Zeitschrift für Fach- und Führungskräfte OKTOBER 2026 Lieferketten unter Druck RESILIENTE WERTSCHÖPFUNG RECHT Interview zum Zeugnisrecht WIRTSCHAFTSPOLITIK Außenhandel mit China MITBESTIMMUNG Tagung der Aufsichtsräte
1 2 3 Präsentationsplattform aufrufen Einmalige Registrierung unter der URL https://vaa.rahmenvereinbarungen.de mittels Firmen E-Mail-Adresse Sofort attraktive Angebote wahrnehmen 20% Registrieren und sparen. Exklusiv für VAA-Mitglieder Erhalten Sie besondere Rabatte auf Reisen, Mode, Technik und vieles mehr bei über 230 Top-Anbietern!
Dr. Birgit Schwab 1. Vorsitzende des Vorstands VAA Foto: Silke Steinraths Photography – VAA Politisch befindet sich Deutschland in einem Herbst, der heißer und zugleich holpriger kaum sein könnte. Parallel zieht der weltweite Krisenwirbel weiter kräftig an. Trotzdem scheint die Industrie hierzulande nach einer langen Schwächephase erste Anzeichen einer Stabilisierung zu zeigen. Dies hat auch der Chemieverband VCI in seiner Publikation „Business Worldwide“ kürzlich festgestellt. Demnach ziehen in einzelnen Märkten die Nachfrage und die Preise wieder an, wovon die Chemie- und Pharmabranche hierzulande zum Teil profitiert. Was jedoch bestehen bleibt, so der VCI, sind strukturelle Wettbewerbsnachteile, schwache Investitionen und Unsicherheiten im Welthandel. All dies bremse eine nachhaltige Erholung und sorge für ein langfristig herausforderndes Umfeld. Das belegen auch die jüngsten Werksschließungen in der Branche, die Forschung, Entwicklung und Produktion unter Druck setzen. Herausforderungen und Krisen haben schon immer zum Alltagsgeschäft von Unternehmen gehört. Neu sind ihr Tempo und ihre zunehmende Gleichzeitigkeit, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Ob Handelskonflikte, Kriege, Extremwetter oder Rohstoffengpässe: Die Rahmenbedingungen von Wertschöpfungsketten verändern sich in immer kürzeren Abständen. Was gestern noch als sicherer Beschaffungsweg galt, kann morgen bereits zum Risikofaktor werden. Die Chemie- und Pharmaindustrie, die sich in der Wertschöpfung näher an der Rohstoffseite befindet als andere Sektoren, spürt das unmittelbar. Damit beschäftigt sich das Spezial auf den Seiten sechs bis 19. Die Vorstellung von einer verlässlichen Ordnung, auf der viele Lieferkettensysteme über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurden, gehört zunehmend der Vergangenheit an. Doch die Politik spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, weil sie mit einer klügeren Wirtschaftspolitik Einfluss auf die Rahmenbedingungen nehmen könnte. Was dazu nötig wäre, erläutert Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in seinem Gastbeitrag auf den Seiten 24 und 25. Darin geht es um mögliche Maßnahmen auf EU-Ebene gegen die zum Teil wettbewerbswidrige Schwemme an günstigen Kunststoff- und Chemieprodukten beispielsweise aus bestimmten asiatischen Märkten. In einer Welt, die komplexer und unübersichtlicher geworden ist, kommt es darauf an, Transparenz und Entscheidungsfreiheit zurückzugewinnen. Wir alle sind hier gefordert, indem wir gemeinsam an den Lösungen arbeiten und ein besseres Verständnis von den Zusammenhängen entwickeln. Die neue Unberechenbarkeit verstehen lernen 3 EDITORIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2026
VAA MAGAZIN – Oktober 2026 6 SPEZIAL Coverfoto: Industryview – iStock Foto: Miragest – iStock Resilienz der Industriewertschöpfung: Belastungsprobe für die Lieferketten 4 VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 INHALT
Inhalt – VAA 20 Unternehmensmitbestimmung: Herbsttagung der Aufsichtsräte in Erfurt 22 Sozialpartnerschaft: BAVC und VAA laden zur Sozialpartnerveranstaltung nach Köln POLITIK 24 G astbeitrag von Jürgen Matthes: Ausgleich von Wettbewerbsverzerrungen im Handel mit China BRANCHE 26 VAA connect: Jubiläumsveranstaltung bei Covestro 27 Interview mit Almuth Schult: Stargast des VAA-connect-Events rät zu neuem Denken und mehr Mut MELDUNGEN 28 Aktivierung von Immunzellen Zersetzung von PFAS Wechsel von Arbeitgebern Versammlung der BASF-Werksgruppe 29 Vermessung von Molekülen Neues aus den Communitys Personalia aus der Chemie 30 Führung und Gesundheit Aminosäuren mit Pufferfunktion Evolution von Enzymen Nutzung von Homeoffice ULA NACHRICHTEN 31 Kommentar: Wahlen als Warnsignale für klaren Reformkurs 31 ULA intern: Verstärkung in der ULA-Geschäftsstelle 32 Flexicurity: Dänemark als Vorbild 34 Altersvorsorge: Zukunft der Rente 36 Pro und contra: Debatte um den Kündigungsschutz 37 Notizen aus Berlin: Nachruf und Führungskräfte-Dialog 38 Weiterbildung: Aktuelle Seminare des Führungskräfte Instituts 38 Terminvorschau: ULA-Veranstaltungen im Überblick RECHT 39 Interview mit Ida Tolksdorf: Worauf achten beim Arbeitszeugnis? 42 Urteil: Mitbestimmung in Matrixstrukturen 60PLUS 44 VAA-Pensionärsreise: Erlebnisse in Schwerin LEHMANNS DESTILLAT 46 Satirische Kolumne: Parforceritt von KI zum Kanzlerleid VERMISCHTES 47 ChemieGeschichte(n): Waschmittel als Werbestar im Fernsehen 48 Glückwünsche 49 Sudoku, Kreuzworträtsel 50 Leserbriefe, Feedback, Termine, Vorschau, Impressum 5 INHALT VAA MAGAZIN OKTOBER 2026
6 VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 SPEZIAL
Foto: ttart – iStock Mehr Kräfte für die Ketten Von Timur Slapke und Simone Leuschner Lange Zeit haben sich Chemieunternehmen in Westeuropa komfortabel aufgestellt, nicht zuletzt durch den Handel mit Russland, einem scheinbar verlässlichen Partner. Öl und Gas waren über Pipelines vergleichsweise einfach und preiswert verfügbar. Dann begann im Februar 2022 Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine: Jahrzehntelang bewährte Versorgungswege sind weggefallen, im Eiltempo wurden neue Bezugsquellen für Erd- und Flüssiggas beispielsweise am Persischen Golf und in den USA erschlossen. Doch auch diese Alternativen bergen erhebliche Risiken. Denn die äußerst volatile US-Handels- und Zollpolitik, ein aggressiv durch China geführter Rohstoff- und Verdrängungswettbewerb sowie zuletzt der Irankrieg sorgen für institutionalisiertes Chaos in Permanenz: Schlüsselrohstoffe können zum Teil gar nicht mehr exportiert werden und die Verladeinfrastruktur in zahlreichen Häfen vor allem im Nahen Osten ist beschädigt. Lieferketten rund um den Globus sind fragil wie nie zuvor. Was Unternehmen brauchen, sind innovative Ideen zur Diversifizierung und Stärkung der Resilienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Wertschöpfung im Stresstest Mitte September 2026 haben 18 der weltweit