahr 1820 sogleich seine Entdeckung: ‚Ohne Zweifel ist die Kaffeebase das Wirksame im Kaffee, aber nimmer wird sie alleine für sich so wirken, wie der Kaffeeaufguss, der eine organische Verbindung der Kaffeesäuren mit der Kaffeebasis ist.‘“ Nur wenige Jahre später wurde das Teein im schwarzen und grünen Tee entdeckt, von dem man lange Zeit dachte, es sei ein eigener Wirkstoff. Tatsächlich seien Koffein und Teein allerdings identisch. Die Verwendung unterschiedlicher Bezeichnungen ist heute eher der Tradition geschuldet als der wissenschaftlichen Einordnung des Wirkstoffes, heißt es im Kaffeeblog. Koffein ist zwar der bekannteste Wirkstoff des Kaffees, aber nur einer von mehr als 1.000 bekannten Wirkstoffen. Rund 40 Prozent der Kaffeewirkstoffe sind verschiedene Kohlenhydrate, Proteine und Lipide. Doch der Hauptwirkstoff Koffein sorgt dafür, dass Menschen wachbleiben, und hat noch zahlreiche andere Auswirkungen auf den menschlichen Körper. Die meisten wissenschaftlichen Studien sehen im maßvollen Konsum von Koffein den Hauptgrund für die positive Wirkung von Kaffee auf die menschliche Gesundheit. Wie wurde Koffein eigentlich entdeckt? besonders ausgewogen extrahiert werden. Nicht nur die Temperatur, sondern auch die Strömungsdynamik des Wassers ist von Bedeutung für die Qualität, wie Forschende der University of Pennsylvania kürzlich herausfanden. Das VAA Magazin hat darüber im Juni dieses Jahres berichtet. Vor dem Brühvorgang wird der Papierfilter – erfunden 1908 von der Dresdner Hausfrau Melitta Bentz – zunächst optimalerweise mit heißem Wasser befeuchtet, wodurch die Celluloseporen geöffnet werden. Dies verbessert die Durchlässigkeit des Filters und verhindert Fremdaromen im Kaffee. Portioniert wird der Kaffee mit etwa ein bis zwei Teelöffeln Kaffeepulver und der ungefähr 14-fachen Menge Wasser pro Tasse. Es folgt das sogenannte Blooming: die etwa zwei- bis dreifache Menge Wasser zum Kaffeemehl in den Filter gießen und ihn für circa 30 Sekunden aufquellen lassen. Hierbei gibt es zwei Ziele: Zum einen wird das beim Rösten gebildete Kohlendioxid freigesetzt, zum anderen dient es zum gleichmäßigen Befeuchten des gesamten Kaffeemehls, wodurch eine homogene Extraktion ermöglicht wird. Danach wird das restliche Wasser in kreisenden Bewegungen über das Kaffeepulver gegossen. Langsam entsteht eine wohlriechende Flüssigkeit bestehend aus Aromen und Koffein, die viele erst richtig weckt. Eine Tasse Filterkaffee (150 Milliliter) hat im Schnitt 60 bis 100 Milligramm Koffein. Hierbei kommt es allerdings auf die Röstung sowie die Kaffeesorte und -mischung an. Auch wenn Koffein für viele der wichtigste Inhaltsstoff ist, trägt es aufgrund seiner weitgehenden Geschmack- und Geruchlosigkeit nicht direkt zum Geschmackserlebnis bei. Seine Bedeutung liegt vielmehr in der physiologischen Wirkung: Müdigkeit wird unterdrückt und Wachheit gefördert. Neun bar und 25 Sekunden Das Zubereiten von Kaffee kann sehr zeitintensiv sein. Deshalb erfand man in Italien im 19. Jahrhundert eine schnellere Zubereitungsart: den Espresso. Hier beträgt die optimale Zubereitungsdauer mit einer Siebträgermaschine 25 Sekunden, erklärt Kaffeeexpertin Petra u Fotos: Simone Leuschner – VAA, Komsan Loonprom – Shutterstock www.coffeewithpassion.de 11 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2025

Stegmaier. „Wenn ich sehe, es ist deutlich länger gelaufen, weiß ich: Irgendetwas ist nicht richtig. Ich muss also immer wieder eine Prozesskontrolle machen. Vielleicht muss ich den Mahlgrad überprüfen. Ich habe kontinuierlich Werte, die ich überprüfen muss, damit ein gutes Ergebnis entsteht. Es ist wie in der Chemie.“ Der Mahlgrad müsse von Maschine zu Maschine und Bohne zu Bohne genau abgestimmt sein, erklärt die Chemikerin weiter. Insgesamt gilt jedoch: Für Espresso wird feines Kaffeepulver benötigt, um eine optimale Extraktion zu ermöglichen. Mit etwa neun bar wird heißer Wasserdampf durch den Kaffee gedrückt. Die Aromen, die Öle und das Koffein werden durch das Wasser gelöst und fließen in die Tasse. Ein optisches Qualitätsmerkmal für einen guten Espresso, ist die sich auf der Oberfläche bildende goldbraune Schicht, die sogenannte Crema. Sie besteht aus fein verteilten Kaffeeölen, Emulsionen und winzigen Gasbläschen, die beim Brühen unter Druck aus dem Kaffeepulver gelöst werden. Sie wirkt auch als Aromaträger: Sie bindet flüchtige Aromastoffe und verhindert ein zu schnelles Fotos: Simone Leuschner – VAA werden in Deutschland pro Kopf pro Jahr konsumiert, dieses Ergebnis veröffentlicht der Deutsche Kaffeeverband mit Sitz in Hamburg im März dieses Jahres. Der Kaffeekonsum verteile sich auf