wichtigsten Schifffahrtsnationen in Europa, Asien und Nordamerika eindringlich vor einem Zusammenbruch der globalen Lieferketten und der Regeln für die internationale Schifffahrt gewarnt. In ihrer ersten öffentlichen Erklärung seit über 60 Jahren spricht die Consultative Shipping Group (CSG) davon, dass „die Weltwirtschaft, wie wir sie kennen“, abrupt zum Stillstand zu kommen drohe. Bei der CSG handelt es sich um einen informellen Zusammenschluss der Seeverkehrsbehörden von Seenationen wie Deutschland, Dänemark, Frankreich, Japan, Südkorea und dem Vereinigten Königreich. Die CSG-Mitglieder teilen dieselben Werte und Grundsätze hinsichtlich eines offenen und ungehinderten Zugangs zu den internationalen Schifffahrtsmärkten sowie dasselbe gemeinsame Bekenntnis zur Förderung eines freien und fairen Wettbewerbs und gleicher Wettbewerbsbedingungen in der globalen Schifffahrt. Die Krisen der vergangenen Jahre, darunter die Coronapandemie, Russlands Krieg gegen die Ukraine, die Dürre am Panamakanal sowie der ungelöste Konflikt im Nahen Osten seien der CSG zufolge „keine vereinzelten Schocks, sondern Anzeichen eines strukturellen Wandels im Betriebsumfeld des Welthandels“. u 7 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2026
Es gibt jedoch Lichtblicke. So hat sich die Materialversorgung der Industrie in Deutschland im Juli 2026 leicht verbessert. Einer Umfrage des ifo Instituts zufolge haben 13,7 Prozent der Unternehmen von Problemen bei der Beschaffung von Vorprodukten berichtet, nachdem der Anteil im Vormonat noch bei 17,2 Prozent gelegen hatte. In der chemischen Industrie ist der Anteil der Unternehmen mit Materialengpässen sogar von 29,5 auf 13,8 Prozent gesunken. Dennoch bleibt die Lage vor allem wegen der geopolitischen Situation rund um die Straße von Hormus angespannt. Nicht nur das ifo Institut verweist auf die anhaltende Anfälligkeit internationaler Lieferketten. Laut einer VCI-Mitgliederbefragung haben bereits im Mai dieses Jahres 53 Prozent der Unternehmen Lieferengpässe als die größten Auswirkungen des Irankriegs gesehen. 84 Prozent gaben gestiegene Transportkosten an und 41 Prozent wollten ihre Lieferketten anpassen. Im Sommer 2026 hat das britische Nachrichtenmagazin The Economist Expertinnen und Experten befragt und Daten analysiert, um ein „Hormus-Abhängigkeits-Dashboard“ zu erstellen und diese Behauptungen zu überprüfen. Laut dem Dashboard lassen sich daraus drei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens variiere die Durchschlagskraft der iranischen Bedrohung je nach Rohstoff und Land. Zweitens werde die Fähigkeit Irans, aus der Meerenge Kapital zu schlagen, zwar abnehmen, aber möglicherweise nie ganz verschwinden. Drittens werde der strategische Einfluss des Landes selbst dann, wenn die „Gebühren“ im Laufe der Zeit sinken oder wegfallen, nicht zwangsläufig im gleichen Maße nachlassen: Tatsächlich könnte er sich sogar noch verstärken, wenn das Regime seinen regionalen Einfluss institutionalisiert. Die Analyse des The Economist legt also nahe, dass Iran die Straße von Hormus noch einige Zeit als Druckmittel einsetzen und daraus Kapital schlagen kann. Hinzu kommen Bedrohungen des Schiffsverkehrs in der Meerenge Bab alMandab, einer weiteren wichtigen Handelsroute im Nahen Osten, durch die Huthis in Jemen. Erst vor Kurzem haben die von Iran unterstützten Rebellen dort zusätzlich zur Hafenstadt Mokka auch die strategisch wichtige Insel Perim eingenommen und ihre Attacken auf SaudiArabien verschärft. Auch über den Landweg sind Umleitungen der Handelsströme keinesfalls sicher, da Sicherheitsrisiken hier ebenfalls zum Tragen kommen. Denn Pipelines, auf dem Landweg wie zur See, sind genauso potenzielle Angriffsziele wie Gasterminals in den Häfen. Und seit jeher brauchen Großprojekte wie beispielsweise neue Pipelines, die zurzeit quer durch die Region neu geplant werden, viel Zeit – und werden oft am Ende nie realisiert. Lieferketten in Geiselhaft Natürlich waren Lieferketten auch früher nicht einfach nur linear. Das klassische Lehrbuchbild einer Kette vom Rohstoff zum Endprodukt ist längst überholt, vielmehr sind Industrielieferketten eher mit breit gefächerten und weitverzweigten Baumstrukturen zu vergleichen. Schon seit vielen Jahren müssen Unternehmen ihre Lieferwege und Wertschöpfungsketten immer wieder an neue Krisen anpassen. Ob Piraterie vor afrikanischen und asiatischen Küsten oder Frachtschiffe, die in Wasserstraßen wie dem Suezkanal auf Grund laufen und den Schiffsverkehr blockieren: Wie groß die gegenseitigen Abhängigkeiten globaler Lieferketten sind und wie schnell es zu erheblichen Verzögerungen kommen kann, wissen Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Branchen seit vielen Jahren. Heute spüren Chemieunternehmen zunehmend Situationen, in denen Staaten ganze Wertschöpfungsketten faktisch in Geiselhaft nehmen können, weil sie Zugriff auf strategisch wichtige Rohstoffe oder Transportwege haben. In der Industrie besteht die Sorge, dass solche Entwicklungen Schule machen könnten. Denn andere Länder, nicht zuletzt China, verfügen ebenfalls über den Zugriff auf kritische Rohstoffe oder knappe Ressourcen und könnten versuchen, daraus politische oder wirtschaftliche Vorteile zu ziehen. In seiner ersten Amtszeit von 2017 bis 2020 hat US-Präsident Donald Trump klar zu verstehen gegeben, dass auch aus Partnern sehr schnell wirtschaftliche Konkurrenten werden. Seit seinem zweiten Amtsantritt im Januar 2025 setzt Trump fast ausschließlich auf hardball statt sweettalk – zumindest bei vermeintlichen Bündnispartnern – und setzt mehr denn je auf eine rigorose Zollpolitik. Zum Teil richtet sich das tatsächlich gegen fragwürdige Handelspraktiken, zu einem großen Teil aber auch gegen traditionelle Verbündete wie europäische Staaten und Kanada, das zuletzt nochmals stärker ins Trumpsche Visier geraten ist. Für Unternehmen entstehen so in der tagtäglichen Planungsarbeit enorme Herausforderungen, weil Belastungen schwieriger zu kalkulieren sind und sich die wirtschaftlich sinnvollsten Lieferwege laufend verändern. Klimawandel befeuert Krisenklima Man braucht nicht in die Ferne zu schauen, um bedrohte Transportwege zu sehen. Waldbrände haben zeitweise dazu geführt, dass Gebiete in Frankreich und Spanien nur eingeschränkt erreichbar waren. Extreme Schneefälle in Osteuropa haben Lieferwege blockiert. Das Niedrigwasser in den Sommermonaten auf dem Rhein und anderen Wasserwegen in Europa hat Lieferketten ebenfalls empfindlich gestört, weil Schiffe nur mit eingeschränkter Ladung fahren konnten oder Transporte ganz ausgefallen sind. Die Folge: höhere Logistikkosten, Versorgungsrisiken und Belastungen für die Produktion. Aktuellen Daten des VCI zufolge wurden 2025 rund 19,3 Millionen Tonnen chemisch-pharmazeutischer Erzeugnisse in Deutschland per Binnenschiff transportiert. Die Bedeutung der Binnenwasserstraßen geht jedoch weit über den Absatz von Chemieprodukten hinaus. Besonders kritisch ist der Transport von Rohstoffen und Vorprodukten zu den Standorten. Hinzu kommt die Bedeutung für die Kühlung der Anlagen und zur Dampferzeugung. Der reale Klimawandel verändert Transportbedingungen also ganz konkret „vor der Tür“. u 8 VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 SPEZIAL
Fotos: Gorodenkoff – Shutterstock, Hispanolistic – iStock, AvogatorPhotographer – iStock, Backiris – iStock 9 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2026
Fotos: Mayy Contributor – Shutterstock, andresr – iStock, Andrey Popov – iStock „In einer Lieferkette hängen Lieferanten, Produktionsstandorte, Transportwege, Lagerbestände und Kundenbedarfe eng zusammen. Eine Veränderung an einer Stelle kann Auswirkungen auf das gesamte System haben.“ Dr. Lukas Glomb, Forscher am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS und Gastwissenschaftler an der Technischen Universität Nürnberg (UTN). Ob eine Lieferung ausbleibt, entscheidet sich mitunter lange vor dem Werkstor: Ein Rohstoff fehlt, ein Schiff verspätet sich, eine Anlage beim Zulieferer steht still. Für das betroffene Chemieunternehmen beginnt dann die Suche nach einer Alternative. Doch ein anderer Anbieter allein löst das Problem nicht. Sein Material muss sich verarbeiten lassen, die benötigte Menge muss verfügbar sein und rechtzeitig ankommen. Wie viel Spielraum ein Unternehmen in solchen Situationen hat, hängt auch davon ab, wie seine Produktion aufgebaut ist. Ein Beispiel dafür liefert Oxeno. Für die Tochtergesellschaft von Evonik laufen derzeit Verkaufspläne, die der Konzern am 22. September 2026 im Rahmen seiner strategischen Neuaufstellung bestätigt hat. Unabhängig davon gilt Oxeno weiterhin als interessantes Beispiel für den Umgang mit Rohstoffflexibilität und Produktionsverbünden. Das Unternehmen betreibt in Marl und Antwerpen aufeinander abgestimmte Produktionsverbünde für C4-Chemikalien. Hinter dem Kürzel stehen Kohlenwasserstoffe mit vier Kohlenstoffatomen. Aus diesen Ausgangsstoffen entstehen unter anderem Bausteine für Kunststoffe und synthetischen Kautschuk. Die Produkte gelangen über die verarbeitende Industrie bis in Autoreifen, Verpackungen oder Bodenbeläge. Eine Störung am Anfang dieser Stoffströme kann damit Branchen treffen, die auf den ersten Blick wenig miteinander verbindet. 10 VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 SPEZIAL
Dr. Lukas Glomb forscht am FraunhoferInstitut für Integrierte Schaltungen IIS und ist Gastwissenschaftler an der Technischen Universität Nürnberg (UTN) in der Forschungsgruppe „Analytics and Optimization“ um Prof. Alexander Martin. Gemeinsam mit seinem Team entwickelt Glomb Methoden zur Lieferkettenoptimierung nicht losgelöst von der Praxis, sondern gemeinsam mit Anwendungspartnern aus der Industrie für konkrete Entscheidungssituationen. VAA Magazin: Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation von Lieferketten für Unternehmen zu diesen geopolitisch schwierigen Zeiten? Wo liegen die Herausforderungen? Glomb: Lieferketten sind heute weniger von einem einzelnen großen Engpass geprägt, sondern von einer dauerhaften Kombination verschiedener Risiken. Geopolitische Konflikte, Handelskonflikte, schwankende Energie- und Rohstoffpreise sowie Störungen wichtiger Transportwege können gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken. Für Unternehmen bedeutet das, dass eine Optimierung auf möglichst niedrige Kosten allein nicht mehr ausreicht. Man muss sich zunehmend fragen: Wie funktioniert meine Lieferkette auch dann noch, wenn sich die Rahmenbedingungen kurzfristig ändern? Genau darin liegt aus meiner Sicht die zentrale Herausforderung: Effizienz und Resilienz miteinander zu verbinden. Ein zusätzlicher Lieferant oder größere Lagerbestände machen eine Lieferkette robuster, verursachen aber gleichzeitig Kosten. Aus Sicht der Mathematik ist das eine klassische Optimierungsaufgabe – nur eben unter Unsicherheit. Je nach Fragestellung kommen dabei beispielsweise robuste oder stochastische Optimierungsmodelle zum Einsatz. Die vergangenen Krisen haben gezeigt, dass Unternehmen deshalb zunehmend versuchen, Lieferanten zu diversifizieren, alternative Transportwege aufzubauen und kritische Bestände gezielter abzusichern. Ist es ratsam, Lieferketten neu zu definieren, anders zu steuern und durch mehr eigene Produktionen in Deutschland zu unterstützen? Ich würde weniger von einer vollständigen Neudefinition sprechen, sondern von einer veränderten Sichtweise auf Lieferketten. Sie sollten stärker als strategische, vernetzte Systeme verstanden werden und nicht nur als operative, isolierte Prozesse. Das bedeutet auch nicht automatisch, alles wieder selbst zu produzieren. Eine stärkere Produktion in Deutschland oder Europa kann bei kritischen Produkten sinnvoll sein, aber sie ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. Ebenso wichtig sind beispielsweise die Diversifizierung von Lieferanten, alternative Transportwege oder gezielt aufgebaute Lagerpuffer. Die entscheidende Frage ist daher nicht „Was muss ich unbedingt selbst produzieren?“, sondern „Welche Abhängigkeiten kann ich akzeptieren und welche Risiken möchte ich absichern?