drei Trends: löslichen Kaffee, ganze Bohnen sowie nachhaltig zertifizierte Produkte. Das Segment der ganzen Bohnen sei um knapp zwei Prozent gestiegen und setze damit den positiven Trend der vergangenen Jahre fort. Ganze Bohnen werden besonders häufig in Vollautomaten und Siebträgermaschinen genutzt. Auch nachhaltig zertifizierter Kaffee mit Biosiegel sowie Zertifizierungen von Fairtrade oder Rainforest Alliance werden immer beliebter: Hier gab es einen Anstieg von sogar 8,6 Prozent. „Rund jede fünfte Kaffeepackung trägt inzwischen ein Nachhaltigkeitssiegel“, erklärt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Kaffeeverbandes Holger Preibisch. Rund 163 Liter Kaffee 12 VAA MAGAZIN OKTOBER 2025 SPEZIAL

Entweichen der Düfte, sodass der erste Schluck besonders intensiv wirkt. Genuss im Café Samstagmorgens kommt Stegmaier in ihr Café und backt Kuchen. Schoko, Karotte, Käsekuchen, veganes Bananenbrot und manchmal noch etwas Besonderes – saisonabhängig. „Backen entspannt mich. Alles andere im Café gebe ich gern an meine Mitarbeiterinnen ab, aber diese Entspannungsphase lasse ich mir ungern nehmen.“ Wenn die Kuchen alle gebacken sind und das Café für den Tag vorbereitet ist, macht sich Petra in 25 Sekunden einen mit neun bar zubereiteten Espresso und setzt sich. Don Melone ist ein Begegnungsort: „Wir haben Gäste in jedem Alter und Geschlecht. Wir haben kein W-LAN. Die Leute kommen untereinander und ich komme mit ihnen ins Gespräch – das finde ich toll.“ Oft sitzt Petra in ihrem Café, liest ein Buch, führt Gespräche oder beobachtet die Gäste, die das Zusammenspiel von Aromen in der Luft, im Kaffee und im Gebäck in vollen Zügen genießen. Petra genießt ihren Ausgleich von ihrem Dasein als Fachchemikerin in ihrem Café und hat immer den Bezug zu ihrer Leidenschaft: Chemie.  Foto: Jovanmandic – iStock Dr. Petra Stegmaier im Gespräch über ihre Leidenschaften Backen, Kaffee und Chemie. Foto: Simone Leuschner – VAA 13 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2025

Kaffeekirsche Roastery „Wir sind Kaffeekirsche Roastery – benannt nach der Kaffeekirsche, der Frucht der Kaffeepflanze, wo unsere Wertschöpfung beginnt: direkt beim Ursprung und den Produzierenden, bis hin nach Berlin. Ihr findet uns am Tempelhofer Damm in Tempelhof, wo Rösterei und Café unter einem Dach sind, sowie in der Adalbertstraße in Kreuzberg, wo ihr unseren Kaffee in entspannter Kiezatmosphäre genießen könnt. 2014 gründete Turabi Kaffeekirsche mit der Vision: hochwertigen Kaffee selbst, handwerklich und transparent, herzustellen. Wir rösten sortenrein im Trommelröstverfahren – schonend und mit viel Aromafokus – und leben Kaffee mit Seele: respektvoll, offen und herzlich. Bei uns sind alle willkommen – von der Omi aus dem Kiez bis hin zum echten Kaffeenerd. Du bekommst besten Spezialitätenkaffee, hausgemachten Kuchen und nachhaltig gedachte Details. Wir lieben Naturals! Diese Aufbereitung bringt für uns die ganze Lebendigkeit des Kaffees hervor. Ein aktuelles Highlight ist unser ‚Uraga Raro Boda‘ aus Äthiopien: gewachsen auf 2.300 Metern Höhe in der Region Guji und sonnengetrocknet auf sogenannten Drying Beds. In der Tasse zeigt er sich fruchtig-klar und charaktervoll – mit Noten von roten Beeren, Jasmin und getrockneten Früchten. Und weil wir Abwechslung schätzen, setzen wir immer wieder auf neue Ursprünge, Aufbereitungen und Varietäten – wir haben ständig wechselnde Bohnen, frisch in Berlin geröstet, damit es für uns wie für euch stets spannend bleibt.“ Reinholz Kaffeerösterei „Wir sind die Reinholz Kaffeerösterei aus Fulda, mitten in Deutschland. Dieses Jahr wurden wir schon zum dritten Mal vom Feinschmecker als Hessens beste Rösterei ausgezeichnet – Bohne für Bohne, mit Liebe geröstet! Bei uns dreht sich alles um Kaffee – und die Menschen dahinter. Gründer Heiko reist selbst in die Ursprungsländer, kennt die Farmer persönlich und bringt ihre Geschichten mit. Direkt gehandelter Kaffee bedeutet für uns: faire Bedingungen, mehr Geld für Familien vor Ort und höchste Qualität in jeder Tasse. Unsere Rösterei in Fulda ist mehr als ein Job – jede Bohne wird mit Herzblut geröstet und jede Tasse erzählt eine Geschichte. Wir sind absolute Filterkaffeefans – frisch aufgebrüht, schwarz, so schmeckt man echte Qualität. Lieblingskaffee? Aktuell lieben wir unseren Tukan, ein peruanischer Biokaffee mit Vanille-, Schoko- und Fruchtnoten, und unseren Specialty Coffee ‚Puerto Alegre‘ aus Kolumbien, superfruchtig und exotisch. Jede Tasse zeigt, wie spannend und vielfältig Kaffee sein kann!“ Fotos: Reinholz Kaffeerösterei Fotos: Kaffeekirsche – Jana Abel 14 VAA MAGAZIN OKTOBER 2025 SPEZIAL

Kaffeeklüngel Kaffeemanufaktur roestbar „Unsere Rösterei heißt Kaffeeklüngel Kaffeemanufaktur. Ihr findet uns in unserem Ladenlokal mitten in Köln-Dellbrück, auf der Dellbrücker Hauptstraße. Gegründet habe ich, Mirko Lingk, die Kaffeeklüngel-Manufaktur im Jahr 2020 – mitten in der Coronazeit. Angefangen hat alles mit unseren Kaffee-Fahrradlieferungen, die in Dellbrück schnell viel Zuspruch fanden. Bald darauf nahmen auch eine Weinhandlung und ein Café meine Kaffees ins Sortiment auf. Mein Weg in die Kaffeewelt begann eher zufällig: Über einen Nebenjob als Barista und eine Espressomaschine, die bei einem Umzug niemand wollte. Aus diesem Hobby wurde eine Leidenschaft – und schließlich mein Beruf. Heute rösten wir diverse Espresso- und Filterkaffeeröstungen mit Kaffees aus den Anbaugebieten Brasilien, Peru, Äthiopien, Mexiko und Indien. Transparenz ist uns wichtig: Wir setzen vor allem auf Kaffees kleiner Projekte und Initiativen und können unsere Kaffees teilweise bis auf die einzelne Parzelle zurückverfolgen. Besonders am Herzen liegt mir unser ‚Barblend‘, ein mittelkräftiger Espresso. Er vereint intensive Röstaromen mit einer harmonischen Tiefe – ideal für Espressoliebhaber, die es charaktervoll mögen. Das Besondere ist für mich, dass er meine eigene Entwicklung als Röster widerspiegelt: vom Experimentieren mit Mischungen bis hin zur professionellen Röstung mit konsequentem Qualitätsanspruch.“ „Wir sind die roestbar. Man findet uns im schönen westfälischen Münster an sechs Standorten: roestbar Campus, roestbar Kreuzviertel, roestbar Domgasse, roestbar Rothenburg, roestbar am Ring und das Supernormal – das neueste Konzept der roestbar. Die Geschichte der roestbar beginnt mit einer Tasse äthiopischen Kaffees. Der Geschmack dieses Kaffees hat Sandra und Mario – die Gründer, Inhaber und Geschäftsführenden der roestbar – so überrascht und begeistert, dass sie 2003 die roestbar als eine der ersten Spezialitätenkaffeeröstereien Deutschlands gründeten. Die Vision war damals wie heute: hochwertige Kaffees frisch zu rösten, handwerklich perfekt zuzubereiten und in einem schönen Ambiente mit einem wunderbaren Stück Kuchen oder einer kleinen herzhaften Speise zu servieren. Qualität und Handwerk – sowohl in Hinblick auf Kaffee als auch die Speisen und Interieur – standen von Beginn an im Mittelpunkt. Über die Jahre kamen weitere Kaffeehäuser in Münster hinzu, alle individuell gestaltet, und ergänzt wurde das Ganze um eine Kaffeeschule sowie eine eigene Konditorei. Wir lieben die Vielfalt des Kaffees und glauben, dass es für jeden den richtigen Kaffee gibt. Einen besonderen Platz in unserem Herzen haben äthiopische Kaffees – als Filterkaffee oder Espresso zubereitet. Die sind einfach wahnsinnig komplex, elegant, fruchtig, floral, kräuterig, süß – sie überraschen immer wieder und sind eben der Grund, warum es die roestbar überhaupt gibt.“ Fotos: roestbar Fotos: Kaffeeklüngel – Anna Gross 15 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2025

Dr. Marc Heider ist Director Strategic Asset Development bei der BASF SE. Foto: BASF INTERVIEW MIT DR. MARC HEIDER Betriebliche Altersversorgung: Verlässlichkeit und Transparenz sind Trumpf Für Fach- und Führungskräfte ist die Betriebliche Altersversorgung ein zentraler Bestandteil ihrer finanziellen Zukunftsplanung. Dennoch steht diese sogenannte zweite Säule der Altersvorsorge meist nicht im Fokus der Aufmerksamkeit. Als Vorsitzender der VAAKommission Betriebliche Altersversorgung kennt sich Dr. Marc Heider von der Werksgruppe BASF Ludwigshafen mit betriebsrentenspezifischen Fragen gut aus. Im Interview benennt er die praktischen, individuellen Herausforderungen ebenso wie die strukturellen Schwächen, aber auch Stärken des Systems. Im Gespräch erklärt Heider, warum Transparenz, Rechtssicherheit und eine sachgerechte Umsetzung entscheidend sind – und welche Entwicklungen er zur Absicherung der Betriebsrenten in der Chemie- und Pharmaindustrie für dringend notwendig hält. VAA Magazin: Die Betriebliche Altersversorgung – kurz bAV – ist ein äußerst komplexes Feld, das der VAA mit seiner Kommission seit vielen Jahrzehnten äußerst kompetent begleitet. Was sind denn die größten Herausforderungen für Fach- und Führungskräfte in unserer Branche heute? Heider: Die größte Herausforderung ist aus meiner Sicht die fehlende Kenntnis über die zu erwartenden Leistungen. Viele unserer Mitglieder wissen gar nicht so genau, was sie von ihrer Betrieblichen Altersversorgung eigentlich zu erwarten haben – sowohl bezüglich der Zusagen als auch der tatsächlichen Höhe der ausgezahlten Leistungen. Das liegt zum einen an der Vielzahl an Modellen