“. Mathematisch betrachtet geht es darum, mehrere Ziele gleichzeitig zu berücksichtigen: Kosten, Versorgungssicherheit, Kapazitäten und zunehmend auch Resilienz oder Nachhaltigkeit. Aus dem klassischen „Minimum Cost“ wird damit eher ein Optimierungsproblem mit mehreren Zielgrößen und Nebenbedingungen, das unterschiedliche Szenarien und Risiken berücksichtigen muss. Wie kann hier Digitalisierung helfen? Gibt es Tools zur Optimierung? Digitalisierung schafft zunächst die Datengrundlage, um Lieferketten transparenter zu machen und schneller auf Veränderungen zu reagieren. Daten aus ERP- und Produktionssystemen, aber auch Echtzeitinformationen können helfen, den aktuellen Zustand einer Lieferkette besser abzubilden. Der nächste Schritt ist die Verbindung dieser Daten mit mathematischer Optimierung. Ein Optimierungsmodell kann beispielsweise berechnen, welche Lieferanten, Produktionsstandorte, Lagerbestände oder Transportwege unter bestimmten Bedingungen sinnvoll sind. Viele dieser Entscheidungen lassen sich als gemischtganzzahlige Optimierungsprobleme formulieren – etwa, wenn es darum geht, ob ein Lieferant genutzt, ein Standort eröffnet oder eine Transportverbindung gewählt wird. Besonders interessant wird die Kombination mit KI-gestützter Prognose: KI kann beispielsweise Nachfrage, Lieferzeiten oder Ausfälle prognostizieren – die Optimierung entscheidet anschließend, was daraus konkret folgt. Dennoch ist wichtig zu berücksichtigen: Prognosen sind nie perfekt. Deshalb berücksichtigen mathematische Optimierungsmethoden die verbleibenden Unsicherheiten und ermöglichen so wirklich robuste Lösungen. Vereinfacht gesagt: Predict with AI, decide with Optimization. Ein wichtiger Vorteil daran ist auch die Flexibilität in der Umsetzung: Ein einmal berechneter Plan muss nicht unverändert durchgeführt werden. Mit dynamischen Reoptimierungsansätzen können Entscheidungen laufend aktualisiert werden, sobald neue Informationen vorliegen. Foto: Paul Pulkert – Fraunhofer IIS Interview mit Dr. Lukas Glomb: Verbindung von Effizienz und Resilienz als zentrale Herausforderung Oxeno beschreibt auf seiner Produktionsseite, wie weit die Verarbeitung innerhalb des eigenen Systems reicht: Sämtliche Kohlenwasserstoffe des eingesetzten C4-Schnitts würden zu Produkten umgesetzt. Ein solcher Schnitt ist ein Gemisch verschiedener Verbindungen, das zunächst aufgetrennt und weiterverarbeitet werden muss. Wie gut das gelingt, beeinflusst den wirtschaftlichen Nutzen des Rohstoffs. Bei knapper oder teurer Versorgung gewinnt daher auch die Frage an Gewicht, wie viel verwertbares Produkt sich aus dem vorhandenen Material herstellen lässt. Dass Widerstandskraft mehr umfasst als zusätzliche Vorräte, betont das Unternehmen auch in einer Mitteilung vom 16. September 2026 zu seinem neuen Resilienzpapier. Evonik Oxeno nennt darin effiziente Prozesse, Innovationen, Partnerschaften und regionale Produktionsnetzwerke als wichtige Ansatzpunkte. Hinzu kommen aus Unternehmenssicht wettbewerbsfähige Energiepreise und schnellere Genehmigungen. Die Veröffentlichung beschreibt damit zugleich die Grenzen betrieblicher Vorsorge: Unternehmen können ihre Verfahren verbessern, aber die wirtschaftlichen Bedingungen ihrer Standorte nicht allein bestimmen. Mehr Spielraum beim Rohstoff Konkret wird diese Vorsorge bei der Wahl des Einsatzmaterials. Oxeno verarbeitet neben dem üblichen Crack-C4 auch FCCC4 aus Raffinerien. Das zusätzliche Material stammt aus einem anderen Verfahrensweg und kann nicht ohne entsprechende Aufbereitung in die bestehende Produktion eingespeist werden. Nach Unternehmensangaben ermöglicht die in Marl eingesetzte Technologie diese Erweiterung der Rohstoffbasis seit 2015. Eine Alternative in der Beschaffung wurde hier also durch Verfahrenstechnik überhaupt erst nutzbar. In einem öffentlich zugänglichen Projektbericht erläutert Evonik einen weiteren Ausbau dieser Möglichkeit. Durch eine veränderte Verschaltung von Anlagen und die gezielte Beseitigung von Engpässen ließ sich die FCC-C4-Verarbeitungs- u 11 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2026
kapazität einer Raffinat-Anlage demnach um 25 Prozent erhöhen. Das Unternehmen beziffert die Investition auf einen unteren einstelligen Euro-Millionenbetrag. Die Inbetriebnahme datiert der Bericht auf Mai 2018. Es handelt sich somit um ein länger zurückliegendes Beispiel, nicht um eine Reaktion auf die jüngsten geopolitischen Krisen. Der Bericht verweist außerdem auf eine erhöhte Entladekapazität für Bahnkesselwagen in den Marler Hafenbetrieben. Denn eine Anlage kann nur dann mehr von einem Rohstoff verarbeiten, wenn dieser auch in ausreichender Menge zu ihr gelangt. Die Verbesserung im Reaktor und die Verbesserung an der Entladestelle gehören zur selben Versorgungsaufgabe. Wer ausschließlich auf die Produktionskapazität schaut, übersieht möglicherweise den nächsten Engpass wenige hundert Meter entfernt. Dieses Beispiel zeigt, wie viel Vorbereitung nötig sein kann, bevor eine zweite Materialquelle zur echten Option wird. Außerdem müssen technisch denkbare Alternativen auch wirtschaftlich funktionieren. Gase aus der Nachbarschaft Eine andere Form der regionalen Versorgung zeigt Air Liquide. Der Industriegasanbieter beliefert große Kunden unter anderem aus der Chemie und Metallurgie über eigene Anlagen und ausgedehnte Pipelinenetze. Im Geschäftsbereich Large Industries führt das Unternehmen insgesamt mehr als 300 große Luftzerlegungsanlagen und insgesamt über 9.700 Kilometer Leitungsnetze auf. Zu den gelieferten Gasen gehören Sauerstoff, Stickstoff, Argon, Wasserstoff und Kohlenmonoxid. Solche Gase sind für industrielle Prozesse unverzichtbar, auch wenn sie im fertigen Produkt nicht unmittelbar erkennbar sind. Air Liquide nennt für die Chemie etwa den Einsatz von Stickstoff zur sogenannten Inertisierung, um eine reaktionsträge Atmosphäre in Anlagen herzustellen. In Produktionsprozessen werden Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlenmonoxid verwendet. Das Unternehmen betreibt außerdem Anlagen, die Kunden mit Dampf und Strom versorgen. Damit reichen die Lieferbeziehungen bis in die laufende Betriebsfähigkeit eines Werks hinein. Bei der Luftzerlegung werden Sauerstoff, Stickstoff und Argon aus der Umgebungsluft industriell voneinander getrennt. Anders als bei einem importierten Spezialrohstoff ist hier nicht die Verfügbarkeit einer weit entfernten Lagerstätte das Problem, sondern die Energie, um nutzbares Gas in der erforderlichen Qualität bereitzustellen. Die räumliche Nähe zu den Kunden garantiert deshalb noch keine Unabhängigkeit von anderen Versorgungsleistungen. Wo Gas über Leitungen und Pipelines ankommt, muss diese Lieferung nicht regelmäßig per Fahrzeug zu den Abnehmern gebracht werden. Dafür hängt sie von der angeschlossenen Infrastruktur ab. Ausfälle lassen sich hier nicht dadurch lösen, dass ein anderer Spediteur beauftragt wird: Ob eine Ersatzversorgung technisch und mengenmäßig möglich ist, muss immer für den konkreten Anschluss geprüft werden. Kombination aus Mathe und KI Ob bei Air Liquide, Evonik oder anderen Großunternehmen der Chemie- und Pharmabranche: In Krisenfällen kommt es entscheidend auf gute Planungsszenarien an, die es erlauben, Annahmen gezielt zu verändern und ihre Folgen zu vergleichen. Vor allem erleichtert genaue Planung die schnelle praktische Umsetzung. Eng mit der Praxis arbeitet auch Dr. Lukas Glomb vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS zusammen. Die Fragestellungen, mit denen sich sein Team beschäftigt, kommen häufig aus konkreten Anwendungsfällen für Industrieunternehmen. „Gemeinsam versuchen wir, daraus Lösungen zu entwickeln, die einen tatsächlichen Mehrwert schaffen.