und Rechtsgrundlagen, zum anderen aber auch daran, dass Informationen nicht immer leicht zugänglich oder verständlich aufbereitet sind. Gibt es da Unterschiede je nach Unternehmen? Definitiv. Wir sehen in unseren Analysen, die wir in der Kommission erstellen, dass selbst zwischen etablierten Großunternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie zum Teil große Unterschiede in der Qualität der bAV bestehen. Das sollte man bei möglichen Jobwechseln immer mit einkalkulieren und sich beim VAA auch einmal informieren. Die Kommission hilft hier gern auf Anfrage weiter. Selbst innerhalb eines Unternehmens kann es große Unterschiede geben – etwa zwischen älteren und neueren Versorgungssystemen, zwischen tariflichen und außertariflichen Angestellten oder zwischen verschiedenen Gesellschaften eines Konzerns. In vielen Chemie- und Pharmaunternehmen gibt es historisch gewachsene Versorgungswerke, die mal mehr, mal weniger gepflegt wurden. Gerade bei Umstrukturierungen oder Fusionen kommt es oft zu Brüchen in der Versorgungsstruktur. Was bedeutet das konkret für die Beschäftigten? Sie können sich immer weniger darauf verlassen, dass alles so bleibt, wie es einmal war. Viele blicken auf ein jahrzehntelanges Berufsleben zurück und erleben dann, dass ihre Versorgung nicht wie erwartet ausfällt. Welche Rolle spielt die Betriebszugehörigkeit bei der Betrieblichen Altersversorgung? Wer früh anfängt, profitiert am meisten. Das zeigt im Prinzip jede Musterrechnung, auch branchenübergreifend. Ein Unterschied von fünf Jahren beim Einstieg kann in der Auszahlungsphase mehrere zehntausend Euro ausmachen, je nach individueller Gehaltsentwicklung. Und auch bei der Unverfallbarkeit der Anwartschaften gibt es mittlerweile kürzere Fristen: Nach 16 VAA MAGAZIN OKTOBER 2025 VAA

dem Betriebsrentenstärkungsgesetz gelten Anwartschaften schon nach drei Jahren Betriebszugehörigkeit als unverfallbar. Das war früher anders und hat die Attraktivität der Betrieblichen Altersversorgung deutlich erhöht. Dennoch schöpft etwa ein Drittel der potenziellen Anspruchsberechtigten in unserer Branche die Möglichkeiten schlicht nicht aus. Dabei handelt es sich vor allem um das Instrument des sogenannten Matchings, das ihnen im wahrsten Sinne des Wortes Geld sichert, indem der Arbeitgeber den Betrag, den der Arbeitnehmer über das Mindestmaß hinaus per Entgeltumwandlung zurücklegt, noch einmal von sich aus „matcht“. Es gibt also noch Luft nach oben, was die Beteiligung angeht. Gibt es Unterschiede je nach Altersgruppe? Absolut. In Deutschland nutzen nur knapp die Hälfte der Menschen unter 35 Jahren die Betriebliche Altersversorgung. Klar, da steht man ja noch am Anfang des Berufslebens. Die Beteiligungsquote steigt nach Anzahl der Berufsjahre an. Je näher die Menschen dem Ruhestand kommen, desto mehr setzen sie sich mit dem Thema auseinander. Das ist aber schon zu spät: Wir sollten dahin kommen, dass die Auseinandersetzung mit diesem Thema früher beginnt – nicht erst zehn Jahre vor Renteneintritt. Was könnte Unternehmen motivieren, die Betriebsrente stärker zu fördern? Betriebliche Altersversorgungssysteme sind ein echter Mehrwert im Wettbewerb um Talente – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels. Die Betriebsrente kann ein starkes Argument sein, sich für einen bestimmten Arbeitgeber zu entscheiden oder ihm treu zu bleiben. Dafür sollten aber Sichtbarkeit, Transparenz und Ansprache stimmen. Welche Rolle spielt der VAA als Unterstützer seiner Mitglieder in solchen Fällen? Wir beraten unsere Mitglieder in allen Problemfällen rund um die Betriebsrente. Unsere Aufgabe ist es, Klarheit und Durchblick zu verschaffen, die Versorgungsansprüche zu prüfen und, wenn nötig, auch mit den Unternehmen in einen Dialog zu treten. In Konfliktfällen kann es durchaus bis vor Gericht gehen. In vielen Fällen konnten wir durch unsere Unterstützung erreichen, dass Ungerechtigkeiten beseitigt und Versorgungszusagen richtiggestellt wurden. Wichtig ist aber auch, dass wir als Verband auf struktureller Ebene Verbesserungen einfordern – etwa durch klare gesetzliche Regelungen oder durch faire Ausgestaltung neuer Modelle. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf? Zum einen in der Kommunikation: Unternehmen sollten offen und verständlich über ihre Versorgungswerke informieren. Transparenz ist hier Trumpf! Auch Themen wie Anpassungspflichten in der Rentenphase oder die Hinterbliebenenversorgung sollten wieder stärker in den Blick genommen werden. Und schließlich: Wir brauchen tragfähige Modelle für die Zukunft, die sowohl für Arbeitgeber als auch für Beschäftigte verlässlich sind. Was raten Sie VAA-Mitgliedern, die sich über ihre eigene Versorgung informieren wollen? Erstens: Nicht warten, sondern bereits ab Berufsbeginn die Altersversorgung und angebotene Optionen im Blick behalten! Zweitens: Die eigenen Unterlagen – Versorgungsordnung, Zusage, Renteninformationen – genau prüfen. Und drittens: Bei Unsicherheit unbedingt unseren Juristischen Service kontaktieren. Die Juristinnen und Juristen in der Geschäftsstelle Köln und im Büro Berlin schauen sich das individuell an und erklären, was zugesagt wurde, was zu erwarten ist und was vielleicht auch problematisch sein könnte. Und in vielen Unternehmen haben wir zudem große Werksgruppen mit Leuten, die sich mit dem Thema ebenfalls gut auskennen und schon einmal einen groben Überblick geben können. Wie schätzen Sie die Zukunft der Betrieblichen Altersversorgung ein? Ich denke, sie bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil des Gesamtpakets für Fach- und Führungskräfte. Aber sie sollte dringend noch verständlicher, transparenter und attraktiver ausgestaltet werden. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, die ja mittelfristig Bestand haben werden, ist die Nachfrage nach einer soliden Betrieblichen Altersversorgung groß. Das merken wir an der wachsenden Zahl an Anfragen. Der VAA wird hier auch in Zukunft ganz genau hinschauen und sich dafür einsetzen, dass die Betriebsrente nicht nur ein Versprechen bleibt, sondern verlässlich eingelöst wird.  Wir brauchen tragfähige Modelle für die Zukunft, die sowohl für Arbeitgeber als auch für Beschäftigte verlässlich sind. Dr. Marc Heider, Director Strategic Asset Development der BASF Sie sprechen neue Modelle an: Wie schätzen Sie die politischen Reformen der letzten Jahre ein, insbesondere das Betriebsrentenstärkungsgesetz? Wissen Sie, die Idee an sich war ja gut: mehr Menschen in die Betriebliche Altersversorgung zu bringen, besonders in kleinen und mittleren Unternehmen – die großen Konzerne verfügen ja bereits seit Jahrzehnten über ihre eigenen, gewachsenen Systeme. In der Praxis hat sich allerdings gezeigt, dass die neuen Modelle wie die sogenannte Zielrente oder der Wegfall der Garantien nicht immer zur Akzeptanz beitragen. Gerade unsere Mitglieder, die als Fach- und Führungskräfte unserer Branche ja viel um die Ohren haben und verantwortungsvolle Aufgaben erledigen, legen Wert auf Verlässlichkeit. Hinzu kommt: Auch steuerlich und in Bezug auf die Beiträge zur Sozialversicherung sind viele Betriebsrentensysteme nicht mehr so richtig attraktiv. Hier sollte aus Sicht der VAA-Kommission Betriebliche Altersversorgung dringend nachgesteuert werden. 17 VAA VAA MAGAZIN OKTOBER 2025

PERFORMANCE MANAGEMENT IN CHEMIE UND PHARMA Zwischen Bonus, Feedback und Kultur: Wohin steuert die Leistungsbeurteilung? Transparenz, Fairness und Wirksamkeit – an diesen Maßstäben sollten sich gute Performance-Management-Systeme messen lassen. Doch wie steht es darum in den Unternehmen der Chemie- und Pharmabranche? Welche Erfahrungen machen Fach- und Führungskräfte? Im Interview mit dem VAA Magazin diskutieren Prof. Christian Grund von der RWTH Aachen, die Vorsitzende der VAA-Kommission Führung Katja Rejl und der Vorsitzende der VAA-Kommission Einkommen Dr. Hans-Dieter Gerriets über gute Leistungsbeurteilungen und den Nachholbedarf in der Industrie. VAA Magazin: Herr Grund, was unterscheidet heutiges Performance Management von den Systemen vor zwanzig Jahren? Grund: Die Landschaft ist heterogen. Unternehmen stehen an unterschiedlichen Punkten, abhängig von Kultur und Reifegrad. Man sieht Zyklen: Ein Problem wird gelöst, es entstehen Folgeprobleme, dann wird gegengesteuert. Ein Beispiel sind frühere Forced-Distribution-Ansätze: Unterschiede sollten sichtbarer werProf. Christian Grund ist Inhaber des Lehrstuhls für Personal an der RWTH Aachen. Foto: Heike Lachmann – RWTH Aachen den, die Nebenwirkungen führten aber vielerorts zum Rückbau. Gleichzeitig ist Performance Management heute strategischer ins Unternehmen eingebettet als früher, aber mit Licht und Schatten. Systeme werden heute stärker mit Unternehmensstrategie verknüpft, was Vorteile hat, aber auch zu Überfrachtung führen kann. Herr Gerriets, Sie sind erst vor Kurzem nach vielen Jahren bei Lanxess in den Ruhestand getreten. Sehr viele Jahre haben Sie mit der VAA-Kommission Einkommen das Thema begleitet. Wie erleben Sie diese Entwicklung? Gerriets: Ganz früher, vor der Ausgliederung von Lanxess, gab es bei meinem damaligen Arbeitgeber bis ins kleinste Detail formulierte Zielvereinbarungen. Nicht selten auf Basis von bis zu einem Dutzend Einzelzielen, die wiederum mit unterschiedlichen Prozentsätzen gewichtet wurden. Zum Termin des Zielreviews bat mich der Chef um einen Vorschlag, bei dem ich einmal rechnerisch auf 104,8 Prozent Zielerreichung kam. Der Chef unterbrach sofort und sagte: „Alles, nur nicht über 100.