“ Mit seinem Bereich Supply Chain Services bringt das Fraunhofer IIS wichtige Kompetenzen in diesem Themenfeld für den Transfer von Forschung in die Praxis ein. In einem gemeinsamen Projekt mit dem Fraunhofer IIS und Praxispartnern arbeitet die Forschungsgruppe der UTN an der Optimierung von Containerterminals im kombinierten Verkehr. „Eine besondere Herausforderung ist, dass Tages- und Echtzeitplanungen häufig auf Basis unvollständiger und unsicherer Informationen erfolgen. Gleichzeitig müssen Containerstapelung, Umschlagprozesse und die verfügbaren Terminalressourcen laufend koordiniert werden.“ Das könne beispielsweise zu unnötigen DoppelHandlings, ineffizienten Abläufen oder längeren Wartezeiten für LKW führen. Das Projektteam setzt auf die Kombination von datengetriebener, KI-gestützter Prognose und mathematischer Optimierung. Künstliche Intelligenz verarbeitet große und dynamische Datenmengen und kann trotz unsicherer Informationslagen beispielsweise kurzfristige Veränderungen im Terminalbetrieb erkennen. Daraus leitet sie entsprechende Prognosen ab. „Darauf aufbauend berechnen Optimierungsverfahren, wie Aufträge sinnvoll zugewiesen, Container effizient gestapelt und die vorhandenen Ressourcen möglichst gut genutzt werden können.“ Ziel sei es, Planungsentscheidungen stärker zu automatisieren und auch in Echtzeit auf veränderte Situationen reagieren zu können. In diesem Projekt liegt der konkrete Nutzen in einer besser abgestimmten Planung und damit in effizienteren operativen Abläufen. „Unproduktive Arbeitsgänge und unnötige Umschlagvorgänge können reduziert, LKW-Wartezeiten verkürzt und die vorhandenen Kapazitäten besser genutzt werden. Gleichzeitig steigen Transparenz und Planbarkeit für die beteiligten Unternehmen.“ Damit können KI-gestützte Prognose und mathematische Optimierung gemeinsam dazu beitragen, den u Foto: Yeahia Barbhuiya – Shutterstock 12 VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 SPEZIAL
Die Technische Universität Nürnberg (UTN) feiert 2026 ihr fünfjähriges Bestehen. 2021 als zehnte staatliche Universität in Bayern gegründet, entwickelt sie neue Wege für Forschung und Lehre: international, digital und stark interdisziplinär, mit einem klaren Fokus auf Künstliche Intelligenz und das Zusammenspiel von Technologie und Gesellschaft. Das akademische Profil der UTN prägen derzeit die ersten zwei Departments: Computer Science and Artificial Intelligence (CSAI) und Liberal Arts and Social Sciences (LiAS). Geplant ist ein Ausbau um drei weitere Departments. Die UTN bietet gegenwärtig die beiden Masterstudiengänge „Artificial Intelligence and Robotics“ sowie „Human and Artificial Intelligence“ an. Zum Wintersemester 2027/28 ist der Start des ersten Bachelorstudiengangs „Computer Science and Artificial Intelligence“ geplant. Auch räumlich wächst die junge Universität: Ihr 37 Hektar großer Campus wird zum Herzstück des neuen Nürnberger Stadtteils Lichtenreuth. Im Endausbau soll der Campus rund 200 Professorinnen und Professoren sowie 6.000 Studierende beherbergen. Studieren an der Technischen Universität Nürnberg Fotos: FOTOGRIN – Shutterstock, Below the Sky – Shutterstock 13 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2026
kombinierten Verkehr effizienter und attraktiver zu gestalten und so die Leistungsfähigkeit und Resilienz von Lieferketten zu verbessern. Warum sollten Unternehmen sich durch neuartige digitale Lösungen unterstützen lassen? Aus Glombs Sicht ist der wichtigste Vorteil, dass komplexe Abhängigkeiten sichtbar und berechenbar werden. „In einer Lieferkette hängen Lieferanten, Produktionsstandorte, Transportwege, Lagerbestände und Kundenbedarfe eng zusammen. Eine Veränderung an einer Stelle kann Auswirkungen auf das gesamte System haben.“ Digitale Tools und mathematische Methoden können hier verschiedene Szenarien vergleichbar machen: „Was passiert, wenn ein Lieferant ausfällt? Welcher alternative Lieferant wäre sinnvoll? Wie viel Sicherheitsbestand ist wirtschaftlich vertretbar? Welche Entscheidung macht die Lieferkette tatsächlich robuster?“ Dabei gehe es nicht darum, dem Unternehmen die Entscheidung abzunehmen. „Gute Entscheidungsunterstützung bedeutet vielmehr, aus vielen möglichen Optionen die relevanten sichtbar zu machen und ihre Konsequenzen quantifizierbar zu machen.“ Gerade bei großen und komplexen Systemen kann das einen erheblichen Mehrwert bieten, weiß Lukas Glomb: „Man verlässt sich nicht nur auf Erfahrungswerte, sondern kann Erfahrung mit Daten und mathematischen Modellen so verbinden, dass Vorhersagen – und damit Entscheidungen – transparent und nachvollziehbar getroffen werden können.“ Genau diese Verbindung von Datenanalyse, KI-gestützten Prognosen und mathematischer Optimierung ist für ihn besonders interessant. Glomb verweist auf einen seiner Leitsätze: „KI kann prognostizieren – mathematische Optimierung kann daraus konkrete Entscheidungen ableiten.“ „Biomarker“ für die Lieferkette Doch die Optimierung durch Algorithmen und KI-Prognosemodelle ist nur der Anfang der Digitalisierung entlang der Wertschöpfungskette. Längst arbeiten Forschende daran, die Materialien selbst „zum Sprechen“ zu bringen. Zu diesen Wissenschaftlern gehört Dr. Jakob Reichstein, der im November 2025 für seine Dissertation zu Suprapartikeln als mikrometerkleine Informationsträger mit dem Exzellenzpreis der VAA Stiftung ausgezeichnet wurde. Seit anderthalb Jahren arbeitet Reichstein als Projektleiter in der Forschung und Entwicklung bei der Papierfabrik Louisenthal GmbH, einem Unternehmen der Giesecke+Devrient-Gruppe, das Banknotenpapier, Sicherheitsmerkmale für Banknoten sowie andere Sicherheitspapiere herstellt. Die Themen Echtheit und Fälschungsschutz begleiten ihn aber schon seit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit an der Universität Erlangen-Nürnberg. Bereits im Rahmen seiner Forschungsarbeit hat sein Team ein Materialsystem entwickelt, das sich in unterschiedlichste Materialien, Rohstoffe oder Produkte Foto: RistoArnaudov – iStock Foto: Andrey Popov – iStock Für seine Dissertation zu SuprapartikelDesigns als mikrometerkleine Informationsträger ist Dr. Jakob Reichstein 2025 mit dem Exzellenzpreis der VAA Stiftung ausgezeichnet worden. Foto: VAA 14 VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 SPEZIAL