“ Da war das System für mich erledigt. Solche Rechenexzesse haben das Vertrauen in die Systeme stark beschädigt. Später dann habe ich auch Gegenentwürfe erlebt: Weg von überdrehten Algorithmen, hin zu mehr Einfachheit und Nachvollziehbarkeit, was in der Belegschaft hervorragend ankam. Andererseits hängt heute viel mehr Geld an der Bewertung als vor 30 Jahren: Boni sind nicht mehr nur ein Zubrot. Das verändert das Spiel. Rejl: Oft wird Performance Management als eine Art Krücke genutzt, um Defizite in der Führungskultur zu kompensieren – als Zwang, endlich Dialoge zu führen. Früher schon gab es sehr ausgeklügelte Zielsysteme bis in operative Bereiche, teils fraglich in der Sinnhaftigkeit. In der 18 VAA MAGAZIN OKTOBER 2025 VAA

www.gdch.de/karriere twitter.com/GDCh_Karriere für Chemie und Life Sciences Von Chemikern für Chemiker Nutzen Sie das Netzwerk der GDCh:  Stellenmarkt – Online und in den Nachrichten aus der Chemie  Publikationen rund um die Karriere  CheMento – das GDCh-Mentoringprogramm für chemische Nachwuchskräfte  Coachings und Workshops  Jobbörsen und Vorträge  Einkommensumfrage Gesellschaft Deutscher Chemiker Beratung wiederum dominieren KPIs und Sales, Zielgespräche sind oft Kür statt Pflicht. Jetzt ist das Bild eher durchmischt. Und immer wieder zeigt sich der übergroße Fokus auf Bonus statt auf Führung und Entwicklung. Genau da entsteht Frust. Denn Mitarbeitende fragen nach Anerkennung und Entwicklung, bekommen aber nur eine Zahl. Grund: Performance hat mehrere Dimensionen: Fähigkeit, Anstrengung, Ergebnis. In der Beratung sind sogenannte Billable Hours eine dominante KPI; in vielen anderen Jobs ist die Messbarkeit nicht so klar. Darum braucht es eine belastbare Feedback- und Gesprächskultur – formell und informell. Die Evidenz zeigt: Schon allein regelmäßige Mitarbeitergespräche steigern die Zufriedenheit, das Engagement und das Commitment. Schon ein zusätzliches Gespräch pro Jahr kann messbare Effekte erzeugen. Spannend ist auch die Forschung, wonach kollektiv verknüpfte Bonussysteme häufig besser funktionieren als rein individuelle. Und es gibt Fehlschläge: Ein Feldexperiment zur Anwesenheitsprämie ließ Normen erodieren – die Abwesenheit stieg. Entscheidend ist die kulturelle Passung. Denn was in den USA funktioniert – etwa Auszeichnungen zum „Mitarbeiter des Monats“ –, stößt in Deutschland eher auf Ablehnung. Ziele ändern sich, Krisen wie in den letzten Jahren zeigen das brutal auf. Werden Ziele bei Schocks angepasst? Gerriets: So gut wie nie. Erst kam Corona, dann der Krieg – jedes Mal waren Jahresziele plötzlich Makulatur. Gab es dann unterjährige Anpassungen? In 36 Dienstjahren habe ich das kaum erlebt. Stattdessen hieß es oft: Augen zu und durch, auch wenn Ziele objektiv nicht mehr erreichbar waren und ganz andere Themen hätten Beachtung finden müssen. Grund: Das befördert im Übrigen relative Systeme: Wenn alle gleichermaßen vom Schock betroffen sind, bleibt die Relation – man spart sich Anpassungen. Aber solche relativen Verfahren bringen wiederum eigene Nebenwirkungen mit. Genau diese Schleifen sehe ich immer wieder. Was raten Sie der Branche? Gibt es eigentlich so eine Art Vorbildsystem, das oft funktioniert? Oft implementiert man in guten Zeiten Systeme, die in schlechten Zeiten nachjustiert werden müssen. Die Realität mit ihren wirtschafts- und geopolitischen Schocks zwingt zur permanenten Anpassung.“ Prof. Christian Grund, Inhaber des Lehrstuhls für Personal an der RWTH Aachen. Grund: Pauschale Empfehlungen sind schwierig. Theoretisch ließe sich die VAA-Befindlichkeitsumfrage mit den Einkommensdaten hervorragend kombinieren: Das gäbe spannende Einblicke, wird aber aktuell nicht gemacht, weil die Zusammenführung der Datensätze problematisch ist. Anhand anekdotischer Evidenz werden in einigen Unternehmen kollektive Maße mit geringer Spreizung von Einzelunterschieden positiv wahrgenommen. In US-Firmen fühlten sich Top-Performer in solchen Settings teilweise unterwertschätzt. Es hängt wieder alles an der Einbettung und der Unternehmenskultur. Rejl: Oh ja, denn dieses sogenannte LowPerformer-Management gelingt nur mit einem funktionierenden Prozess. Ohne den richtigen Prozess verschwinden Menschen im Rauschen – geholfen ist ihnen damit nicht. Und selbst wenn „Forced Distribution“ offiziell verschwinden mag, wird sie nicht selten informell doch weiter gewünscht sein – u Katja Rejl ist Vorsitzende der VAAKommission Führung. Foto: privat