Fotos: imaginima – iStock, PeopleImages – iStock der von der Bundesvereinigung Logistik (BVL) befragten Unternehmen erkennen die Bedeutung der Digitalisierung an und setzen entsprechende Maßnahmen um. Das können zum Beispiel Tools zur Überwachung globaler Lieferketten in Echtzeit sein, um geopolitische Risiken wie zum Beispiel Transportverzögerungen oder Lieferantenausfälle frühzeitig zu erkennen. Oder eine Integration spezialisierter Tools in ein bestehendes ERP-System wie SAP oder Microsoft Dynamics als zentrale Unternehmenssoftware, die alle wichtigen Geschäftsprozesse von Einkauf und Produktion über Lager und Vertrieb bis zur Buchhaltung in einer einzigen Datenbank zusammenführt. Die digitale Transformation in Logistik und SCM sei laut BVL fest etabliert und schreite auch in der Breite spürbar voran – einschließlich der Anpassung von Geschäftsmodellen. 98,5 Prozent integrieren lässt und diesen zusätzliche Informationen hinzufügen kann, beispielsweise ein Echtheitsmerkmal. „Um den Zusammenhang meiner Forschungsarbeit zu erklären, hilft ein grundlegender Gedanke: Kommunikation ist der Schlüssel für das erfolgreiche Zusammenleben von Menschen“, erklärt Reichstein. „Materialien bilden das Fundament des technischen Fortschritts unserer modernen Welt.“ Allerdings können Materialien normalerweise nicht mit Menschen kommunizieren. Jakob Reichstein hat deshalb sogenannte Suprapartikel entwickelt, die genau dies ermöglichen. „Genauer gesagt habe ich diese Partikel chemisch so programmiert, dass wir von ihnen Informationen über ihre Identität, ihre Herkunft oder ihren aktuellen Zustand erhalten können. In einfache Fragen übersetzt könnten Materialien mithilfe dieser Partikel Auskunft darüber geben, wer sie sind, woher sie kommen und wie es ihnen gerade geht.“ Suprapartikel kann man sich als mikrometergroße Partikel vorstellen, die aus Nanopartikeln aufgebaut sind. „Unter einem geeigneten Mikroskop, beispielsweise einem Rasterelektronenmikroskop, sehen sie oft aus wie kleine Himbeeren“, sagt Reichstein mit einem Schmunzeln. „Die Nanopartikel bilden dabei die innere Struktur dieser Himbeere. Durch die Wechselwirkungen der Nanopartikel innerhalb des Suprapartikels lassen sich Eigenschaftsprofile erzeugen, die weit über die Summe der einzelnen Bestandteile hinausgehen.“ Die speziellen Eigenschaftsprofile der Suprapartikel eröffnen Anwendungsmöglichkeiten insbesondere in der Logistik, im Recycling und in globalen Lieferketten. „Man kann sich diese Partikel deshalb durchaus wie eine Art Biomarker für Materialien vorstellen. Ähnlich wie ein Biomarker Informationen über biologische Prozesse liefert, können unsere Partikel Informationen über Materialien bereitstellen.“ u 15 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2026
Durch die Suprapartikelmarkierung könnten sich künftig Herkunftsinformationen entlang von Wertschöpfungsketten viel besser nachvollziehen lassen. Dies ermöglicht Anwendungen, die vorher nicht existierten, ist sich Jakob Reichstein sicher. „Materialien verfügen normalerweise nur über ihre natürlichen physikalischen und chemischen Eigenschaften als Informationsträger. Durch die zusätzlichen Marker können sie mit weiteren Informationen ausgestattet werden.“ Gleichzeitig kann diese Technologie dazu beitragen, Prozesse effizienter zu gestalten und deren Energieverbrauch zu senken. Chancen für die Chemie Am Beispiel von Reichsteins Forschung zeigt sich: Die Suche nach neuen Lösungen läuft auf Hochtouren. Und das ist dringend nötig, denn die Rahmenbedingungen des weltweiten Wirtschaftens verändern sich grundlegend. Zurzeit erleben die Menschen einen doppelten Klimawandel: Zusätzlich zum meteorologischen Klimawandel mit seinen physischen Auswirkungen auf die Lieferwege schlägt gerade der Wandel des geopolitischen Klimas in den internationalen Beziehungen durch. Außerdem sind dem klassischen Wachstum in vielen europäischen Kernmärkten klare Grenzen gesetzt. Dennoch entstehen selbst in diesem Geschäftsklima noch neue Chancen für die gebeutelte Branche. Zu den zahlreichen Zukunftsfeldern gehören unter anderem die Energietransformation und neuartige Recyclingtechnologien. Die Chemieindustrie sieht sich dabei als einen zentralen Enabler für viele technologische Entwicklungen und schafft die Voraussetzungen für Innovationen in zahlreichen Industrien. Auch Wissenschaftler wie Lukas Glomb und junge Innovatoren wie Jakob Reichstein sehen die Chemieindustrie noch lange nicht am Ende. Die Aufgaben und Herausforderungen werden sich zwar verändern und die Lieferketten werden unbestritten anfälliger und viel komplexer, gleichzeitig wird es für die Branche noch viel zu tun geben, um Zukunftstrends überhaupt zu ermöglichen. Fotos: Petmal – iStock, den-belitsky – iStock 16 VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 SPEZIAL
Jetzt Panel-Mitglied werden Weitere Informationen unter www.CHEMonitor.com Trendbarometer für die deutsche Chemiebranche! CHEMonitor bildet regelmäßig und systematisch die Bewertung der Standortbedingungen sowie Prognosen zur Investitions- und Beschäftigungsentwicklung ab und greift aktuell diskutierte Themen der Branche auf. © pickup - stock.adobe.com ANZEIGE
365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag: Logistik findet überall statt. Die Branche impliziert alle arbeitsteiligen Wirtschaftssysteme, in denen es auf eine zeit-, kosten- und mengenoptimierte Verteilung von Gütern und Dienstleistungen ankommt. Logistik ist ein System, das im eigenen Unternehmen, aber auch übergreifend mit Lieferanten und Kunden eine optimale Versorgung mit Materialien, Teilen und Modulen für die Produktion und der Märkte bedeutet, so beschreibt es eine Definition der Bundesvereinigung Logistik (BVL). Im englischen Sprachraum wird im Synonym von „Supply Chain Management“ gesprochen, also der intelligenten Planung und Steuerung von Wertschöpfungsketten. Seit 1988 informiert die Bundesvereinigung Logistik (BVL) in ihrer Studienreihe „Trends und Strategien in Logistik und Supply-Chain-Management“ über aktuelle Trends und ihre Einordnung durch die Befragten und bietet damit eine wichtige Orientierung im Wirtschaftsbereich Logistik. Die 16. Ausgabe unter dem Titel „Aufbruch im Umbruch: zukunftsfähig durch digitale, nachhaltige und resiliente Wertschöpfungsketten“ wurde im Januar 2026 veröffentlicht. Sie zeigt, dass die Top-Themen Cybersicherheit und Digitalisierung im Vergleich zur letzten Ausgabe nahezu unverändert bleiben. Die „Triple Transformation“ um Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz wird weiter priorisiert und bildet die zentrale Leitlinie zukunftsfähiger Wertschöpfungsketten. Für die Studie wurden zwischen Juni und August 2025 über 200 Logistik- und SCM-Verantwortliche aus dem deutschsprachigen Raum befragt. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für Logistik und Unternehmensführung der Technischen Universität Hamburg und der Hochschule Heilbronn. Im Jahr 1978 gegründet ist die Bundesvereinigung Logistik (BVL) eine gemeinnützige, neutrale und überwiegend ehrenamtliche Organisation. Als Plattform für Manager der Logistik in Industrie, Handel und Dienstleistung sowie für Wissenschaftler und Studierende bildet sie mit heute rund 8.000 Mitgliedern in 38 Regionalgruppen weltweit – 28 davon lokal in Deutschland ehrenamtlich geführt – eine Brücke zwischen Wirtschaft und Wissenschaft und ist Podium für den nationalen und internationalen Gedankenaustausch zwischen Führungskräften aus Logistik und Supply Chain Management. Rund 3,35 Millionen Beschäftigte waren laut BVL im Jahr 2024 in logistischen Bereichen wie Handel, Import, Export sowie Produktion, Beschaffung Distribution und Entsorgung in Deutschland tätig und generieren Wert. Mit rund acht Prozent trägt die Logistik zum deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei und gilt damit als wesentlicher Teil der deutschen Wirtschaft und Unternehmerlandschaft. Sie ist stark von politischen Rahmenbedingungen betroffen, insbesondere durch Regulierung, Berichtspflichten und Infrastrukturpolitik. Foto: SHansche – iStock VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 SPEZIAL 18
83,6 Prozent aller Befragten der BVL-Studie betrachten die Zusammenarbeit in Lieferketten am Beispiel Datenaustausch als geeignete Maßnahme. 81,7 Prozent wünschen sich eine Erhöhung der Transparenz in der Lieferkette, 78,2 Prozent stimmen einem risikoorientierten Lieferantenmanagement zu. 69,8 Prozent sind für ein „Dual Recourcing“ von Rohstoffen und Materialien, 65,3 Prozent für eine Regionalisierung von Lieferketten und 60,4 Prozent für eine Anpassung von Bestellvorlaufzeiten sowie die Lockerung der Just-in-Time-Anforderungen. 59,5 Prozent befürworten eine Erhöhung der Lagerbestände kritischer Produkte, 52 Prozent die Nutzung alternativer Transportmodi und 41,4 Prozent eine stärkere Dezentralisierung durch die Erhöhung der Anzahl von Distributionszentren. Mit 327 Milliarden Umsatz im Jahr 2023 gilt die Logistikbranche als drittgrößter Wirtschaftsbereich Deutschlands. Gerade in diesen Zeiten werde die Gefährdung der Lieferketten der BVL zufolge deutlich höher wahrgenommen als in früheren Jahren erwartet und verdeutlicht die wachsende Krisenanfälligkeit globaler Lieferketten. Als eine Fähigkeit, mit Krisen, Stress oder Rückschlägen umzugehen, sei Resilienz eine Grundvoraussetzung für zuverlässige Lieferketten und weniger ein Differenzierungsmerkmal. Es sei festzustellen, dass Unternehmen Risiken klar erkennen und ihre Anstrengungen zum Aufbau resilienter Strukturen intensivieren. Gleichzeitig bleibt Resilienz schwer monetarisierbar. Die größten Fortschritte entstehen dort, wo systematische Vorbereitung, Absicherung der physischen Lieferkette und Cybersicherheit gemeinsam gedacht werden. 19 SPEZIAL VAA MAGAZIN OKTOBER 2026
Zukunftsaussichten für die Unternehmensmitbestimmung Ende September 2026 haben sich die Aufsichtsräte aus dem VAA in Thüringens Landeshauptstadt Erfurt zur jährlichen Herbsttagung getroffen. Rund 30 Teilnehmende fanden sich für zwei Tage zusammen, um über die Zukunft der Unternehmensmitbestimmung in herausfordernden Zeiten zu diskutieren. Unter anderem standen die Verschwiegenheitspflichten von Arbeitnehmervertretern und die Erfolgsfaktoren zukunftsfähiger Aufsichtsräte im Fokus. Foto: VAA Aufsichtsrätetagung in Erfurt Den Beginn der Tagung machte Dr. Lukas Berger (im Bild oben) zum Thema „The Board of the Future – Erfolgsfaktoren wirksamer und zukunftsfähiger Aufsichtsräte“. Seit vielen Jahren berät und begleitet der Director des European Center of Board Effectiveness (ECBE) Aufsichtsräte und Leitungsgremien bei Fragen der Wirksamkeit, Zusammenarbeit und Weiterentwicklung ihrer Gremienarbeit sowie der Corporate Governance. Am Samstag referierte Dr. Achim Seifert, der schon mehrfach auf VAA-Veranstaltungen als Experte aufgetreten ist, über die „Verschwiegenheit der Arbeitnehmervertreter im mitbestimmten Aufsichtsrat.“ Seifert (im Bild auf Seite 21 unten rechts) ist Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Deutsches und Europäisches Arbeitsrecht sowie Rechtsgleichung an der Universität des Saarlandes. Ein Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit bildet das Recht der unternehmerischen Mitbestimmung. An beiden Tagungstagen war die Veranstaltung geprägt durch einen intensiven Austausch zwischen den Aufsichtsratsmitgliedern untereinander und mit den Referenten. In vertraulichem Rahmen ging es dabei auch um den praxisorientierten Austausch von Know-how für eine erfolgreiche Gremienarbeit. „Als Vorsitzender der VAA-Aufsichtsratskommission freue ich mich über den intensiven, unternehmensübergreifenden Austausch in Erfurt“, sagte VAAVorstandsmitglied Dr. Roland Fornika. Die Referenten haben mit hoher inhaltlicher Qualität zentrale Themen wie Board of the Future und Verschwiegenheit im Aufsichtsrat fundiert beleuchtet, betonte der Vorsitzende der VAA-Kommission Aufsichtsräte. „Gerade die praxisnahen Beiträge machen die Tagung für die Aufsichtsräte besonders relevant und zukunftsweisend. Die Teilnehmenden profitieren immer wieder sehr intensiv von den konkreten Impulsen und dem direkten Erfahrungsaustausch.“ 20 VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 VAA
www.gdch.de/karriere für Chemie und Life Sciences Von Chemikern für Chemiker Nutzen Sie das Netzwerk der GDCh: Stellenmarkt – Online und in den Nachrichten aus der Chemie Publikationen rund um die Karriere CheMento – das GDCh-Mentoringprogramm für chemische Nachwuchskräfte Coachings und Workshops ChemCareerCorner – die Austauschplattform für Ihre Karrierethemen Einkommensumfrage Gesellschaft Deutscher Chemiker Fotos: VAA Die Herbsttagung der Aufsichtsräte hat am 25. und 26. September 2026 in Erfurt stattgefunden. Dort haben sich rund 30 Aufsichtsratsmitglieder aus unterschiedlichen Unternehmen und Branchen getroffen, um praxisrelevante Themen zu diskutieren.