mit den bekannten Effekten. Gute Führung heißt eben auch, die Rollen zu schärfen, Aufgaben neu zuzuschneiden und notfalls einen Team- oder Vorgesetztenwechsel zu ermöglichen. Gerriets: Am Ende steht und fällt viel mit der Führungskraft. Wer Mitarbeitende entwickeln will, muss häufig intern kämpfen, und zwar manchmal durch mehrere Ebenen und teilweise bis hoch in den Vorstand. Es kostet Energie, konsequent Feedback zu geben und für Gehaltserhöhungen seiner Mitarbeitenden in der eigenen Linie einzutreten. Das weiß ich aus meiner aktiven Zeit als Vorgesetzter und Sprecherausschuss nur zu gut. Manche kleben dann eben ihre monetären „Pflaster“. Das sind dann kleine Boni statt echter Korrekturen beim Gehalt. So verliert man Leute zur Konkurrenz um die Ecke. Wenn wir Geld und Systeme betrachten, was sehen Sie aktuell aus Perspektive der Wissenschaft, Herr Grund? Grund: In den Daten sah man zuletzt sinkende Boni. Erwartungshaltungen bleiben aber hoch, was ein großes Risiko für Enttäuschungen birgt. Einige Firmen experimentieren mit sogenannten Spot-Boni. Aber hier ist wichtig zu wissen: Je mehr Töpfe es gibt, also Bonus, Spot-Bonus und Fixgehalt, desto komplexer und intransparenter wird das ganze System. Rejl: Ich kenne Spot-Boni auch aus meiner eigenen Erfahrung in einer Pilotphase. Die wurden mit einem Mitarbeitenden-Gremium aufgesetzt. Die Sorge war: Introvertierte Teammitglieder oder auf den ersten Blick nicht „sichtbare“ Beiträge fallen dann einfach durchs Raster. Gerade in der Projektarbeit werden oft leise, aber entscheidende Leistungen übersehen. Gerriets: Ich kenne ja durch die Kommission die Vergütungsmodelle in vielen Unternehmen. Es gibt beispielsweise ein System mit circa 80 Prozent Unternehmensbonus und 20 Prozent Leistungszahlungstopf, über den die Führungskraft frei verfügen kann. Wenn letzterer krisenbedingt zusammengeDr. Hans-Dieter Gerriets ist Vorsitzender der VAA-Kommission Einkommen. Foto: VAA strichen wird, fehlt dem Chef die Möglichkeit der Incentivierung. Und gerade aktuell in der tiefgreifenden Krise der Chemie sind die Corporate-Boni häufig auch nur noch gering oder schon bei null. Gleichzeitig tauchen Spot-Boni auf. Ich nenne mal ein erfundenes, aber realitätsnahes Beispiel: Man hat rund 100 Personen, die jeweils 10.000 Euro für die Umsetzung eines IT-Projekts erhalten. Oder es gibt Sonderzahlungen nach Akquisitionen. Solche Dinge wirken in den Augen der Beschäftigten manchmal „gutsherrenartig“, da sie keinen klaren Regeln über die gesamte Belegschaft hinweg folgen. Und natürlich greifen Führungskräfte dann zu alternativen Töpfen, wenn Fixgehaltsanpassungen gedeckelt sind. Das Ergebnis: Wir haben eine immense Komplexität und wenig Nachvollziehbarkeit. Können Digitalisierung und KI etwas dazu beitragen, diese Komplexität etwas zu entwirren oder verschärfen undurchsichtige Algorithmen nur die Probleme? Grund: Im Performance Management habe ich dazu noch keine belastbaren Befunde. Und es gibt ganz klar Risiken, von der Diskriminierung aus Vergangenheitsdaten über Black-Box-Entscheidungen hin zu fehlender Erklärbarkeit und Akzeptanz bei den Beschäftigten. Ich sage es noch einmal: Transparenz ist hier entscheidend, sonst fehlt das Vertrauen. Hinzu kommt: Will ich denn in einem Unternehmen arbeiten, in dem eine KI alles besser kann und eigenständig entscheidet? Auch das gehört zur Attraktivitätsfrage. Rejl: Gerade informelle Netzwerke stiften Wert, denn sie lassen sich nicht einfach digitalisieren. Unsere Branche implementiert Innovationen ohnehin eher konservativ. Man wird sehen, was in zwei, drei Jahren real ankommt. Wollen Sie einen Blick fünf bis zehn Jahre voraus wagen? Grund: Ich sehe eher Zyklen als eine klare Trendlinie. Natürlich wird Big Data mehr Messung ermöglichen, doch vieles bleibt menschliche Interaktion, etwa Mentoring und Kommunikation zwischen Beschäftigten, die wir nicht per Kamera erfassen können oder wollen. Wirtschaftliche Lagen verändern Rahmenbedingungen: Oft implementiert man in guten Zeiten Systeme, die in schlechten Zeiten nachjustiert werden müssen. Die Realität mit ihren wirtschafts- und geopolitischen Schocks zwingt zur permanenten Anpassung. Gerriets: Dazu kommen Demografie und Arbeitnehmerpräferenzen. Viele jüngere Menschen priorisieren Zeit statt Geld und reduzieren lieber Stunden, als ihr Gehalt zu erhöhen. Das muss man akzeptieren und in Sachen Performance Management berücksichtigen. Grund: Genau. Wir gewinnen hier künftig neue „Währungen“ der Leistungsmessung und der Gratifikation: Arbeitszeit, Weiterbildung, Entwicklung. Wer das versteht, macht Performance Management anschlussfähig an neue Generationen. Rejl: Das ist eine gute Perspektive: weniger reine Bonuslogik, mehr Entwicklung, mehr Zeitkompetenz. So wird es anschlussfähig, sowohl für die Unternehmen als auch die Menschen.  20 VAA MAGAZIN OKTOBER 2025 VAA