Sozialpartnerveranstaltung im Dezember Sozialpartnerschaft als Branchenkompass in der Transformation Am 2. Dezember 2026 laden der VAA und der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) zur gemeinsamen Sozialpartnerveranstaltung nach Köln ein. Unter dem Leitmotiv „Führung in der Transformation“ diskutieren hochkarätige Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis über die Herausforderungen einer Arbeitswelt im Wandel. Die Veranstaltung setzt zugleich ein Zeichen für die gelebte Sozialpartnerschaft in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche. Foto: VAA Nicht nur durch die aktuelle weltweite geo- und wirtschaftspolitische Situation wird deutlich, dass die Chemie- und Pharmaindustrie vor gewaltigen Herausforderungen steht. Die Krise verschärft bestehende Trends, denn Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI), nachhaltige Transformation sowie ein tiefgreifender Strukturwandel verändern Geschäftsmodelle und Arbeitsprozesse. Dies beeinflusst auch die Anforderungen an Fach- und Führungskräfte. Wie Unternehmen und Führungskräfte Orientierung geben und Wandel erfolgreich gestalten können, steht im Mittelpunkt einer gemeinsamen Sozialpartnerveranstaltung von VAA und BAVC am 2. Dezember 2026 in Köln. Im Hyatt Köln erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Programm mit namhaften Referentinnen und Referenten. Impulse liefern unter anderem Prof. Peter H. Seeberger, Gründungsdirektor des Center for the Transformation of Chemistry, Dr. Jörg Habich von der Liz Mohn Stiftung, die Inhaberin des Lehrstuhls für Strategie und Organisation an der Technischen Universität München Prof. Isabelle Welpe sowie Prof. Dr. Jutta Rump, Professorin für Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen sowie Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE). Thematisiert werden aktuelle Führungstrends, der Einsatz von KI, Zukunftsperspektiven für die Chemie- und Pharmaindustrie und die Bedeutung sogenannter Future Skills für Fach- und Führungskräfte. Zugleich steht die Veranstaltung für die enge Zusammenarbeit der Sozialpartner in einer Phase, die viele Branchenkenner als die schwerste Krise der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bewerten. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zeigt sich die Stärke der Sozialpartnerschaft, die auch bei unterschiedlichen Interessenlagen von gegenseitigem Respekt und einem gemeinsamen Verantwortungsbewusstsein geprägt ist. „Sozialpartnerschaft bedeutet nicht, dass es keine Konflikte gibt“, betont VAA-Hauptgeschäftsführer Stephan Gilow. „Gerade in Tarifverhandlungen vertreten wir unsere Positionen mitunter hart.“ Entscheidend sei jedoch, dass gegenseitiges Vertrauen bestehen bleibe. „Und das ist der Fall. Wir haben am Ende stets das gemeinsame Ziel im Blick, die Zukunft unserer Branche und ihrer Beschäftigten zu sichern.“ Nach Gilows Einschätzung sind konstruktive Lösungen nur möglich, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretungen auch in Zeiten großer Unsicherheit im Gespräch bleiben. „Die Herausforderungen durch Transformation, internationale Wettbewerbsverschärfung und technologische Veränderungen lassen sich nur gemeinsam bewältigen“, so der VAA-Hauptgeschäftsführer. „Über Jahrzehnte hat die Sozialpartnerschaft in der Chemie bewiesen, dass sie tragfähige Antworten auf schwierige Fragen entwickeln kann.“ Mit der Veranstaltung wollen VAA und BAVC den Dialog über die Zukunft von Führung und Arbeit in der Branche weiter fördern. Dass dieses Anliegen auf großes Interesse stößt, zeigt der aktuelle Anmeldestand: Bereits mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben ihre Teilnahme zugesagt, annähernd gleich viele aus den Reihen des VAA und des BAVC. Neben den Fachvorträgen bieten sich außerdem genügend Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung. Den Abschluss bildet eine gemeinsame Botschaft der Sozialpartner, die den Blick auf die anstehenden Aufgaben und Chancen der Branche richtet. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, empfiehlt sich eine frühzeitige Anmeldung zur Veranstaltung. 22 VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 VAA
8. – 9. Oktober 2026 in Wiesbaden Die Sprecherausschusskonferenz zielt darauf ab, Grundlagen zu vermitteln, Wissen aufzufrischen und den Erfahrungsaustausch zu ermöglichen. Sie eignet sich sowohl für neu gewählte als auch für langjährige Mitglieder von Sprecherausschüssen. Themen (unter anderem) Job-Grading: Einfluss auf Gehaltsstrukturen, Karrierepfade und Performance Management Sprecherausschussarbeit: Best-Practice-Beispiele und Schwerpunkte Entgelttransparenz: Was bedeuten die neuen Vorgaben konkret für Sprecherausschüsse? Erfahrungsaustausch und Networking Die Teilnahmegebühr beträgt 695 Euro zuzüglich 19 Prozent Umsatzsteuer. Anmeldung und Information: gabriele.hochsattel@vaa.de Best-Practice-Transfer, Wissensvermittlung, Networking Kooperationspartner Save-the-Date In Führung gehen! Foto: sanieri – iStock SPRECHERAUSSCHUSSKONFERENZ 2026 ANZEIGE
Wettbewerbsverzerrungen ausgleichen und kritische Abhängigkeiten abbauen Handel mit China Von Jürgen Matthes Der Außenhandel mit China ist aus dem Gleichgewicht geraten. In der EU, bei G7 und G20 wird derzeit kontrovers über das Thema „Global Imbalances“ diskutiert. Chinas Handelsbilanzüberschuss mit der Welt wird dieses Jahr wohl erneut auf Rekordniveau liegen. Das deutsche Defizit im Warenhandel mit China war noch nie so hoch wie 2025 (siehe Abbildung), in diesem Jahr dürfte es noch schlimmer kommen. Es ist mit einem Handelsbilanzdefizit von um die 100 Milliarden Euro zu rechnen. Das wäre eine Versiebenfachung des Handelsbilanzdefizits im Jahr 2019, das mit 14 Milliarden Euro bereits das höchste unter den deutschen Handelspartnern war und in den Vorjahren zwischen 15 und 20 Milliarden Euro schwankte. Wenn unsere Exporte nach China Jahr um Jahr mehr einbrechen, die Importe aber ungebremst weiter steigen, ist zu bezweifeln, dass Handel mit China für Deutschland noch eine Win-win-Konstellation ist. Dieses Ungleichgewicht hat Gründe: China bietet seine besser gewordenen Produkte zu extremen Niedrigpreisen an, Unterbietungen von 40 bis 50 Prozent sind eher die Regel als die Ausnahme. Das kann trotz gewisser Kostennachteile am Standort Deutschland nicht mit rechten Dingen zugehen. Japan und Südkorea haben auch technologisch aufgeholt, aber sie sind dabei teurer geworden. China wurde besser, aber zugleich billiger. Dahinter stehen massive chinesische Wettbewerbsverzerrungen – also direkte und indirekte staatliche Industriesubventionen sowie eine stark unterbewertete Währung, weil China trotz der gestiegenen Handelsbilanzüberschüsse seine Währung nicht aufwerten lässt, sondern weiter eng am US-Dollar orientiert. Diese Wettbewerbsverzerrungen dürften so groß sein, dass sie das Gros der chinesischen Preisvorteile erklären dürften. Allein der Aufwertungsbedarf des Yuans liegt bei weit über 30 Prozent. Deutsche Unternehmen haben mit diesen unfairen Preisvorteilen zu kämpfen, wenn sie auf chinesische Wettbewerber treffen. Und zwar Tag für Tag, überall auf der Welt. Die deutsche Wirtschaft ist davon besonders getroffen, weil China zunehmend in den Branchen vordringt, in denen wir unsere Spezialisierungsvorteile haben. Der China-Schock 2.0 trifft Deutschland auch deshalb besonders stark, weil Jürgen Matthes ist Leiter des Themen- clusters Internationale Wirtschaftspolitik, Finanz- und Immobilienmärkte am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Foto: Uta Wagner – IW 24 VAA MAGAZIN OKTOBER 2026 POLITIK
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