Jetzt Panel-Mitglied werden Weitere Informationen unter www.CHEMonitor.com Trendbarometer für die deutsche Chemiebranche! CHEMonitor bildet regelmäßig und systematisch die Bewertung der Standortbedingungen sowie Prognosen zur Investitions- und Beschäftigungsentwicklung ab und greift aktuell diskutierte Themen der Branche auf. © pickup - stock.adobe.com

INTERVIEW MIT KARIN GUENDEL GONZALEZ UND KATJA REJL Wie Bayer das Thema Führung neu denkt Weniger Führungsebenen, größere Teams, neue Rollen: Mit der Einführung des neuartigen Organisationsmodells Dynamic Shared Ownership (DSO) ist die klassische Führungsstruktur im Konzern grundlegend verändert worden. Damit sollen Hierarchien abgebaut, Entscheidungen beschleunigt und die interne Zusammenarbeit gefördert werden. Im Interview mit dem VAA Magazin sprechen Bayer-Geschäftsführerin Karin Guendel Gonzalez, Geschäftsführerin der Bayer CropScience Deutschland GmbH, und die Vorsitzende der VAA-Kommission Führung Katja Rejl über größere Führungsspannen, den Umgang mit betroffenen Beschäftigten sowie die Bedeutung von Vertrauen und Coaching für Führungskräfte. Guendel Gonzalez erklärt dabei auch, wieso der durch DSO in Gang gesetzte Wandel nicht weniger, sondern andere Führung braucht. VAA Magazin: Bei Bayer wird die Führungsstruktur ziemlich tiefgreifend reformiert. Das gilt auch für ihren Unternehmensteil Bayer CropScience. Was hat sich verändert? Guendel Gonzalez: Die Verantwortung für unsere Mitarbeitenden und unser Geschäft bleibt bestehen, aber die Art, wie wir führen, verändert sich grundlegend. Wir haben unsere Führungsstrukturen verschlankt, neue Rollen eingeführt und setzen jetzt auf größere Führungsspannen. Damit geht ein verändertes Führungsverständnis einher: Der Führungsanspruch bleibt, aber wir leben ihn anders – mit einem stärkeren Fokus auf Coaching, Befähigung und Vertrauen. Wir haben heute nur noch eine Führungsebene zwischen der Geschäftsleitung und den Mitarbeitenden – mit Führungsspannen zwischen 20 und 40 Personen. Zuvor hatten viele Teams zwischen drei und etwa 15 Mitarbeitern. Diese Verdichtung stellt hohe Anforderungen an unsere Führungskräfte, es zwingt uns anders zu führen. Auch deshalb haben wir das Modell über zwei Jahre hinweg Schritt für Schritt eingeführt, langsamer als andere Einheiten in unserem Konzern. Am 1. Juni 2024 sind wir mit DSO offiziell live gegangen. Wie lief dieser Prozess ab? Gab es Pilotprojekte? Guendel Gonzalez: Wir haben das gesamte Modell in einer europäischen Designphase mitentwickelt. Unsere Mitarbeitenden und ich selbst auch haben aktiv in DesignKatja Rejl ist Vorsitzende der VAAKommission Führung. Foto: privat Guendel Gonzalez: Alle waren betroffen und wir haben alle konsequent mitgenommen, zum Beispiel mit Aktivierungsworkshops und 90-Tage-Zyklen, in denen wir ausprobieren, lernen und anpassen konnten. Ein zentrales Element ist das klare Setzen von Entscheidungsräumen: Welche Dinge sind unverhandelbar, zum Beispiel aus Compliance-Gründen, und wo haben die Teams neue Entscheidungsfreiheit? Rejl: Werden durch die neuen Strukturen die Entscheidungen tatsächlich schneller getroffen? Bei uns in der Kommission gibt es Stimmen, dass die Geschwindigkeit zunimmt, weil viel mehr Entscheidungsfreiheit beim größeren Team liege. Andere berichten wiederum, dass es Themen gebe, die am Ende doch eine Führungskraft entscheiden müsse. DaSeit März 2023 ist Karin Guendel Gonzalez Geschäftsführerin der Bayer CropScience Deutschland GmbH. Foto: Bayer Build-Teams mitgearbeitet, damit dieses Konzept zu uns passt und nicht einfach von außen übernommen wird. Pilotländer sind uns vorausgegangen, wir selbst konnten zunächst Erfahrungen sammeln, bevor wir unser Modell vollständig umsetzen, und konnten so auch bereits Gelerntes in unser Konzept einfließen lassen. Wir sind bewusst in Etappen vorgegangen: Zuerst haben wir die Kundenteams neu aufgebaut, dann die restliche Organisation angepasst. Es war uns sehr wichtig, in der absoluten Nähe unserer Kunden mit den Anpassungen zu beginnen und die Organisation von dort aus aufzubauen. Rejl: Was bedeutet das neue Führungsmodell eigentlich für die Mitarbeitenden? Wurden sie konkret einbezogen oder „an die Hand genommen“? Gab es Beschäftigte und Führungskräfte, die vom Wandel nicht betroffen waren? 22 VAA MAGAZIN OKTOBER 2025 BRANCHE

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